Wenn du dich nur bewegen kannst, sagst du, bist du schneller: Schneller als deine Erinnerungen, die wie ein an der Oberfläche träger, innen brodelnder Lavastrom dahinfließen, alles mitreißend, was sich da noch traute zu wachsen.

Jetzt seist du in dieser erzwungenen Entschleunigung, in diesem Allein- und Auf-dich-Zurückgeworfensein wie ein ausgebremster Hunt, auf dessen Schienen dicke Holzklötze ihn zum Stehen brachten, und dass du nicht mal wüsstest, woher du den Namen dieser alten Kohlewagen kennst, mit der Eisenbahn hättest du wenig am Hut.

Und du zwinkerst deine Angst kurz weg, erzählst weiter: Dass, wenn du nicht aufpasst, sich aus dem mäandernden Glutfluss eine Erinnerung erhebt, wie eine Hand aus einem Grab um Mitternacht nach dir greift, und du siehst eine harte Faust, oder das Funkeln einer Gürtelschnalle, oder ein fratzenhaft verzogenes Gesicht, und du hörst all die Beschimpfungen, „du fette faule Sau“, „du stinkende Kuh“, und noch viel Schlimmeres, trostlose Beleidigungen, weil du kein Tier damit verknüpfen kannst, und Tiere magst du gern. Du wappnest deinen mageren Kinderkörper und hältst dir innerlich die Nasenlöcher zu, weil er Testosteron ausdampft, Rage, Cholera, und dabei nach Talkum stinkt.

Auf diesen Geruch hin musst du dich heute noch übergeben, dich ergeben, und du denkst an deine Oma, wie sie kotzen aussprach, als ob es zwei „o“ hätte, kootzen, und du musst lächeln, und für einen Moment ist die Erinnerungstotenhand ins Grab zurückgestoßen.
Und du siehst die Augen deiner Mutter vor sich hin stieren, wie sie da sitzt und starrt, immer nur starrt, siehst ihre Zigarette zwischen den Fingern, wie sie abbrennt, siehst die Glut, immer brennt sie vor sich hin, siehst die Finger dieser Hand, die so still hält, nie etwas tut, nie eingreift, dich nie schützt.

Und du weißt: Die Welt ist zu verletzt, um gut zu sein.

Und dieser Gedanke macht es bis heute erträglich, wenn deine Geschichte durch ihre Negation entwertet wird, wenn er, wenn beide, heute beinhart und felsenfest behaupten, doch immer gute Eltern gewesen zu sein, selbst, wenn sie dich auch heute noch anbrüllen und tätlich bedrohen.
Nur ein Herz, das noch ein bisschen warm ist, kann weich, kann mitfühlend sein. Und du verstehst, und du verzeihst.

Im Somatic Experiencing wissen wir um die Wichtigkeit von Orientierung. Im Traumastrom fehlen Wegweiser, die Abzweigungen, die Ausstieg oder Richtungswechsel erlauben. Deshalb setzen wir auch im Außen Anker, Markierungen, helfen auch den Sinnen zurück in die Gegenwart. Ein Bild an der Wand, eine Lampe an der Decke, ein buntes Spielzeug auf dem Tisch, ein Gong, ein Klang, ein Aromalicht – alles nutzt, um präsent zu sein. Leben ist gegenwärtig, jetzt ist es sicher, jetzt ist es gut.

„Da hängt das Blatt mit dem roten Kreuz von letztem Mal an der Wand“, lächelst du nun, „lass uns ein Herz malen, bunt soll es sein!“, und wir zeichnen auf ein Blatt eines der Organe, von denen du, ausgeweidet, glaubtest, dass es dir auch entnommen sei. Doch kennst du den Augenblick: Hast erlebt, wie es ist, wenn Blicke sich verschränken, Gegenwarten sich berühren, Zukunft zwar erfinden, immer ist doch auch ein „Finden“ dabei. Du weißt um den Moment, der ewig ist, ewig währt, weil du ihn halten kannst, dich nicht in ihm verlierst.

„Ich bin hier“, sage ich, und umfange deinen Blick. Ich strecke die Hand aus, berühre in der Vorstellung sanft, ganz sanft, dein Gesicht, spüre die glatte Oberfläche des Displays, des Monitors, es könnte auch ein Spiegel sein, ist es nicht immer das eigenen Antlitz, das wir im anderen sehen?