„Ah, ich wollte dich auch gerade anrufen, das ist ja Telepathie“, ruft mein Lieblingsmensch ins Handy, und ich muss grinsen. Früher hätte ich jetzt eine Diskussion gestartet, wie achtlos ein derartiger Sprachgebrauch ist, wie fahrlässig es ist, simple Koinzidenzen, Zufälligkeiten, metaphysisch, schlimmer noch; esoterisch, zu deuten, und, überhaupt, wie es sein kann, dass ein Wissenschaftler sich nicht klar darüber ist, dass Sprache unser Denken und sogar unsere Wahrnehmung beeinflusst. Jetzt grunze ich nur ein wenig und lächle dabei, er versteht schon, was ich damit meine, wir kennen uns gut genug (und mir ist durchaus klar, wie anstrengend meine Sprachgenauigkeit jenseits der Psychotherapie sein kann - in der Psychotherapie ist sie ein Wundermittel. An Worten können wir heilen, wenn es die richtigen sind.)

Die letzte Dekade hat mich weicher gemacht, nun habe ich verstanden, dass jeder seine eigenen Strategien entwickeln muss, um mit einer nur minimalen Beschädigung durchs Leben zu kommen. Und wenn für mich die Strategie ist, immer zu versuchen, achtsam mit Bedeutungen umzugehen, ist das eben nicht seine Strategie.

„Ich miste gerade aus, sitze vor einem Berg von Klamotten und warte auf tokimeku!“, ruft er ins Telefon, er scheint aufgeregt, ich weiß nicht, warum. Ich bin unsicher, ob es Sinn ergibt, beim Betrachten eines Kleidungsstücks auf tokimeku, die japanische Bezeichnung für eine spontane Gemütsregung, dieses glückselige Affiziertsein im Herzen und im Bauch, zu warten, darauf, dass der Glücksfunke überspringt... „Ach“, entgegne ich ihm grinsend, „keiner deiner Socken spricht spontan dein Innerstes an? Pass mal auf, dass du von deinem Herzen keine überflüssigen Affektionen abverlangst! Ich glaube ja, dass es herausfordernd genug ist, tokimeku bei Menschen zu spüren... und damit Liebe zuzulassen...“
Das war blöd, das war voreilig von mir. Jetzt sind wir doch wieder bei dem Thema gelandet, über das wir seit Wochen diskutieren.

„Ich habe in einem deiner Blogs gelesen, dass du meinst, dass lieben bedeutet, jemanden so zu behandeln, als ob er sein bestmögliches Ich bereits verwirklicht hat! Aber damit beschreibst du eine Handlung, ein Verhalten, nicht Liebe an sich! Was ist Liebe für dich?“ will er von mir wissen.

Jetzt bin ich doch entzückt: Genau solches Nach- und Hinterfragen, solche Gedanken begeistern mich. Auch wenn wir in jüngster Zeit viel über Liebe gesprochen haben, auch über meine unbedingte Forderung nach Aufrichtigkeit und Authentizität – wie sehr und ob ich überhaupt bereit bin, hier Abstriche zu machen (ich bin es nicht), gewinnt das Thema doch immer wieder neue Aspekte hinzu.

Liebe leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort liep, „Gutes, Angenehmes, Wertes“ ab, und das wiederum scheint vom Indogermanischen leubh, „gern, lieb haben, begehren“ abzustammen. Und doch verstehe ich Liebe als über das eigene Wollen, über Begehren hinausgehend.
Liebe ist für mich die Verbindung vom Ich zum Du, sie ist der Brückenschlag über die existentielle Einsamkeit...

Wenn das Ich als Bewusstsein meiner Selbst nur in Abgrenzung zu einem Gegenüber entstehen kann (in einem Prozess, der in den ersten beiden Lebensjahren zur Entwicklung der Ich-Identität führt), mich Selbstreflexivität also aus meiner symbiotischen Verbundenheit reißt und in die Ein-Samkeit stürzt, ermöglicht Liebe Transzendenz: Liebe ist das Überwinden meiner Abgetrenntheit vom „großen Ganzen“, auf das sie hindeutet. Liebe ist für mich eine Art Wiedererinnern des Angebundenseins an den prä-selbstbewussten Zustand der Aufhebung der Grenzen zwischen mir und dir.

„Oh“, sagt mein Lieblingsmensch, „das klingt ja äußerst metaphysisch!“

Natürlich hat er da Recht. Und manchmal habe ich richtig Lust daran, meine Gedanken über das Physische hinaus ins Metaphysische taumeln zu lassen.

Liebe hat Bedeutung, deutet auf etwas hin: All die unterschiedlichen Formen der Liebe, die wir empfinden, sind nur Träger. Das, worauf Liebe deutet, deutet auf uns zurück, empfiehlt uns dieser Anbindung zurück ans große Ganze. Die Bedeutung der Liebe ist vielfältig beschrieben worden, leuchtender, bestimmender noch sehe ich sie dort, wo sie nicht explizit beschrieben ist, und ich erahne ein geteiltes hintergründiges Verständnis von Liebe in Schopenhauers Mitleid, in Kierkegaards Sehnsucht nach Glauben, ganz deutlich in Nietzsches amor fati...

„Oh, ha!“, mein Lieblingsmensch am anderen Ende der Leitung freut sich gerade sehr, „da greife ich doch eben aus dem Kleiderberg meine Lieblingsjeans von vor 12 Jahren, und was finde ich in der Hosentasche? Einen alten Glückskekszettel! Auf dem steht: „Verstehen und Liebe sind nicht zwei Dinge, sondern eins.“ Das ist doch auch ein Zufall, oder? Ich bin total glücklich!“ 

„Ja“, lache ich, „das ist echter Zufall. Und tokimeku!“