Ich halte deine Hand mit der viel zu groß gewordenen Haut, die lose und faltig um deinen Handrücken liegt. Wann hast du all diese Altersflecken bekommen, frage ich mich und meine Lippen rezitieren von selbst die medizinischen Bezeichnungen, Lentigines Seniles, aber ich mag die Alternative, Lentigines Solares, viel, viel lieber, und ja, es passt mehr: Wir haben jeden Sonnenstrahl genutzt, haben uns zu Kindern der Sonne gemacht, damals, als wir noch glaubten, ich ginge vor dir. Ist das wirklich erst so wenige Wochen her?

Deine Hand ist kühl, nein, sie ist eiskalt, sie fühlt sich nicht mehr wie deine Hand an, wie sie hier reglos, leblos, in meiner Handfläche ruht, und während durch die offenen Balkontür Baulärm hereindringt, ein Vogel scheint den Presslufthammer mit seinem Gezwischter imitieren zu wollen, Mimikri der Moderne, es wirkt wie ein groteskes Konzert, bei dem der Dirigent zuverlässig falsche Taktstockzeichen gibt, und ich merke, dass ich schluchze. Wo sind sie hin, unsere zusammen gesungenen Lieder, unsere gemeinsamen Zeiten?

Ich weiß, wie das Sterben abläuft, ich bin auf alles vorbereitet, ich weiß, was ich sehen, was ich hören werden, ich weiß, was das Gehirn im Sterben tut und habe meine eigene Theorie dazu entwickelt. Ich bin mir sicher, du wirst deinen Frieden finden. Und doch will ich mir die Ohren und Augen zuhalten, will die Realität aussperren, will meinen Grundton in mir finden und ihn mit zugekniffenen Lidern summen, bis er mich vibrierend erfüllt, meinen ganzen Seinsraum durchbebt und alle Wahrnehmungen auslöscht, ach, was nehme ich denn jetzt noch für wahr an?

Du hattest beinahe keine Kraft mehr, als du versucht hast zu rufen, ich solle das Fenster öffnen, und ich rannte, rannte die wenigen Meter zur Balkontür, immer in Angst, ich könnte den Moment verpassen. Du hast die Decke ganz eng um dich gezogen, weil du so dünn, so ausgezehrt warst, ich wollte deine Augen finden in deinem fiebrigen Blick, der ziel- und lichtlos durch das Zimmer rannte, und fand sie nicht. Irgendetwas geschieht, ich weiß nicht, was es war, und plötzlich ist Aufruhr an deinem Krankenbett, es ist laut, und dann bist du tot.

Und ich lege meine Stirn auf deinen Handrücken, deine Haut verrutscht, wie oft haben wir in den Nachthimmel geschaut und Sternbilder gesucht, du kanntest sie und ich habe welche erfunden, du zeigtest mir den Großen Wagen und ich dir das Flammende Herz, gleich darauf haben wir beide verloren, denn der Mond schien zu rasen, über unsere Köpfen hinweg, und wir spürten das Leben über die bloßen Fußsohlen, wenn wir barfuß über Tau, über Teer, über Wiesen und Wege tappten. Ich dachte immer, du bliebst, irgendwann, zurück. Wo ist deine Seele jetzt?