Heimweh nach anderswo (ein Gleichnis)

Dieses Mal bin ich auf der anderen Seite des Flusses gelaufen, dort, wo die Luft viel klarer ist und die Wege nicht von Müll überhäuft. Ich bin in die andere Richtung gerannt, nicht der aufgehenden Sonne entgegen wie sonst, sondern entgegengesetzt, fort von ihr.

Nun sitze ich am Ufer des dunklen Sees, in dem sich die Bäume mit ihrem nun schon dichten Blätterwerk spiegeln. Ich suche mir dicke, runde Steine, die ich ins Wasser werfe. Ich mag es, wie die sanften Wellen sie mit einem zufriedenen Schmatzer verschlucken.

Plötzlich tanzt ein Stein über die Wasseroberfläche, nicht von mir geworfen, er berührt einige Male anmutig das Wasser, neckt es, liebkost es, bevor er darin versinkt.

Bildquelle: eigene Aufnahme

„Du bist wieder da“, sage ich aufs Wasser hinaus. „Natürlich“, höre ich dich glucksen, „ich bin nie weg gewesen!“. Ich schaue weiter geradeaus, spüre deine Anwesenheit nur, erahne dich an meiner Seite. Du lehnst dein Köpfchen an meine Schulter, ich widerstehe dem Impuls, schützend einen Arm um dich zu legen, dir übers Haar zu streicheln. Da kneifst du mich in die Seite, wie so oft zuvor, und kicherst. „Sag schon, dass du mich vermisst hast!“ forderst du.

Ich überlege. Habe ich dich vermisst? Was hat mir ohne dich gefehlt?

Ich lasse mir Zeit, die Antwort in mir zu finden, starre auf die Wellen hinab, während du ungeduldig mit dem Fuß im Kies scharrst. All die blauen Flecke und Narben, die du mir hinterlassen hast, lösen Melancholie in mir aus. Schließlich hebe ich den Kopf, blinzle in die Sonne und sage: „Nein. Ich habe, irgendwann vor langer Zeit schon, aufgehört dich zu vermissen. Wenn du da bist, genieße ich die Zeit mit dir, dann lasse ich dich gehen, halte dich nicht fest. Zu oft bist du unter meinen Händen in tausend Scherben zersplittert. Ich erkenne dich nun als Idee – als zauberhaften Traum, der nicht verharren darf. Du bist mein Heimweh nach Anderswo, das ich nie stillen kann.“

Was glauben wir alles zu „müssen“, oft, ohne es zu merken? „Ich muss erfolgreich sein“, „Ich muss eine glückliche Beziehung führen“, „Ich muss besonders gut / schnell / schlau / nett / selbstlos / xy sein“, „Ich muss tolle / intelligente / zufriedene / xy Kinder haben“ und so vieles mehr. All diese selbstauferlegten Ansprüche, diese rigiden Glaubenssätze, haben ihren Ursprung doch darin, dass wir uns aus fremden Augen sehen, dass wir Erwartungen, von denen wir glaub(t)en, dass andere Menschen sie an uns richten, unbedingt erfüllen wollen.

Doch weshalb?

Wärst du der einzige Mensch auf dieser Welt – was wäre dir wirklich wichtig? Hör auf zu „müssen“ - beginne zu „sein“. Spiele mit deinen Wünschen, tanze mit deinen Ideen – und lass sie ziehen, hören sie auf, gut für dich zu sein.

Halte einen Moment inne. Schau dich um: Das ist dein Leben. Dieser Moment ist alles, was du hast, was du jemals haben wirst - er ist allumfassend. Was hindert dich daran, jetzt, in diesem Augenblick, nur für ihn, zufrieden, gar glücklich zu sein? 

Ich fixiere deine schimmernde Reflexion in der spiegelnden Wasseroberfläche, betrachte deinen Lichterschein, du löst dich in der funkelnden Sonne auf. „Vano fantasma de niebla y luz“, echot es durch meine Gedanken, „eitles Nebellichtgespinst“. Ich erkenne mein Spiegelbild dort, wo eben noch du zu erahnen gewesen bist.

Der Kies unter meinen Händen ist angenehm trocken und warm, meine Finger umschließen einen glatten flachen Stein, ich hebe ihn auf und werfe ihn auf den See hinaus.

Federleicht berührt er einige Male das Wasser, malt wunderschöne Kreise, bevor er still in die Tiefe gleitet, dem Grund zu.

 

 


Morgentraining mit dem Tod: der Spielverderber

Seit geraumer Zeit sehe ich beim morgendlichen Laufen einen anderen Jogger: Nachdem er zu einer festen Uhrzeit zu laufen scheint und meine Zeiten, je nach meinen Terminen, stark variieren, treffe ich ihn mal auf meinem Hinweg, mal auf dem Rückweg, manchmal einige Tage gar nicht.
Irgendwann haben wir begonnen, uns mit erhobener Hand zu grüßen und uns zuzulächeln – was heute nicht mehr allzu häufig unter den Sportlern der Fall ist. Viele drehen in exklusiver Sportklamotte mit verbissenem Gesichtsausdruck ihre Runden, versuchen, ihrem Hobby Leistungssportcharakter zu verleihen, die Kopfhörer schirmen sie von der Außenwelt ab.


Hugo, nennen wir den anderen Morgen-Jogger auf meiner Runde so, ist anders: Seit jeher trägt er zum Laufen ein graues dickes Sweatshirt, das er in eine schwarze Jogginghose gesteckt hat, die er bis weit über die Taille hochgezogen hat. Seine dichtes schlohweißes Haar ist nie nassgeschwitzt, immer trabt er mir in konstanter Geschwindigkeit entgegen und lächelt zurück.

Nach längerer krankheitsbedingter Laufabstinenz bemühe ich mich, die verlorene Trainingszeit wieder reinzuholen. Ich ärgere mich darüber, dass ich immer noch ca. 25 Sekunden langsamer pro Kilometer bin als vor meiner Trainingspause – auf Empfehlung eines Freundes habe ich mir nun sogar eine Sportuhr besorgt, auf die ich ab und zu während des Laufs schaue, um meine Durchschnittsgeschwindigkeit auszumachen. Genau während des ersten Laufs mit der Uhr hat das Laufen aufgehört, mir Spaß zu machen.

Nichtsdestotrotz quäle ich mich mehrmals die Woche im Morgengrauen auf die Strecke. Warum? Ich habe mich nicht hinterfragt.


Bildquelle: fotolia.de

Heute bin ich viel später als üblich gestartet, Hugo ist früher dran als sonst: Wir begegnen uns an einer unüblichen Stelle, er auf dem Rück-, ich auf dem Hinweg. Wir heben die Hand, grinsen uns zu, dann verlässt er den Weg und läuft die Böschung hinunter. Ich bin perplex – da unten gibt es keinen Weg, da ist nur der Fluss.


„Hey!“, rufe ich ihm im Weiterlaufen nach, „Gehst du da unten schwimmen?“


Er lacht und bleibt stehen. „Oh nein“, denke ich, „du Spielverderber, lauf weiter, lauf doch weiter, nicht stehen bleiben, ich muss doch auch weiter, ich kann nicht stehen bleiben, das versaut meinen Schnitt!“, und er sagt irgendetwas, zumindest sehe ich seine Lippen, die sich bewegen und seine gestikulierenden Hände. Ich höre nichts, weil mein „Military Drill“ mir über meine Ohrstöpsel weiter den Takt anzeigt. Also hebe ich nochmals die Hand, grinse, will weiterlaufen, da sagt er nochmals was. Ich höre kein einziges Wort. Etwas genervt bleibe ich stehen, laufe auf der Stelle weiter, nehme meine Kopfhörer ab und bitte ihn, sich zu wiederholen.
„Erst nächste Woche gehe ich schwimmen.“ ruft er mir zu, „Vielleicht hast du Glück und das Eis ist dann schon weggetaut“, albere ich zurück und höre endlich auf, dümmlich auf der Stelle zu joggen.
„Nee, im Ernst“, setzt er fort: „Ich laufe nur hier kurz runter und 10 Meter später wieder hoch, ich mache halt nur so Quatsch.“

Ich verstehe. Ich verstehe wirklich, ich verstehe endlich, worum es geht in diesem Leben. Es geht nicht, nie darum, das Leben mit einer zielgerichteten Finalität, einem „um... zu“ als Herausforderung zu betrachten, das meine Härte, mein Durchhaltevermögen testen will. Es geht darum, in dem, was ein jeder von uns macht, Erfüllung zu finden, ohne weitere Finalität als das Auskosten eines jeden Moments. Und in diesem Moment muss ich nicht leiden, ich muss mich nicht quälen, ich kann einfach vergnügt vor mich hintraben, den Dampfwölkchen meines Atems in der klirrenden Morgenluft zusehen, mich an dem Orangerot der aufgehenden Sonne erfreuen, kann dem Tod zusehen, wie er Abhänge hinuntertollt und wieder herauf, wie er meinen Weg kreuzt, gutmütig, unbesorgt, in seiner eigenen heiteren Gelassenheit. Und irgendwann, irgendwann, laufen wir zusammen los und kommen zusammen an, dort, wo wir selbst unser Ziel definieren.


Sterntaler: Lass los, hör auf dein Glück zu jagen (mein logotherapeutisches Verständnis)

Wer sich in den ersten Januar-Wochen noch nicht gesehen hat, wünscht sich immer noch viel Glück im neuen Jahr. Manchmal frage ich dann, was denn Glück bedeuten mag.

Ist es das für immer unerreichbare Glück des Señor Rossi unserer Kindheit, bei dem nach jedem Kuchenstück, dem Auto, der Reise immer noch eine andere Verlockung die erzielte Zufriedenheit verhindert?

Den Menschen in meiner Umgebung ist es meistens ziemlich klar, welches Stück zum Glück ihnen zu fehlen scheint: manchmal ist es der Traumjob, oft das Unabhängigkeit versprechende Geld, fast immer die große Liebe.

„Wenn ich sie / ihn / es nur endlich finden / erreichen würde, wäre alles gut“ ist der hoffnungsvolle Leitsatz der ewig Suchenden und Leidenden.

Wehe dem, der dieses Ideal vom Glück in unzähligen tragikomischen absurden Versuchen tatsächlich nicht nur jagen, sondern auch erlegen kann - nur, um dann festzustellen, dass weder der Job, noch das Geld und schon lange nicht dieser eine Mensch meine Erlösung bedeuten.

Und doch krallen wir uns an dem fest, was einst unsere Rettung versprach, was heute zumindest noch Sicherheit gibt. Mit beiden Händen klammern wir uns an die Illusion, wohl ahnend, dass wir mit unserer Sturheit unser Elend verfestigen: Statt unser Problem zu lösen, werden unsere Lösungsstrategien selbst zum Problem.

Das einzige, was noch zu tun bleibt, wäre loszulassen.

Loslassen, um endlich die Hände wieder frei zu bekommen, um Neues empfangen zu können.

Doch wie geht das, wie geht Loslassen? Je verzweifelter ich etwas loslassen will, umso mehr halte ich mich daran fest.

Doch irgendwann, irgendwie in diesem Stolpern durch dein Leben, gerade, als du wieder auf einer Eisscholle ausgerutscht bist, du zu stürzen drohtest, vielleicht bist du schon gefallen, da rappelst du dich auf, hebst die Augen, starrst dem Himmel entgegen und schleuderst ihm ein schicksalstrotzendes „Gut, dann ist es nun mal so – auf mich wartet kein großes Glück, das Glück ist für die anderen gemacht. Was soll´s – ich gehe einfach weiter.“

In diesem positiven Aufgeben, dieser sinnerfüllten Resignation hast du verstanden, dass nicht die ich-bezogene Jagd nach dem Glück dein Leben bedeutungsvoll macht. Du bist eben nicht der Nabel der Welt, das Leben hat besseres zu tun, als gerade dich reich zu beschenken.

Du selbst musst deinem Leben Bedeutung geben, dir bleibt nichts übrig, als in der Einsicht, dass es kein Glück von außen gibt, dich der Aufgabe zu stellen, dein Leben dennoch mit Sinn zu erfüllen.


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Schau dich um – worin liegt deine Aufgabe verborgen? Wie würdest du leben, was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass nirgendwo dein Glück, worin auch immer du es vermuten magst, noch auf dich wartet?

Würdest du nicht innehalten, würdest du dich nicht bemühen, in diesem einen Moment für dich zufrieden zu sein? Würdest du dein Augenmerk nicht darauf richten, was du der Welt, dem Leben noch Gutes zu tun vermagst?

Auch aus meiner Arbeit mit traumatisierten Menschen weiß ich, dass wir nicht nur an Menschen zugrunde gehen – wir finden auch in Menschen Rettung.

Wenn im Alltag ein Ärgernis reicht, um zwanzig angenehme Erlebnissen zu überlagern, ist es bei lang andauernden Traumata umgekehrt: Eine einzige Begegnung mit einem uns wohl gesonnenen Menschen, der uns mit echter Menschlichkeit gegenüber tritt, kann reichen, um jahrelanges Leiden zu kontrastieren. Das, was gut für uns ist, ist allein durch uns bedingt. Manchmal trägt allein ein Blick, eine Umarmung, ein Lächeln, ein Wort, eine Melodie zu unserer Erlösung bei.

Was ist es, was du der Welt geben kannst? Was ist es, was du ihr schon gegeben hast? Du kannst niemals wissen, welcher deiner Sätze diese eine Person in ihrer Not als Mantra erreicht, du kannst nie wissen, welche deiner Noten, die die singst und spielst, für diesen einen Menschen zum Klang wird, der ihn hält, der ihn befreit.

Hör auf, dein eigenes Glück zu jagen – lass all dein sinnloses egozentrisches Streben los. Schau nach oben. Wer weiß, wie viele Sterne, wie viele bedeutungsvolle Augenblicke dir gerade eben in deine offenen, freien Hände vom Himmel fallen.

 


Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: Gibt´s schon eine APP für Glück?

„Links oder rechts?“ fragt mich ein Freund bei einem abendlichen Treffen in meinem Stammlokal und hält mir sein Handy unter die Nase. Auf einem Foto blickt mir eine recht adrette Frau mit einem angestrengt wirkenden Lächeln entgegen, während sie sich vor irgendeiner Sehenswürdigkeit in Pose wirft.

Ich bin verwirrt. „Also links ist erst mal immer besser als rechts“, entgegne ich, nehme das Handy, das er mir entgegenstreckt und wische das Bild aus Versehen nach oben. „Jetzt hast du ihr ein Super Like gegeben!“ ruft er etwas entsetzt aus. „Oh“, sage ich, „und das ist nicht gut?“

Willkommen in der neuen Dating-Welt, willkommen auf dem Single-Markt, willkommen im Ausverkauf der Katalogware Mensch.

„Wie lange machst du das denn schon?“ will ich aus echter Neugierde heraus wissen. „Och, ewig – mit den Unterbrechungen für Beziehungsversuche seit vielen Jahren. Da haste ja immer Nachschub, da lässt du dich nicht leicht auf was Festes ein. Was bleibt, ist die Suche nach dem Glück.“ antwortet er.

Wie kann es sein, dass in unserer heutigen Zeit, in der Dating und damit Kennenlernen leichter als je zuvor ist, es umso schwerer scheint, eine echte Beziehung einzugehen? Eine Beziehung, die nicht sofort aufgegeben wird, wenn die beiden Neuverliebten feststellen, dass es eine Herausforderung werden könnte (noch lange keine wirklich IST), die unterschiedlichen Essens-, Sport-, Reise- oder Filmvorlieben unter einen Hut zu bringen?

Wenn morgen ein 3D-Drucker unsere Wunschpartner fabrizieren kann – wie lange wären wir dann zufrieden?

„Eine finde ich ja ganz toll, mit der schreibe ich seit Wochen“, setzt mein Freund fort, „aber ich will sie nicht treffen, denn dann werde ich enttäuscht sein.“

Ich verstehe, was er meint – für Menschen, die verliebt in das Gefühl des Verliebtseins sind, kann die Wirklichkeit selten an die Vorstellung heranreichen: Meinem Freund ist klar, dass er, sollte er die „Ausgewählte“ wirklich treffen, Gefahr läuft, seine (tatsächlich realen) Gefühle für sie zu verlieren. Sie wird anders aussehen, als er glaubt (auch, wenn er selbstverständlich Bilder gesehen hat), sie wird anders sprechen (auch, wenn sie sich schon Sprachnachrichten schickten), sie wird anders lachen, als er sie sich gezeichnet hat, oder vielleicht können sie sich schlichtweg nicht riechen.

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Eines meiner Lieblingsgedichte ist von Gustavo Adolfo Bécquer, Rima XI – er beschreibt in der letzten Strophe wunderbar die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: „Ich bin Traum, bin nicht vorhanden, bin ein nichtiges Gespinst aus Nebel und Licht, ich bin ätherisch, bin unberührbar. Ich kann dich nicht lieben.“

„Oh, komm´, komm´ du“, lässt Bécquer seinen Helden ausrufen, der die Liebe, die er wirklich erleben könnte, zuvor ablehnt.

Geht es um das? Um das reine traumverhangene Gedankenspiel, das zu echten Emotionen wird? Und um diese Emotionen zu halten, die dem echten Leben nicht mehr standhalten können, muss eben jenes gemieden werden? „Leben in der Matrix“, nannten wir früher als Studenten die bewusste Wahl der Täuschung. Macht es einen Unterschied, ob deine Gefühle sich auf ein wirkliches Gegenüber oder auf deine Vorstellung beziehen?

„Wenn es nicht um Verliebtsein, sondern um Glück ginge (für mich ein genauso definitionsbedürftiger Begriff wie Liebe)“, frage ich meinen Begleiter, „wäre es für dich dann auch eine Frage, ob du es real erleben oder in der Vorstellung bleiben wolltest?“

Ich meine die Frage ganz ernst und nicht nur rhetorisch – denn für viele verspricht tatsächlich nur ein Traum Glück, wenn er erreicht ist, ist´s um das Glück geschehen...

„Nein“, sagt er, „aber Glück ist ja auch irgendwie nicht so erlebbar wie Liebe, finde ich“ entgegnet er.

„Vielleicht, weil du eben schon bei der Liebe diese Abstriche in der Virtualität machst? Und es für Glück noch keine APP gibt?“ füge ich nur noch, zwinkernd, hinzu.

„Oh“, grinst er plötzlich, „ich habe ein Match – die von eben hat mich auch geliket!“

Ich seufze, lasse ihn mit seinem Handy kommunizieren und flüchte mich in meine Traumwelten der spanischen Poesie.

 

Rima XI

 

Yo soy ardiente, yo soy morena,
yo soy el símbolo de la pasión,
de ansia de goces mi alma está llena.
¿A mí me buscas?
—No es a ti, no.

 

Mi frente es pálida, mis trenzas de oro:
puedo brindarte dichas sin fin,
yo de ternuras guardo un tesoro.
¿A mí me llamas?
—No, no es a ti.

 

Yo soy un sueño, un imposible,
vano fantasma de niebla y luz;
soy incorpórea, soy intangible:
no puedo amarte.
—¡Oh ven, ven tú!

 

Standardübersetzung ist von Christiane Busl

 

Ich bin feurig, mein Haar ist schwarz, voll Glanz, Symbol der Leidenschaft bin ich, Verlangen nach Lust erfüllt mich ganz. Bin ich's, die du suchst?

- Nein, nein, dich nicht!

 

Mein Haar: goldne Flechten, meine Stirne: bleich. Glückseligkeit grenzenlos biete ich dir. An Zärtlichkeit bin ich unendlich reich. Bin ich's, die du rufst?

Nein, nein, nicht dich!

 

Ich bin Traum, bin nichtiger Phantasie Gebilde aus Licht und Nebeldunst. Körperlos bin ich und greifbar nie. Ich kann dich nicht lieben.

- O komm; komm, du!

 

 

 


Die Schwanenprinzessin

Als ich ein Kind war, ging mein Großvater oft mit mir an den Chiemsee: In meinen Augen war er als Leiter der Wasserwacht der größte Held der Welt. Wenn er nachts ausrücken musste, weil sich trotz der Sturmwarnung ein unbedarfter Tourist aufs Wasser wagte und dann den schützenden Hafen nicht mehr erreichte, sah ich ihn in meiner Vorstellung den Havarierten, wie der heilige Christophorus das Jesuskind, aus den Fluten tragen.

Ich liebte es, mir Geschichten auszudenken, die ich ihm dann erzählte, wenn wir zusammen auf der Hollywoodschaukel saßen und ich seinen Pfeifenrauchkringeln nachblickte. Andächtig hörte er zu, um ab und zu andächtig seinen Kopf zu wiegen und sein „mhm“ zu brummeln und mich ziemlich grob am Ohr zu ziehen. Ich hielt den Schmerz aus, den er mir damit verursachte, und blinzelte die Tränen weg, denn ich spürte, dass dies sein allergrößter Liebesbeweis war – und auch die einzige „Zärtlichkeit“, zu der er fähig war. Wie so viele andere dieser Generation war auch mein Opa lange in Kriegsgefangenschaft und hatte jede Zärtlichkeit verlernt.

Ich begann, an meine eigenen Kreationen, die oft von fabelhaften Seewesen oder auch realen Wassertieren handelten, zu glauben und hinterfragte meine eigene phantastische Welt, die mein Kleinmädchenherz erfüllte, nicht mehr: Für mich waren Schwäne verzauberte Prinzen, und die kleinen, braunen Enten Prinzessinnen. In dieser Welt waren wir alle dazu bestimmt, unsere wahre Liebe zu finden, und so unser Schicksal zu erfüllen: Liebe war der Sinn.

Wenn ich eine Ente am Ufer des Chiemsees watscheln sah, kniete ich mich zu ihr, lockte sie zu mir, um ihr sanft mit einem Finger übers Gefieder zu streicheln und erzählte ihr von ihrem Bräutigam, der just in diesem Moment über die Wellen des Sees jagte, um bei ihr zu sein.

Ich weiß nicht mehr, wann ich aufhörte, an die romantische Illusion zu glauben, in der Prinzen Prinzessinnen retten und Liebe alles bedeutet. Irgendwann auf dem Weg des Erwachsenwerdens holte mich die Realität ein, und verzauberte Prinzen wurden wieder zu dem was sie sind: kitschige Figuren aus Märchen für Kinder á la Froschkönig und Liebe wurde zu einem Cocktail aus Hormonen und Neurotransmittern.

Den Glauben allerdings, dass Enten die Frauen von Schwänen sind, bewahrte ich mir bis vor wenigen Jahren. Wie groß war mein Erstaunen und auch die Belustigung meiner Freunde, als durch ein Zufall mein lebenslanger Irrtum ans Licht kam: Schwäne heiraten Schwäninnen und keine Enten, denn die haben Enteriche als Partner. Als mich mit einem derart banalen naturwissenschaftlichen Randdetail des Lebens die raue Wirklichkeit einholte, war es, als ob für mich ein Stück meiner Kindheit stirbt. Gerne wäre ich weiter ignorant durchs Leben gegangen, zumindest, was diese Information angeht...

Heute blicke ich um mich und sehe Menschen mit Fakten, Zahlen und Wissensbausteinen jonglieren. Ich sehe sie an und versuche das Kind hinter der Maske der ratio zu erkennen: das Kind, das mit leuchtenden Augen einer grandiosen Zukunft entgegen stürmt, dessen Herz erfüllt ist von den Kostbarkeiten des Lebens, das nie auf die Idee kommt, seinen unerschütterlichen Glauben an die Macht der Liebe in Frage zu stellen.

 

Ich frage mich, in welcher Welt wir leben könnten, wenn nicht so viele von uns vor dem Verstand in die Knie gegangen wären, wenn wir es uns erlauben würden, an das Gute zu glauben: daran, dass wir uns zur Seite stehen können, uns gegenseitig retten können, wie der Schwan seine Prinzessin, statt uns zu bedrohen und uns gegenseitig um das Kostbarste, was ein jeder besitzt, zu bringen, oft ungewollt, unbeabsichtigt: die Lebendigkeit in seiner Seele.

Und, ja: Manchmal wünscht man sich, etwas nicht zu wissen, um weiter glauben zu können.

 


 Tautropfen auf der Seele

Ist wirklich schon jene Jahreszeit angebrochen, die jeden dazu einlädt innezuhalten, um das bislang Geschehene Revue passieren zu lassen?

Gerade eben noch lagen wir am Strand und suchten im Wasser Kühlung – und nun, wenn wir, die Jacken noch locker um die Hüften geschlungen, abends im Biergarten sitzen, sind wir uns einig, dass jeder verbleibende Sommertag der letzte sein könnte. Wir teilen uns die Nostalgie gerecht, jeder bekommt seinen Teil davon ab. Was fängst du damit an?

Schon färben sich die Blätter bunt, und beim Morgenspaziergang im Wald funkeln Tautropfen auf Spinnweben: Der Altweibersommer ist hier – früher, viel früher als uns lieb ist. Nun sehnt sich selbst der abenteuerlustigste Wanderer verstohlen danach, sesshaft zu werden, für einige Atemzüge nur.

„Halte einen Augenblick nur inne, bleibe stehen, wirf einen Blick zurück“ raunen mir die Wipfel der Nadelbäume zu: „Was der Sommer dir brachte, heimlich, in der Leichtigkeit des Augenblicks unbemerkt, wird nun sichtbar – es ist an der Zeit, dich zu fragen, was du davon behalten willst.“

Mein Blick schweift über aufsteigenden wolkenwattegleichen Dunst – Rilke lockt mit sirenengleichen Versen:

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los. 

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein. 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 

(Rainer Maria Rilke, 21.9.1902, Paris)

Viele wissen, was sie nicht wollen – doch das ist nicht genug: Der Bauchladen der Gefühle ist groß. Das Aussortieren fällt schwer. Und mit die schwerste Aufgabe scheint zu sein, das nicht für sich zu beanspruchen, was du nicht willst. Nimm dir die Zeit: Betrachte die Spinnweben des Sommers, an denen sich Tau verfängt – er macht sie sichtbar, er fordert dich auf, nur das zu behalten, für das du einstehst, für das du kämpfen willst. Lass all das los, was du gesammelt hast, nur, um es zu besitzen. Schau dich um: Wessen Hand willst du halten, wenn der Nebel über die Wiesen zieht? Was willst du in den Taschen tragen, wenn du alles Gepäck abgegeben hast? Welche Silhouette soll der Baum deines Lebens werfen, wenn er alle Blätter abgeschüttelt hat?

Tautropfen liebkosen deine Seele – sachte, sanft erinnern sie dich, dass die Zeit des Überflusses, des unbemerkten Überdrusses sich dem Ende zu neigt. Befreie dich von überflüssigem Ballast, halte bei dir, was dich dein Selbst erkennen lässt. 


Die Jagd nach dem Glück

We are all broken! lese ich als Titelüberschrift von Scientific American – manchmal heitere ich meinen Morgen mit einem Blick in das populärwissenschaftliche Online Journal auf. Der Artikel beschreibt in wenigen Worten, dass es vielen Menschen schwer fällt, über psychische Störungen zu sprechen, um dann, wenig elegant und eher bemüht, Anstecker anzupreisen: Diese Pins zeigen comichaft Tiere mit einer eingebunden Tatze, einem gebrochenen Bein etc. Ich habe nicht ganz verstanden, wo die Parallele zu seelischen Verletzungen, auf die sich der Artikel beziehen will, versteckt sein mag – noch weniger verstehe ich, weshalb ich mir Schmerzen und Krankheit wie eine Brosche ans Revers heften soll.

Ja, wir alle haben den einen oder anderen Kinnhaken einstecken müssen, der Unsinn des Lebens hat uns manchen Knüppel zwischen die Beine geworfen, unsere Herzen sind nicht nicht nur einmal an Sollbruchstellen zersplittert. So ist das Leben: Es hinterlässt Spuren . Niemand hat uns ewiges Glück versprochen, bei niemandem können wir es einfordern.

Irgendwann ist es Zeit loszulassen, irgendwann sind alle Worte gesagt: Ich will mir meine Vergangenheit nicht unters Kopfkissen legen. Heilen findet in der Gegenwart statt.

Doch wie können wir aufhören, Vergangenem hinterher zu trauern?

Was ist das Gegenteil von Trauer? Ist es Glück?

Oft unterliegen wir der Illusion, einen ewig währenden Glückszustand erreichen zu können – fast schon zwanghaft jagen wir das Glück. Wir leben im Zeitalter des proklamierten Glücks. Das letzte Jahrzehnt galt der Glücksforschung: Jeder Neurowissenschaftler, der etwas auf sich hielt, entdeckte sein Faible fürs Glück, und jeder, der lesen konnte, zitierte begeistert aus den Studien zur Glücksforschung: Dauerhaft sind wir nicht fürs Glück gemacht, hieß es, als unser „Glückszentrum“ entdeckt wurde: Leider, leider reagieren unsere Nucleuses Accumbens dann, wenn etwas „besser als erwartet“ ist.

Erfahrungsgemäß ist das nicht oft, und wenn, dann nicht für lange.

Als ich noch im Studium war, wussten wir viel über unsere negativ konnotierten Gefühle, wenig bis nichts über die Freude. Dabei ist diese unter den fünf Primäremotionen die einzige, die wir wirklich fühlen wollen. Die anderen sind uns eher eine Last.

Doch: Überlebensnotwendig scheint Freude nicht zu sein.

Ist es nicht viel wichtiger für das Fortbestehen unseres Organismus, Angst, Ekel und vielleicht auch Wut zu spüren? Auch die Wichtigkeit von Trauer, die noch fehlende Primäremotion, kann ich mir erklären: Sie beeinflusst unser Verhalten insofern, dass sie uns lähmt – und verhindert übereilte Handlungen.


Als ich ein Kind war (ich wuchs in einem kleinen Dorf auf), kam einmal im Jahr ein Volksfest in unseren Ort: Aus heutiger Sicht hatte es kaum Attraktionen zu bieten – doch damals waren Losbude und Kettenkarussell mehr als genug. 
Ob die Zeiten besser waren, weiß ich nicht – doch vieles schien klarer: Alles, ein jeder hatte seinen Platz. (Natürlich vereinfache ich hier, natürlich polemisiere ich.)

Die Geschlechterrollen waren noch wohl definiert der Berufsweg schien stringent, und freitags gab´s kein Fleisch zu essen. Der Junge lud sein Mädchen zum Karussellfahren ein, das Mädchen dankte es ihm, indem es sich, übermütig kreischend, in der Luft in seinen Armen in Sicherheit wiegte. Das Jahr lebte sich friedlich und zufrieden – und alle zwölf Monate kam uns das Glück als Volksfest besuchen.
Dann schlich sich der Wandel in die Welt: Nicht nur der Arbeitsmarkt brach zusammen, auch unser Rollenverständnis änderte sich. Was klar umschrieben war, verlor Kontur.
Jede normale Frau hatte (zusätzlich) nicht nur Karriere zu machen und Fallschirm zu springen, sie hatte es durchsetzungsstark und furchtlos zu tun. Jeder normale Mann hatte (zusätzlich) nicht nur Windeln zu wechseln und gut zu kochen zu können – er hatte es gerne und hingebungsvoll zu tun. Auf zum ewigen Glück, schrieben wir uns alle auf die Fahnen – wenn du nicht glücklich bist, ist es dein eigenes versagen – strenge dich mehr an, dann bekommst du es zu fassen!

Und nun? Nun haben wir das Streben nach Glückseligkeit so verinnerlicht, dass wir vergessen haben, dass Glück auch Freude meint. Und Freude, als Primärgefühl, ist ein Ausnahmezustand. Bei Angst, Wut, Ekel, Trauer ist uns das intuitiv klar – doch Freude, Glück wollen wir dauerhaft behalten.

Weshalb dramatisieren wir Gefühle, weshalb machen wir uns abhängig von dieser einen Person, diesem einen Ding, diesem einen Erfolg, von all dem, was uns vermeintlich glücklich macht?

 

Vielleicht geht es zunächst darum, innerlich zu heilen, unsere Dämonen hinter uns zu lassen. Statt hartnäckig und blind immer weiter zu versuchen, unsere Alben auf der Jagd nach Glück für einige Momente abzuhängen, sehen wir sie an, lachen wir ihnen ins Gesicht: Sie sind alt, sie sind vergangen, sie sind fragile Hirngespinste.

So finden wir Ruhe.


Viele meiner Kollegen werden bestätigen, dass sich spezifische Themen zeitlich häufen – verschiedene Klienten präsentieren zur gleichen Zeit ähnliche Herausforderungen zur Bearbeitung in der Therapie. Dies ist die Zeit der Beziehungsthemen. Und während ich hier die laue Abendwärme und den Pinien-Duft der lykischen Küste tief in mich aufnehme, ist mein Gemüt noch in heller Aufruhr, mein Herz schlägt schnell, und meine Gedanken drehen sich trübe im Kreis: Wird diese oder jene therapeutische Intervention schon zum Erfolg führen oder wird es weiterer Arbeit bedürfen? Liebe lässt uns am heftigsten leiden... Sind die wenigen Momente der Glückseligkeit den schweren Kummer wert? Wessen Leidenschaften lassen sich wie kanalisieren, so dass Leiden überflüssig wird? Wem hätte ich vielleicht mit einem Verweis auf Epiktet noch ein wenig Linderung verschaffen können?

Ich atme tief aus und lausche dem Rauschen der Wellen – großzügig gibt uns die See eine Melodie vor, die wir beliebig mit Bedeutung hinterlegen können: Das Meer kann ein Wort flüstern, einen Schwur hauchen, einen Namen rufen

(„Vine a llamarte a los acantilados y sólo el mar me respondió desde su leche instantánea y voraz de sus espumas...“: Lied Marino de Javier Mutis)
– in diesem Moment höre ich ein Lied, das ich längst vergessen glaubte: Signor Rossi sucht das Glück.

Wir alle wollen, hoffen, glauben zu brauchen... so viel, so oft, so beständig... Kontinuierlich wollen wir etwas, wollen wir jemanden: Dieses eine Wort, diesen einen Blick, diese eine Berührung, disen einen Menschen, diesen einen Augenblick... Niemals kann dieses Streben dauerhaft besänftigt werden, nur kurz hält es im Moment seiner Erfüllung inne, um dann umso lauter, wilder erneut an die Ufer unseres Bewusstseins zu donnern. Und ich – ich sehne mich nach epiktetischer Gelassenheit.

Mein Blick berührt den Ozean, er schaut zurück. Dort, wo der Mond sich im Meer spiegelt, funkelt es wie tausend Diamanten: Yakamoz. Genau dies meint dieses wunderbare türkische Wort: Die Reflektion des Mond- oder Sonnenscheins in einer Wasseroberfläche. Yakamoz lädt zum Träumen ein – Yakamoz ist eine Einladung zur Beschwichtigung des Aufruhrs der Seele.

„Sein, nur sein“ raunen die sanften Wellen, während Yakamoz auf ihnen tanzt.

Ich spüre eine tiefe Sehnsucht: Die Sehnsucht nur danach, einfach nur zu sein. Unbewertet, selbst wertfrei. Nur sein. Voll und ganz im Bewusstsein der Vergänglichkeit, so dass neue Ideen entstehen können, sich endlich trauen können aus alten zu evolvieren, um ihren Platz zu finden in kosmologischer Zeitlosigkeit. Denn Zeit ist nur der Rahmen, in dem wir aufhalten, und wenn auch wir ihn nicht verlassen können: Unsere Ideen tun dies permanent. Jeder Gedanke wird als Idee zeitlos, wird Teil des Erbes der Menschheit.

Doch für diesen Moment gilt: Sei. Sei einfach. Sei. 


Tu´ Gutes dann, wenn´s keiner sieht

Als ich vor einigen Jahren in der Mongolei unterwegs war, bereitete ich mich als vorausschauende Deutsche mit den üblichen Brocken der Fremdsprache auf zwischenmenschliche Begegnungen vor: Ich lernte also Standardworte wie „Bitte“ und „Danke“. Freudig setzte ich diese Vokabeln ein, wann immer es ging. Natürlich wunderte ich mich, weshalb ich meist nur verblüffte Blicke erntete. Am Ende meiner Reise traf ich endlich eine einheimische Studentin in der Hauptstadt, mit der ich mich auf Englisch austauschen konnte – ich fragte sie, ob meine mongolische Aussprache denn so schlecht sei, dass mich niemand verstünde, wenn ich mich bedankte. „Nein“, klärte sie mich auf, „es liegt daran: Wir bedanken uns nicht – denn wenn jemand etwas gibt, tut er das nicht nur wegen des anderen Menschen – er tut es vor allem wegen sich selbst.“

Mir ging ein Licht auf: Der Gebende hat den Akt des Gebens also mindestens so nötig, wie der Empfangende die Gabe nötig hat...

Aber bedeutet das dann nicht, dass eine wirklich gute Tat niemals möglich ist? Wenn alles, was wir an Gutem tun, schlussendlich nur unserem eigenen Seelenheil dient? Dass wir niemals mit guten Taten sühnen können, was wir aus Eigennutz verbrochen haben, dass wir niemals wegen unseres Handelns auf einen Platz im Himmel (gleich, wie der aussehen mag...) hoffen können?
Auf der anderen Seite: Wenn gute Taten unmöglich sind - heißt das dann nicht auch, dass eine böse Tat genauso unmöglich ist? Dass alles, was wir tun, wir uns doch immer nur selbst antun? Und wir immer wieder nur auf unser eigenes Gewissen als letzte als richtende Instanz, zurückgreifen können? Welch´ Verlassenheitsgefühl – und welch´ Freiheit liegt gleichermaßen in diesem Gedanken!

Philosophische Fragestellungen sind nicht realiter zu beantworten – wir alle sind aufgefordert, für uns selbst Stellung dazu zu beziehen. Wir müssen uns entscheiden zu glauben – selbst, wenn wir Glauben ablehnen ist es damit ein Glaube. Und genau das fällt doch vielen von uns so schwer: Wir fordern Beweise ein, wir sind an empirische Überprüfbarkeit gewöhnt – so sehr, dass wir uns manchmal täuschen lassen und den Blick dafür verlieren, dass in unseren geistigen Welt, der Welt der Ideen, es eben keine Verifizierung oder Falsifizierung geben kann.

Können wir unserem Ego, das in guten Taten Anerkennung durch andere sucht, ein Schnippchen schlagen? Was kann ich tun, um „wirklich“, nicht eigennützig, gut zu sein?

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Dem ersten Problem begegne ich mit einer einfachen Strategie: Seit meinem Ritt durch die mongolische Steppe habe ich es mir angewöhnt, wann immer möglich, im Verborgenen ein gutes Werk zu verrichten. Gut zu sein, ohne dass es jemand bezeugt, helfen, ohne ein „Danke“ zu erwarten.

Und doch hoffe ich insgeheim, damit Gutes zu bewirken – ich hoffe, dass mein Glaube an die Möglichkeit des Menschen, gut zu sein, als Idee über dieses Leben hinaus wirkt. Und damit begegne ich dem zweiten Problem: Denn selbst wenn meine Taten eigennützig sind, weil ich das Geben genauso nötig habe wie der Empfangende die Gabe – weil ich Teil der Menschheit bin und nicht außerhalb von ihr stehe, tue ich damit alles, was ich für mich tue, auch für meine Mitmenschen. Pars pro toto. Vielleicht hört die Handlung aus dieser Perspektive auf, „gut“ zu sein, vielleicht weist sie nun eher ausgleichenden, ausbalancierenden Charakter auf – wenn man an eine harmonisierende Kraft glauben kann, die über den einzelnen Moment hinaus wirkt. Ich tue  mich mit Nichtbeweisbarem stets schwer, und doch: Ich halte es mit meinen guten Taten wie Niels Bohr mit seinem Hufeisen.

Der Physiker Wolfgang Pauli besuchte einmal Niels Bohr - ebenfalls Physiker und Nobelpreisträger. Pauli sah, dass Bohr ein Hufeisen über der Tür hängen hatte. „Professor!", sagte er. „Sie? Ein Hufeisen? Glauben Sie denn daran?" Niels Bohr soll geantwortet haben: „Natürlich nicht. Aber wissen Sie, Herr Pauli, es soll einem auch helfen, wenn man nicht daran glaubt."

Und wer weiß das schon: Vielleicht bewirkt unser „Gutsein“ doch, dass die imaginären Seelen im Himmel ein wenig zusammenrücken, um für uns mal Platz zu machen. Doch selbst, wenn nicht: Immerhin tragen wir dazu bei, das Leben auf Erden für uns alle ein wenig angenehmer zu machen.

 


Aikido wäre so einfach – gäbe es die anderen Menschen nicht. Oder: Wie man sich selbst ein Bein stellt

Neulich ist mir ein schwerer Fauxpas unterlaufen: Ich habe mich glatt erdreistet, auf einem Nachrichtenportal auf Facebook einen Rechtschreibfehler im Titel zu korrigieren. Ich reagiere allergisch, wenn ich „was für´s Herz“ lesen muss. Das erinnert mich an all die „Inge´s Frisörsalon“ und „Matze´s Kneipe“ der 1980er Jahre – die falsch gesetzten Apostrophe hatten mithin die ganze Dekade meiner Jugend Zeit, mich zu zermürben. 

Also fasste ich mir mein Herz und wies den Redakteur in einem Kommentar darauf hin, dass auch nach der Rechtschreibreform im Deutschen ein Apostroph ein e, jedoch kein a ersetzt: Dass es folglich „was fürs Herz“ und nicht „was für´s Herz“ heißen müsste.

Warum ich diesen Fehler unbedingt korrigiert sehen wollte?
Mir ist Sprache wichtig – sie schlägt die Brücke vom Ich zum Du. So, wie wir kommunizieren, so sorglos, achtsam, leichtfertig oder fürsorglich – so gehen wir mit anderen Menschen um. Und immer wieder mit uns selbst.
Und, ja, da bin ich spießig: Ich denke, wenn jemand mit Sprache arbeitet, wie es nun mal ein Nachrichtenredakteur tut, sollte er sie zu benutzen wissen.

Artig bedankte sich der Redakteur auch für meinen Hinweis und besserte den Fehler aus.

Aber: Mit den auf meinen Korrekturvorschlag folgenden Hasstiraden der Facebook „User“ hatte ich nicht gerechnet – Beschimpfungen, Anklagen, Beleidigungen prasselten auf mich hernieder. (Ich glaube, dass all jene, die selbst das Apostroph falsch setzen, sich von mir kritisiert fühlten – und prompt mit Gegenangriffen reagierten, deren Vehemenz mich nach wie vor erschreckt. Menschlichkeit, quo vadis?)

Ich war entsetzt, beinahe schockiert: Wo kam denn dieser ganze Hass auf einmal her?

 

Ich habe früher einige Jahre intensiv Aikido praktiziert. Kurz vor dem Erhalt meines Shodan ordnete ich mein Leben Aikido unter – ich übte täglich mehrere Stunden. Ich wollte, unbedingt, diesen Weg der Harmonie und Energie für mich vollkommen entdecken, wollte Aikido von einer Technik, einer Kampfkunst, zur Lebenseinstellung machen - ich war fasziniert von dem Gedanken, Angriffe umzulenken, den Gegner nur mit seiner eigenen Energie zu Fall zu bringen – und vor allen von der Großherzigkeit, die „mein“ Aikido mir versprach: will Aikido doch niemals den Angreifer vernichten, sondern für ihn Einladung zur Veränderung, zur Verbesserung sein.

 

 

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Ich glaube heute: Aikido ist dann der Weg des Ai Ki, wenn es dir gelingt, dich und dein Ego vollkommen aus der Situation zu nehmen – du dein ganzes Sein auf dein Gegenüber konzentrierst. Wenn es dir nur noch um den anderen, kaum mehr um dich selbst geht.

Natürlich gelingt das im Alltag mal besser – und öfter schlechter. Und doch – es gelingt mir immer schneller, den Aufschrei meines Egos wahrzunehmen, bevor er allzu schrill ertönt.

Nichtsdestotrotz: Als ich diese Hasstiraden las, war für einen Moment der Drang, mich zu verteidigen, fast übermächtig. Ich wollte klarstellen, weshalb ich auf diesen Fehler aufmerksam machen MUSSTE, weil Sprache unser Werkzeug zur Verständigung ist, weil ich denke, dass, wenn jemand mit Sprache arbeitet, er ihre Regeln kennen sollte etc.

Dann hielt ich inne.

Wem galten diese meine emotionalen Reaktionen denn im eigentlichen Sinn? Von wem hatte ich den Eindruck, dass er mich nicht sieht, meine Motivation nicht kennt, vorschnell und unfair über mich urteilt? Die geifernde Meute im Internet war doch wenig mehr als ein belangloses Ärgernis.

Du musst nicht jedes Scharmützel fechten, das sich dir am Wegesrand darstellt. Du musst nicht jede Schlacht kämpfen, die dir jemand auferlegen will. Du hast die Wahl: Tritt einen Schritt beiseite, lass die Angriffsenergie ins Leere laufen. Nicht bei jeder Attacke lohnt es sich, dem Angreifer eine (um-)lenkende Hand zu reichen.

Ich löschte kurzerhand meinen Kommentar – und damit auch die zahlreichen Beleidigungen. Was davon übrig blieb, ist die vom Redakteur korrigierte Titelüberschrift „was fürs Herz“ und mein gleichmütiges Gefühl, mein Ego achtsam in seinem Aufbegehren wahrgenommen und besänftigt zu haben – indem ich es fürrsorglich ins Leere laufen ließ.

Ich denke heute, lange Jahre nach meiner aktiven Trainingszeit: Aikido im Leben meint vor allem Aikido leben, wenn du selbst dir Gegner bist.