„Was würdest du tun“, fragt mich ein Freund, „wenn du genau wüsstest, dass morgen der letzte Tag deines Lebens wäre?“ Ich habe ihn erst vor kurzem kennengelernt, als er, desorientiert und in Aufruhr, durchs Klinikum irrte. Er begleitete seine Mutter zur Tumorsprechstunde und suchte die Radiologie. Ich zeigte sie ihm, und während seine Mutter eine weitere Untersuchung über sich ergehen lassen musste, gingen wir einen Kaffee trinken – und freundeten uns an. 
Er ist Statistiker – doch in diesem Fall tut ihm sein Wissen kaum Gutes. Denn, was als Zahlen relativ positiv wirkt: „Im Durchschnitt überleben 80 % der Frauen mit Brustkrebs die nächsten 5 Jahre und über 70 % die nächsten 10 Jahre. 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr, 17.000 sterben pro Jahr daran“ wirkt gleich ganz anders, wenn wir an den Einzelfall denken. Was ist, wenn du zu den 20 Prozent gehörst, die es eben nicht über die nächsten 5 Jahre schaffen? Wenn du eine der 17.000, die es nicht schaffen, bist?


Ich lächle ihm zu – diese Frage ist mir nicht neu. Nicht nur Menschen, die in meinem Beruf arbeiten, sondern jeder andere auch sollte sich diese Frage regelmäßig stellen, um immer wieder zu überprüfen, ob der eigene Weg noch stimmt. Deine Antwort auf diese Frage ist dein bester Indikator, ob es Änderungsbedarf in deinem Leben gibt.
„Ich weiß relativ genau, dass ich alles fast wie immer machen würde. Ich würde vielleicht ein paar Termine absagen, die Erstklienten an Kollegen überstellen, einiges an Unterricht absagen. Aber ich würde morgens rennen, in den Sonnenaufgang dort am Fluss, ich würde in die Uni gehen, ich würde in meiner Praxis meine Klienten empfangen... Dann würde ich Freunde treffen...“
Er unterbricht mich, blinzelt mich an: „Dir würde es um gar nichts leid tun?“
Ich schlucke, Wehmut fällt mich von hinten an. Denn auch, wenn ich mich bemühe, mein Leben so zu gestalten, dass ich im Alltag all das leben kann, was für mich Sinn bedeutet, so bleibt doch einiges, was ich warten ließ. Ich habe keine Rechnung offen, da gibt es niemandem mehr, dem ich verzeihen will, die Narben, die mir geschlagen sind, sind mit denen, die ich bei anderen hinterließ, aufgehoben. Ich habe bei denen, die ich verletzte, lange schon um Verzeihung gefragt, die, die mich so verletzten, dass es nie zu heilen vermag, sind auf sich gestellt. Dennoch hängt mein Herz, natürlich, an der Diesseitigkeit.
„Doch“, nicke ich: „Da ist einiges, was für mich kein Ende fand. Ich würde so gerne noch all die Bücher schreiben, die ich im Kopf mit mir trage, ich will meine Fragen klären, will, nur einige Male noch, das Glück einer Erkenntnis spüren. Ich will noch so viel wissen, in Erfahrung bringen... Banales, Triviales wie genauso wie Weltbewegendes, Aussagekräftiges...
Ist zum Beispiel der Unterschied im Ausleben der Individualität zwischen Deutschen und Chinesen auch auf die Grammatik zurückzuführen? Oder bestimmt das unterschiedliche Denken erst die Sprache? Im Chinesischen hangelt man sich vom Großen zum Kleinen, z.B. nennt man erst das Jahr, dann den Monat, dann den Tag, man geht also vom Allgemeinen zum Besonderen – im Deutschen ist es umgekehrt, da gehe ich von Detail zum Übergreifenden... Ist das der Hintergrund des Gesellschaftssystems?
Ich will meine Theorie zu Raum und Zeit und deren Konstruktion abrunden, will meine Bewusstseinsthesen publizieren, will noch mehr über Paradies und Hölle als Konstrukte im eigenen Sterbeprozess sinnieren, ich will...“ und ich halte inne, weil mich eine tiefe Traurigkeit beinahe zärtlich überschwemmt „...noch so viele Aha-Momente, will in dunstigen Nächten, in denen samtiger Rotwein auf der Zunge liegt, diskutieren, philosophieren, die Köpfe aneinanderlegen, berauscht vom Intellektualisieren... ich will noch einmal küssen, oh, küssen, das schönste, weil intimste, was doch mit unser Menschsein ausmacht, will mich halten lassen, von jemandem, der mich nicht liebt, dem ich das Herz nicht breche, wenn ich am nächsten Tag nicht wiederkehre... Ich will wach liegen und die Sterne zählen, will die sanfte Sehnsucht spüren, wenn ein Geliebter mir eine Nachricht schickt, will die Umarmung meiner Freunde spüren...“

Er schweigt, schaut mich an, senkt den Blick, flüstert, kaum hörbar, mir zu: „Meine Mutter sagt auch, dass sie noch leben will...“