Neulich bin ich über die „Bilder des Todes“ von Hans Holbein gestolpert. In einer Serie von 41 Zeichnungen widmet sich der um 1497 in Augsburg geborene sozialkritische Künstler im 15. Jahrhundert den Darstellungen menschlicher Perfiditäten.

Zumindest lese ich die Bilder derart: Während im ersten Bild des Zyklus, der „Schöpfung der Welt“, der Tod noch vergeblich gesucht wird, scheint er sich im zweiten Bild, dem „Sündenfall“ bereits in einer grotesk wirkenden Fratze abzuzeichnen. Ab der dritten Zeichnung, der „Vertreibung aus dem Paradies“, ist der Tod Gestalt geworden, von nun an wird er uns begleiten, ihm nicht mehr von der Seite weichen, und dann, wenn der niederträchtige Mensch sich wider seine Aufgabe wendet, greift er zu: So nimmt er einen Papst mit sich, der gerade einen König krönt, einen Mönch, der sein Sparschwein rettet, den Herzog, der die Armen ignoriert. Und doch ist der Tod auch Freund, Kamerad, spielt auf seiner Laute zu Evas und Adams Flucht aus dem Paradies, bearbeitet mit Adam mühevoll gebeugt die harte Erde...
In manchen Darstellungen ist der Tod zu suchen, er blendet sich in den Hintergrund ein, fast wie in einem Wimmelbild, und doch ist er präsent: Für den, der Augen macht, ihn zu sehen, ist er deutlich, ja: omnipräsent in allem, das den Menschen von sich entfernt.

Doch was ist die Natur des Menschen, was macht ihn aus?


Die humanistische Betrachtungsweise des Menschen ist auch meine eigene: Wir Menschen sind von Natur aus zu gutem Handeln bestimmt. Unter „gutem Handeln“ verstehe ich hier das Verhalten, das darauf abzielt, unserem Gegenüber Leiden zu ersparen, also drei der fünf Primäremotionen Ekel, Angst und Trauer abzuschwächen. Dies scheint auch von der zeitgenössischen Hirnforschung bestätigt, wenn sie Spiegelneurone als Grundlage für Empathie untersucht: Hirnstrukturelle und damit angeborene Mechanismen prädisponieren den Menschen als soziales Wesen, das das Wohlergehen anderer immer erstrebt, ja: erstreben muss, weil sein eigenes Gehirn es mitfühlen lässt. (Zumindest ist dies bei einem gesunden Gehirn der Fall – bei der dissozialen Persönlichkeitsstörung scheint genau dieser Mechanismus zu versagen bzw. die Spiegelneurone scheinen nicht adäquat zu funktionieren - was die Empathielosigkeit solcher Menschen ausmacht).
Ich glaube nicht, dass sich diese Perspektive allzu sehr von einer theologischen unterscheidet: Denn auch hier ist der Mensch gut, solange, bis er sich durch den Sündenfall von seiner Natur entfernt.

Wenn sich der Tod dann mitten im Leben mal versteckt, mal überdeutlich unsere Gier ad absurdum führt, ist er auch unser Retter: Er zeigt uns auf, wo wir, weil wir uns nicht mehr menschlich verhalten, unserem Tun ein Ende bereiten müssen. Er konfrontiert uns in diesen Momenten nicht nur mit dem, was wir verbrochen haben, sondern zeigt uns auch auf, was wir anders hätten tun können, tun sollen, tun müssen: Ein Papst, der einen Menschen krönt, statt für seinen Gott zu sprechen, ist kein Papst, ein Mönch, der irdischen Reichtum über seinen Glauben stellt, ist kein Mönch, usw.


Auch ich gehe davon aus, dass wir in unsere letzten Augenblicken, wenn unser Ich sich schon verflüchtigt, wenn Zeit und Raum als höhere kortikale Funktionen schwinden, und wir unserer eigenen Ewigkeit überlassen, ja: anvertraut und ausgeliefert sind, uns dem zu stellen haben, was unser Leben ausmachte: Haben wir nur auf uns geblickt, selbstvergessen unsere menschliche Natur des Mit-Menschseins verhöhnend, haben wir betrogen, haben wir verletzt, haben wir gelogen? Oder haben wir uns zumindest bemüht, immer wieder im Blick auf das „Du“, im Flüstern dieser Worte: „Du bist immer schon vor mir gewesen“ auch diesen Trost zu finden: Dass, wenn der Tod mich in diesem Suchbild doch findet, denn auch ich entziehe mich im Wimmelbild, ganz ungewollt, seinen Blicken, mein Kaleidoskop sich weiter dreht, bevor es innehält - und mir ein Mosaik der Harmonie im „Wir sind das Ganze“ als friedvolles Gefühl der Unendlichkeit mit meinem abschließenden Ausatmen schenkt. Das ist, was dem Guten, was im Guten, bleibt.