Wieder mal sitzen wir uns in unserer Stammkneipe gegenüber, schieben uns Blicke und Worte zu. Ab und zu tunken wir einen Satz in die Schaumkronen des Stouts, weil wir das Schimmern der nassen Wörter im dämmrigen Tresenlicht bewundern wollen. Und dann, ja, dann spielen sie Razorlights „wire to wire“, tu canción favorita de antes, dein Lieblingslied von früher, als du so geliebt und so gelitten hast. Du pflückst dir ein „ooohhh“ aus der Luft, mit feuchten Augen summst du mit:
„What is love but the strangest of feelings?
A sin you swallow for the rest of your life?
You've been looking for someone to believe in
To love you, until your eyes run dry.“
Ich hebe auffordernd eine Augenbraue, jetzt ist nicht die Zeit zum Weinen. Es gibt nichts zu bedauern, es gibt keinen Schmerz zu antizipieren. Dein Trauern jetzt hilft nicht, zukünftigen Kummer zu erleichtern. Also halte ich mit Héroes del Silencio und „entre dos tierras“ dagegen,
„Déjalo ya
No seas membrillo y permite pasar
Y si no piensas echar atrás
Tienes mucho barro que tragar“, ja, du wirst eine Menge Dreck fressen müssen, wenn, weil du weiter machst, und das müssen wir, wir sind Menschen, und Aufgeben ist keine Option.


Seufzend sagst du, dass du dir ein „instant freeze“-Herz wünschst. Dass es gut wäre, hättest du dein Herz auf Eis legen können. Es hätte nicht so weh getan, du wärst vor Liebesleid nicht halb verrückt geworden. Nur angefroren war es stattdessen, nicht ganz betäubt, und so zersprang es dir in Tausende von Stücken.

Wir alle kennen diesen Schmerz, wir alle wissen um die Macht des Liebeskummers. Beinahe alle tragen wir Erinnerungen an Momente in uns, in denen wir wir so tief getroffen waren, dass uns sogar das Atmen schwer fiel. Momente ohne Hoffnung, in denen wir dachten, nie wieder den Weg zurück ins Leben zu finden. Ich brauche dir nicht zu sagen, dass es ein „danach“, ein „die Zeit heilt alle Wunden“ geben kann, denn manchmal stimmt das nicht. Und im akuten Schmerz gibt es keinen Trost. 
Doch es gibt Bilder:

Dein Herz gleicht einem Schmetterlingskäfig, der all die Gefühle gleich zarten Faltern in sich hält. Dort tummeln sich die unterschiedlichsten Pfauenaugen, die über ihre Wehrlosigkeit hinwegtäuschen müssen, Schönbären, die tags und nachts aktiv sind, gefräßige Taubenschwänzchen und Frostspanner, die hart im Nehmen sind... Und viele, oh, so viele, die wir fast nie zu sehen bekommen, die sich auch in dunkelster Nacht verborgen halten...
Ziemlich weit vorne auf einer sattgrünen Pflanze hat sich ein Trotzflügler breit gemacht, der all den schlechten Erfahrungen ein „jetzt erst recht!“ entgegenhält. Dicht hinter ihm sitzt der Sehnsuchtsfalter: dieses Ziehen in dir, nach etwas, hin zu etwas, was verloren ist, was nie mehr wiederkommen kann... 
Ja, jetzt glaubst du, du seist verloren, all dein Lieben war umsonst. „Geh weg!“ verscheuchst du alle, die vor diesem Käfig stehen, um hineinzublicken. Und sie gehen.



Doch dann hebst du irgendwann die Augen, weil da einer bleibt, er geht nicht weg, lässt sich nicht verjagen. Unverrückbar steht er hier und schaut dich an. „Nein, tu das nicht!“, willst du noch rufen, als er die Hand zum Käfiggatter hebt. Doch er hat den Hebel bereits umgelegt, das Tor schon aufgeschoben und all die Falter flattern raus, umschwirren ihn, lassen sich auf ihm nieder. Und er beachtet all das Flattern nicht, hält nur seinen Finger der leeren Käfigtür entgegen, bis schließlich, oh, es dauert lange, ein letzter Schmetterling sich aus dem dunkelsten Eck wagt: Dein Vertrauen öffnet seine Flügel, erhebt sich in die Luft, nähert sich ihm, lässt sich auf seinem Zeigefinger nieder. 
Du atmest auf, weil du weißt, dass du es nicht verloren hast. Es hat sich ausgeruht, hat sich erholt, jetzt traut es sich doch wieder raus. Und es ist gleich, gleich gültig, ob er dein Vertrauen nun wirklich verdient oder du es nur glaubst, weil du es glauben willst. Das einzige, was zählt, ist, dass es sich erholte, dass du es erneut verleihen kannst. 


Sein "Ich bleibe unverrückbar", begann mit einem „gute Nacht, schlaf gut“ und einem „guten Morgen, was bringt dein Tag“, regelmäßig, auch, wenn es ohne Antwort von dir blieb, und dann, auf einmal, findest du dich wieder mit deiner Stirn an sein Schlüsselbein gelehnt, wann war das letzte Mal?, Jahrzehnte scheint es her, doch ihm traust du zu, es auszuhalten. Dieser Moment reicht, auch, wenn es vielleicht kein Morgen so wenig wie ein Gestern gibt, denn du spürst Vertrauen, das menschlichste aller Gefühle, wieder.
Und wenn diese Fingerkuppe, die den Schwung deiner Lippen wie die Narben auf deinem Körper und deiner Seele nachzeichnet, kurz, ganz zärtlich, innehält, wird das Schwirren all der Schmetterlingsflügel zu einem Summen, einem Ruf, und dein Herz wird spanisch, flüstert ihm zu: "Ámame, ámame mucho!", „Lieb mich, lieb mich sehr!“