Find what you love and let it kill you (Bukowski)

Neulich erzählte mir ein Freund, dass er, wenn mal wieder ein Headhunter das Gespräch mit „Wie sieht Ihr Traumjob aus?“ eröffnen wollte, schlichtweg keine Ahnung hat, was er darauf antworten sollte. Mich lässt das nicht los: Seitdem kehren meine Gedanken immer wieder zur Frage nach dem, was uns antreibt, zur Frage nach dem (sinn-)erfüllten Sein zurück.

In Ermangelung einer echten Heimat verließ ich auf der Suche nach eben jener sehr bald mein „Zuhause“ und schlug mich als Kellnerin in verschiedenen Lokalen durch, um mir das Abitur und später das Studium zu verdienen. In zorniger Verzweiflung schleuderte ich in jugendlichem Trotz dem Leben mein „Nicht mit mir!“ entgegen – retrospektiv jedoch war wohl das, was ich damals als Wut empfand, Sehnsucht. Sehnsucht nach etwas, wenn schon nicht Besserem, doch wenigstens Anderem.

Sehnsucht zu haben bedeutet jedoch, dass ich an die Existenz dessen, wonach ich mich sehne, glaube. Ich spüre also, dass es etwas gibt, wonach ich streben kann – und dass ich es erreichen kann. In dieser Erkenntnis liegt auch Viktor Frankls Aufforderung, Stellung zu beziehen – Stellung dem Schicksal, auch dem nicht gewollten, gegenüber. Hierin liegt deine Freiheit: Du kannst dich jederzeit (er-)finden.

Heute, so viele Jahre später, habe ich in der Philosophie (und Psychotherapie entspricht für mich angewandter Philosophie) nicht nur seit langem meinen Beruf, sondern meine Berufung gefunden. Doch welche Sehnsucht steckt dahinter?

Carl Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie, ging von der humanistischen Grundhaltung aus, dass das „Ich am Du“ wird – dass wir alle von der Sehnsucht nach einer wahren, einer authentischen Ich-Du-Beziehung bewegt sind. Wir benötigen, um unser wahres „Selbst“ verwirklichen zu können, ein Gegenüber, das uns ohne Maske gegenüber tritt. Ein Gegenüber, bei dem auch wir unsere Maske fallen lassen können.

Wenn Rogers noch annahm, dass es niemanden in diesem Leben gelingen kann, zum vollständig kongruenten (stimmigen) Erleben (das Erleben, das ermöglicht, alles, was sich zeigt, wertfrei anzunehmen) zu gelangen, meine ich, dass in unserem letzten Moment unsere tiefste Sehnsucht (also unser Traum) erfüllt ist – in dem Augenblick, in dem wir finden, was wir suchten, können wir, friedvoll, gelassen, ein letztes Mal ausatmen.

Die echte Begegnung zeigt sich mir am besten in einem Bild – es beschreibt für mich den Moment, in dem wir in gegenseitiger Bedingungslosigkeit echt sein können – der Moment, in dem sich Eros, Philia und Agape begegnen (Blog: Lieben meint, das Beste im Anderen zu sehen).

Aneinander gelehnt blickt ihr schweigend hinaus aufs Wasser, keiner muss sich stärker oder leichter an den anderen lehnen, ihr braucht euch genauso viel und genauso wenig, keiner braucht den anderen mehr. Alles ist gesagt, Worte müssen keine Brücke mehr zwischen euren Wirklichkeiten bauen.

Bildquelle: eigene Aufnahme

Das Leben eines Traums setzt voraus, dass wir erkennen, was wir beeinflussen können: In ACT (der Akzeptanz- und Commitment-Therapie) orientieren wir uns am „Gelassenheitsgebet“:
"Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."

Im Herausfinden des Unterschieds irren wir oft, straucheln und stürzen.

Doch fliegen lernst du, indem du fällst und vergisst, auf dem Boden aufzuschlagen. Mach´ alle Fehler jetzt – Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Und wenn du es noch nicht gefunden hast, dein Gegenüber, das dich wirklich sieht, das dir ermöglicht, loszuziehen, um das zu finden, was du liebst, dann sei dir sicher, dass auch es dich sucht. Ihr werdet euch finden.

Zum Aufgeben sind wir alle zu jung - gleich, ob du 17, 40 oder 83 Jahre bist...


Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: Gibt´s schon eine APP für Glück?

„Links oder rechts?“ fragt mich ein Freund bei einem abendlichen Treffen in meinem Stammlokal und hält mir sein Handy unter die Nase. Auf einem Foto blickt mir eine recht adrette Frau mit einem angestrengt wirkenden Lächeln entgegen, während sie sich vor irgendeiner Sehenswürdigkeit in Pose wirft.

Ich bin verwirrt. „Also links ist erst mal immer besser als rechts“, entgegne ich, nehme das Handy, das er mir entgegenstreckt und wische das Bild aus Versehen nach oben. „Jetzt hast du ihr ein Super Like gegeben!“ ruft er etwas entsetzt aus. „Oh“, sage ich, „und das ist nicht gut?“

Willkommen in der neuen Dating-Welt, willkommen auf dem Single-Markt, willkommen im Ausverkauf der Katalogware Mensch.

„Wie lange machst du das denn schon?“ will ich aus echter Neugierde heraus wissen. „Och, ewig – mit den Unterbrechungen für Beziehungsversuche seit vielen Jahren. Da haste ja immer Nachschub, da lässt du dich nicht leicht auf was Festes ein. Was bleibt, ist die Suche nach dem Glück.“ antwortet er.

Wie kann es sein, dass in unserer heutigen Zeit, in der Dating und damit Kennenlernen leichter als je zuvor ist, es umso schwerer scheint, eine echte Beziehung einzugehen? Eine Beziehung, die nicht sofort aufgegeben wird, wenn die beiden Neuverliebten feststellen, dass es eine Herausforderung werden könnte (noch lange keine wirklich IST), die unterschiedlichen Essens-, Sport-, Reise- oder Filmvorlieben unter einen Hut zu bringen?

Wenn morgen ein 3D-Drucker unsere Wunschpartner fabrizieren kann – wie lange wären wir dann zufrieden?

„Eine finde ich ja ganz toll, mit der schreibe ich seit Wochen“, setzt mein Freund fort, „aber ich will sie nicht treffen, denn dann werde ich enttäuscht sein.“

Ich verstehe, was er meint – für Menschen, die verliebt in das Gefühl des Verliebtseins sind, kann die Wirklichkeit selten an die Vorstellung heranreichen: Meinem Freund ist klar, dass er, sollte er die „Ausgewählte“ wirklich treffen, Gefahr läuft, seine (tatsächlich realen) Gefühle für sie zu verlieren. Sie wird anders aussehen, als er glaubt (auch, wenn er selbstverständlich Bilder gesehen hat), sie wird anders sprechen (auch, wenn sie sich schon Sprachnachrichten schickten), sie wird anders lachen, als er sie sich gezeichnet hat, oder vielleicht können sie sich schlichtweg nicht riechen.

Bildquelle: fotolia.de

Eines meiner Lieblingsgedichte ist von Gustavo Adolfo Bécquer, Rima XI – er beschreibt in der letzten Strophe wunderbar die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: „Ich bin Traum, bin nicht vorhanden, bin ein nichtiges Gespinst aus Nebel und Licht, ich bin ätherisch, bin unberührbar. Ich kann dich nicht lieben.“

„Oh, komm´, komm´ du“, lässt Bécquer seinen Helden ausrufen, der die Liebe, die er wirklich erleben könnte, zuvor ablehnt.

Geht es um das? Um das reine traumverhangene Gedankenspiel, das zu echten Emotionen wird? Und um diese Emotionen zu halten, die dem echten Leben nicht mehr standhalten können, muss eben jenes gemieden werden? „Leben in der Matrix“, nannten wir früher als Studenten die bewusste Wahl der Täuschung. Macht es einen Unterschied, ob deine Gefühle sich auf ein wirkliches Gegenüber oder auf deine Vorstellung beziehen?

„Wenn es nicht um Verliebtsein, sondern um Glück ginge (für mich ein genauso definitionsbedürftiger Begriff wie Liebe)“, frage ich meinen Begleiter, „wäre es für dich dann auch eine Frage, ob du es real erleben oder in der Vorstellung bleiben wolltest?“

Ich meine die Frage ganz ernst und nicht nur rhetorisch – denn für viele verspricht tatsächlich nur ein Traum Glück, wenn er erreicht ist, ist´s um das Glück geschehen...

„Nein“, sagt er, „aber Glück ist ja auch irgendwie nicht so erlebbar wie Liebe, finde ich“ entgegnet er.

„Vielleicht, weil du eben schon bei der Liebe diese Abstriche in der Virtualität machst? Und es für Glück noch keine APP gibt?“ füge ich nur noch, zwinkernd, hinzu.

„Oh“, grinst er plötzlich, „ich habe ein Match – die von eben hat mich auch geliket!“

Ich seufze, lasse ihn mit seinem Handy kommunizieren und flüchte mich in meine Traumwelten der spanischen Poesie.

 

 

Rima XI

 

Yo soy ardiente, yo soy morena,
yo soy el símbolo de la pasión,
de ansia de goces mi alma está llena.
¿A mí me buscas?
—No es a ti, no.

 

Mi frente es pálida, mis trenzas de oro:
puedo brindarte dichas sin fin,
yo de ternuras guardo un tesoro.
¿A mí me llamas?
—No, no es a ti.

 

Yo soy un sueño, un imposible,
vano fantasma de niebla y luz;
soy incorpórea, soy intangible:
no puedo amarte.
—¡Oh ven, ven tú!

 

Standardübersetzung ist von Christiane Busl

 

Ich bin feurig, mein Haar ist schwarz, voll Glanz, Symbol der Leidenschaft bin ich, Verlangen nach Lust erfüllt mich ganz. Bin ich's, die du suchst?

- Nein, nein, dich nicht!

 

Mein Haar: goldne Flechten, meine Stirne: bleich. Glückseligkeit grenzenlos biete ich dir. An Zärtlichkeit bin ich unendlich reich. Bin ich's, die du rufst?

Nein, nein, nicht dich!

 

Ich bin Traum, bin nichtiger Phantasie Gebilde aus Licht und Nebeldunst. Körperlos bin ich und greifbar nie. Ich kann dich nicht lieben.

- O komm; komm, du!

 


Der Panther des Lebens oder: Wenn es dich zerstört, kann es niemals Liebe sein (Agape ist transzendental) 

Als wir jung waren, war es bei vielen von uns „in“, sich so unabhängig zu fühlen, dass keiner von uns sich je vorstellen konnte (oder es zugegeben wollte) ein „ganz normales Leben“ zu führen. Heirat, Kinder, Haus und einmal im Jahr an den Gardasee stellte sich uns als unbedingt zu vermeidende apokalyptische Fiktion dar.

Einige von uns lösten sich von der postpubertären Rebellionshaltung (jede Generation will es zunächst mal anders machen als die Eltern – und, mal ehrlich: Wer von uns ist in einem wirklich heilen Elternhaus aufgewachsen? Wer erlebte denn wirklich mit, dass eine Beziehung für ein ganzes Leben im GUTEN gedacht sein kann?) schon mit Mitte zwanzig und versuchten sich im Erwachsensein. Andere perfektionierten ein groteskes „Ich versuche mal eine Beziehung“-Verhalten. (Denn es ist nie schwer, eine Affäre zu beginnen – schwer ist, die Nähe, die sich in einer Beziehung entwickeln kann, auszuhalten.) 

Diejenigen schließlich, meist jene, die aus ihrer Kindheit zu sehr verletzt, zu zerstört waren, landeten (in Ermangelung eines anderen Beziehungsmodells) oft in sich als fanatische Liebe tarnenden zerstörerischen Abhängigkeiten – in der Regel zu Narzissten (dies ist geschlechterunabhängig: Auch, wenn häufiger Männer als Narzissten beschrieben werden, weisen ebenso Frauen diese Persönlichkeitsstörung auf (die aus ganz eigenen Gründen heute in der ICD 10 nicht mehr eigens codiert ist, sondern (vielleicht auch aufgrund der Nähe zur dissozialen Persönlichkeitsstörung) nur unter F 60.8 „sonstige Persönlichkeitsstörungen zu finden ist)).

Kurz: Sie taumelten von einem Liebeswahn in den nächsten, verstrickten sich in Beziehungen zu entwertenden, aggressiven, ich-bezogenen, misshandelnden, empathielosen (die Liste ist beliebig fortzusetzen) Personen, in denen sie kaputt gingen, ohne sich lösen zu können.
Das Spiel ist jedes Mal das gleiche: Aus der anfänglichen Idealisierung heraus switcht der Narzisst in die Entwertung, in die Manipulation der Wirklichkeitswahrnehmung des anderen, und nach und nach gelingt es ihm, immer aus der Position des doch „eigentlich“ Liebenden heraus, den anderen in ein psychisches Wrack zu verwandeln. Meistens ist dieser Prozess dem Narzissten selbst nicht bewusst, er agiert blind und impulsgetrieben aus seiner eigenen Störung und nicht immer aus Bösartigkeit heraus.
Und doch: Wenn ich mit Klienten arbeite, die sich in solchen Beziehungen zu narzisstisch-dissozialen Menschen wiederfinden, ist dies die eine Ausnahme aller Fälle, in der ich tatsächlich ganz klar einen Rat ausspreche. Ich sage:

„RENNEN SIE SO SCHNELL SIE KÖNNEN!“

Bildquelle: fotolia.de

Eine Beziehung zu einem derart ver-schoben-ver-rückten, aus unserem ethischen Werteempfinden heraus gefallenen Menschen wird dich zerstören, sie wird dein Bewusstsein deiner selbst auflösen. Die Doppelbotschaften, die du tagtäglich mitgeteilt bekommst, vernichten deine Klarheit – irgendwann wirst du aufhören, dich darüber zu wundern, dass du dem anderen die basalen Prinzipien des menschlichen Miteinanders (was es heißt, Interesse, Respekt, Zuneigung, Gleichberechtigung zu leben) jedes Mal aufs Neue mitteilen musst (ohne dass das Früchte tragen könnte) und selbst glauben, verrückt zu sein (der Prozess des „Gaslighting“ ist gelungen). Du bist in der emotionalen Verstrickung gefangen.

Gib dich nicht der Illusion hin, dass es nicht weh tun würde, jetzt zu gehen, unterlieg nicht dem Irrglauben, dass du dich unbeschadet aus der Beziehung lösen könntest. Es geht nun darum, das, was von dir übrig blieb, zusammenzufegen, um deine Scherben deines Ichs, später, viel später neu zusammenzusetzen.

Und doch: Du bist stark genug, du kannst es schaffen.

Aus der Arbeit mit einem Klienten, der in einer Beziehung zu einer dissozial-narzisstischen Frau gefangen war, stammt noch ein Zettel, der bei mir daheim an meiner Pinnwand hängt – in meiner unleserlichen Handschrift für Außenstehende nicht zu entziffern, ist er mir ein Reminder, wie leicht es auch für einen in sich gefestigten Menschen ist, aufgrund dysfunktionaler Vorstellungen von Liebe und Verantwortung die eigene psychische Integrität zu verlieren, die Ich-Grenzen sich auflösen zu sehen.

Mit seiner Erlaubnis beschreibe ich hier kurz die Essenz unserer Zusammenarbeit:
Auf dem Zettel, der aus meiner hypnotherapeutischen Arbeit mit dem Klienten stammt, steht: „Ich möchte den Panther fürs Leben finden!“.

Im Laufe des monatelangen Prozesses, den es bedurfte, um sich aus der zerstörerischen Beziehungsspirale zu lösen, arbeiteten wir mit einem Bleiklumpen, den mein Klient von seiner letzten Silvesterfeier mitbrachte und den er nicht interpretieren konnte. Ich vereinbarte mit meinem Klienten, dass ich ihn so lange auf meinem Fenstersims liegen lassen würde, bis er, am Ende der Therapie, in der Lage wäre, ihn eigenständig zu deuten.

Die Erkenntnisse, Ergebnis des langen therapeutischen Geschehens, die sich nach und nach in Gefühle umsetzen konnten, waren:

  • Liebe entsteht in mir. Ich leihe meine Gefühle einer anderen Person nur, sie gehören ihr / ihm nicht.

  • Wenn es mich zerstört, wenn es weh tut, kann es niemals Liebe sein (Agape ist transzendental).

  • Wenn meine Gefühle, auch das Verliebtsein, eine Projektion sind, haben sie primär nichts mit dem anderen zu tun – sie sind von mir, in dieser Lebensphase, bestimmt.

  • Zu jeder Zeit ist es theoretisch möglich, a) meine Gefühle zurückzuholen oder b) sie auf eine andere Person zu übertragen.

  • Niemand, NIEMAND hat das Recht, auf eine bestimmte Weise mit mir umzugehen – und ich selbst bestimme, was gut für mich ist, was ich ertragen kann.

  • Ich will keine Spiele spielen.

  • Ich brauche eine andere Person nicht, um mein Leben gut zu leben / um glücklich zu sein.

  • Dennoch darf ich mich dennoch nach einer Partnerin / einem Partner sehnen.

  • Wenn ich ein Stückchen „ganzer“ geworden bin, bin ich bereit.

  • Ich kann mich immer auf mich verlassen – ich komme aus jeder emotionalen Verwüstung wieder heraus.

 

Der Zeitpunkt war gekommen, dass er das Stückchen undefinierbares Blei auf meinem Fenstersims wieder in die Hand nahm, es intensiv betrachtete, um schließlich heiser festzustellen: „Das ist ein Panther. Das bin ich. Ich hatte mich verloren. Ich habe mich neu gefunden. Ich bin mir der Panther meines Lebens.“

Gehe los, lauf weg von dem, was dir nicht gut tut, was dich zerstört – das ist nicht dein Kampf, diese Schlacht musst du nicht kämpfen, du kannst sie nicht gewinnen. Doch du kannst dich retten, du musst es tun, das ist deine einzige Verpflichtung in diesem Leben: Sorge gut für dich.

Zieh aus, den Panther deines Lebens zu finden.

 


Von Strelizien und Pferdemuscheln: Wenn nichts mehr ist, wie es schien

Ich habe kürzlich eine Muschel geschenkt bekommen: Von außen sieht sie grau und unscheinbar aus, kaum jemand würde sich am Strand nach ihr bücken – innen glänzt sie silberfarben. Nun ruht sie auf dem Fenstersims in meiner Praxis, und stets, wenn sich ein Sonnenstrahl in ihrem Schimmer verliert, erinnert sie mich daran, dass wenig ist, wie es scheint.

Vor wenigen Tagen saß ich im Gespräch – neben mir stand eine Vase mit sechs Strelizien. Ihr leuchtendes Orange absorbierte meine Aufmerksamkeit, immer mehr zogen ihre Farben mich in ihren Bann – bis, auf einmal, ihre Form sich zu verändern schien: Wie eine scharfe Spitze, schnabelgleich, richtete sich die Blume aus, und vor meinem inneren Auge entstand das Bild einer extraterrestrischen Drohne: Sie hatte den Auftrag, bis zum innersten Wesenskern vorzustoßen und ihn zu vernichten.

Ich verstehe dich, wenn du sagst, dass nichts mehr ist, wie es gerade noch schien. Ich weiß, was du meinst, wenn du erzählst, dass in einem Augenzwinkern deine Welt in Scherben lag. Wie du bemüht warst dich neu zu erfinden, wie du, immer wieder und wieder, gescheitert bist. Das, was du früher als Sinn empfunden hast, zerrann dir wie Sand zwischen den Händen, zu oft hast du gehört, du seist nichts wert. Und irgendwann hast du begonnen, daran zu glauben.

Du bist dem anderen in seine narzisstische Welt gefolgt, hast aus seinen entwertenden Augen auf dich selbst geblickt – und was du sahst, ließ nur einen Schluss zu: Du bist nichts wert. Du bist nichts. Du bist nicht.

Du hast den Glauben daran verloren, dass es eine Alternative gibt.

Im Englischen beschreibt der Begriff „Gaslighting“ den Prozess der konsequenten Manipulation durch einen anderen Menschen, meist den Partner, derart, dass die eigene Wirklichkeitswahrnehmung mehr und mehr in Frage gestellt wird – mehr und mehr übernimmst du dabei die Sicht des anderen, der deine Wahrnehmung als verrückt, falsch, gestört beschreibt. Nur noch vage spürst du, dass du richtig bist, der andere dich in Selbstzweifel, psychische Instabilität, schlussendlich in den Wahnsinn treibt.

Auch, wenn dem „Gaslighter“ oft gar nicht bewusst ist, was er da tut (aus seinem Narzissmus heraus ist dies meist eine unbewusste Strategie, sein Gegenüber dadurch an sich zu binden, dass er es klein macht und in die Abhängigkeit treibt), stellt „Gaslightning“ psychischen Missbrauch dar, der sich als Liebe tarnt.

Bildquelle: Fotolia.de

Spür´ in dich hinein: Will, kann der andere in dir denn dein Bestes sehen? All das Starke, all das Gute, was dir selbst bislang vielleicht verborgen blieb? Geht er mit dir so um, als ob du dieses Beste bereits leben kannst? Was siehst du selbst, wenn du in diese anderen Augen blickst? Traust du dich, darfst du dich trauen, dich in ihnen zu verlieren, weil du in dieser Tiefe dennoch sicher, weil du geborgen bist?

Spür´ in dich hinein – entscheide dich. Gehe oder bleibe – aber sorge für dich. Lass nicht zu, dass du selbst vergisst, hinter dem Schein, den der andere dir aufzwingen will, dich in deinem wahren Sein zu erkennen. Lege deine Pferdemuschel in den Schatten der Strelizie, die sich in ihrem Silberglanz selbst zu spiegeln beginnt.



Eine Liebeserklärung ans Leben: Ich sehe was, was du nicht siehst; Du siehst was, was ich nicht seh´.

Einsamkeit schleicht sich immer dann von hinten an, wenn wir uns klein, wenn wir uns hilflos fühlen. Selbst inmitten vieler Menschen kann sie dich umzingeln – wieder einmal bist du in einen Hinterhalt gelangt. Du könntest zum Telefonhörer greifen und deinen Liebsten anrufen, doch nur, um des Nachbarn Zwergkaninchens Probleme zu hören. Würde dies das Schreien deiner Gedanken übertönen?

Als ich kürzlich als Ersthelfer bei einem furchtbaren Unfall in Wien war, verlor ich mich später, viel später in den Fluten der Nacht. Es ergab keinen Sinn mehr, noch auf die Party zu gehen, auf der ich Freunde hätte treffen können, mein Pensionszimmer erschien mir als Schrein.

Manchmal ist es schwer, auch in der Wiederholung der Ereignisse kein Zeichen für sich sehen zu wollen, keinen versteckten Hinweis einer wie auch immer gearteten Fügung hinein interpretieren zu wollen. Nein, die Welt dreht sich nicht um uns, es gibt keinen Anlass, irgendetwas auf mich zu beziehen. Mit jedem Atemzug verschwinden wir alle mehr im Nichts.

Und doch: Da bist du, der andere, der sieht, was ich nicht sehen kann.

Komm, schau mich an und gib mir Ansehen. Spiegel meine blinden Flecken, blick mir ins Gesicht und sag: Ich sehe durch deine Maske hindurch. Für dich will ich sie fallen lassen

Du sagst, du zweifelst, ob du jemals wieder lieben kannst. Du sagst, du hättest deine Heimat verloren, als dein Herz in zwei gerissen wurde. Nie mehr vertrauen willst du, wütest du nun, niemandem mehr die Hand reichen, um dich selbst zu spüren.

Bildquelle: fotolia.de

Ich blicke dich an und erkenne deine Verletzung – doch lass deine Verletzbarkeit dich nicht erfrieren. Das, was du nicht selbst sehen kann, sehe ich für dich – ich nehme es an, segne es, biete es dir an und gebe es dir zurück. Deine Liebe ist immer die deine, sie entsteht und wächst in dir. Wenn sie niemand mehr will, kehrt sie in dein eigenes Herz zurück – halte sie warm, bis du sie wieder verleihen magst.

Irgendwo ist jemand, in dessen Armen du sicher, geborgen bist. Irgendwie ist jemand, der dich sanft wiegt, wenn du verzweifelt bist. Lass deinen Kopf an dieser Schulter ruhen, schließe die Augen und lass den anderen dir beschreiben, was er durch deine Augen sieht.

Meint lieben nicht, im Dunklen für den anderen zu sehen? Auch, wenn das Dunkle in seiner eigenen Seele liegt?

 


Eros, Philia und Agape: Lieben meint, das Beste im Anderen zu sehen

Ich kenne kaum jemanden, dem 2016 wirklich wohl gesonnen schien – Dieses Jahr war voller Schmerz, ein jeder hatte seinen eigenen Dämonen gegenüberzutreten. Schuld, Leid und Tod traten aus dem Schatten heraus, führten uns die Endlichkeit vor Augen, erinnerten uns daran, wie wenig Zeit bleibt, um sich auszusöhnen.

Halte einen Moment inne, betrachte die, denen du noch vergeben sollst – ist es nicht das, was du auch von den anderen dir wünscht?

Es scheint ein Jahr des Abschiednehmens, der Trennungen, des bitteren Verrats – wir verloren die, die wir liebten, an den Tod, andere mussten wir in die Einsamkeit des Lebens entlassen, das Alleinsein spüren. Was rettet dich in jenen dunklen Nächten, die den düsteren Tagen folgen?

Wie leicht es ist, all die kleinen Momente zu vergessen, die, wenngleich nicht erfüllend, nicht superb, doch lindernd waren. Wie leichtfertig, nur des großen Leids zu gedenken, und die Liebe, und den großen Mut, die du erfahren hast, zu ignorieren. Und jeder Moment der Liebe bringt dich näher zum Moment der Transzendenz – erlaubt dir, vielleicht für eine Sekunde nur, Ganzheit im So-Sein zu empfinden.

Viele Klienten, die mit Beziehungsthemen zu mir kommen, möchten meinen Rat. Soll ich gehen oder bleiben, fragen sie mich. Oft scheint die Dreieinigkeit aus Eros, Philia und Agape, die eine tragfähige, liebevolle, stabile Beziehung bewirkt, nicht nur erloschen, sondern nie präsent gewesen zu sein. Oft wurde nur eine Komponente, manchmal zwei, gelebt – so entstand ein Ungleichgewicht.

Bildquelle: Fotolia.de

Doch Magie, der Zauber, der der Liebe innewohnt, entsteht nur, wenn in Partnerbeziehungen Eros (die lustvolle, körperliche Liebe, die nimmt und sich befriedigt), Philia (die freundschaftliche Liebe, die teilt und sich mit dem Partner freut) und Agape (die mitfühlende, bedingungslose Liebe, die bereit ist, sich für den anderen aufzuopfern) zusammentreffen.

Agape scheint dabei jene Form der Liebe zu sein, die für viele unerreichbar bleibt. Zu sehr erwarten wir vom anderen, dass er unseren Erwartungen entspricht, sich zu unserem Gefallen verhält, dass er uns glücklich macht – wir knüpfen unsere Liebe an Bedingungen. Und sehen somit zu, wie, langsam, wie ein See umkippt, auch Philia und Eros zugrunde gehen.

Frage dich, ob es dir (noch) gelingt, das Beste in deinem Gegenüber zu sehen – das, was vielleicht ihm selbst noch verborgen ist. Kannst du ihn erkennen, wie er sein wird, wenn er der geworden ist, der er in Wahrheit ist? Kannst du genauso mit ihm umgehen, als ob er sein höchstes Potential schon jetzt verwirklicht?

Kannst du es in dir selbst spüren?

Vieles ging zu Ende – vieles beginnt nun neu: 2016 ist ein Jahr des Wandels. Das, was nicht mehr lebens-, nicht mehr liebesfähig war, löst sich auf. Es beginnt die Zeit des potentiell Möglichen, des Guten. Danke dafür.

 


 

... lass dein Herz leicht werden wie eine Feder

Manchmal glaubt der Tod, uns ans Leben erinnern zu müssen. Er plustert sich, drohgebärdend, auf und stellt sich vor unser flackerndes Licht. Dann will er mehr sein als nur der stille Begleiter, der sich auf unseren Spuren von Schatten zu Schatten drängt: Er stellt sich uns entgegen, versperrt uns den Weg und drängt sich in die Sonne. „Schau mich an“, scheint er zu raunen, „ich fordere dich auf, dein eigentliches Ich zu sein. Wie blickst du mir entgegen? Heroisch, voll Gleichmut, voll unterdrückter Angst? In meinen Augen spiegelt sich deine schlimmste Furcht, ich gewinne meine Macht durch das, was du mir zuschreibst. Ich kann alles für dich sein. Tiefste Qual, endloses Entsetzten, silberne Hoffnung, endlose Erlösung. Ich lasse dich ruhen, oder auferstehen, lasse dich aufgeben oder frei wie ein Traumgespinst jede Möglichkeit realisieren. Wähle – denn das ist deine Pflicht.“

Manchmal findest du dich in Situationen wieder, die nicht sein sollten, die niemand erleben dürfte. Und doch bist du es, der sie durchstehen muss, dem das Schicksal, oder ist es Zufall, auferlegt hat, ins eigene Innere zu blicken und sein wahres, weil mögliches, Ich zu erspüren.
Wer bist du angesichts der Herausforderung des Augenblicks? Welchen Weg wählst du, gehst du vor oder zurück, verharrst du im Schrecken? Wie tief ist das Tal, in dem du dich befindest?

Und doch: Irgendwo wartet auf uns der Moment, in dem die freiheitsbedingte Angst zum Bewusstsein der selbstbestimmten Wahl leitet. Es scheint, als ob du die existentielle Angst durchleben musst, überleben musst, bevor du, indem du alle Hoffnung auf Errettung von außen fahren lässt und dich, vielleicht ein allererstes Mal, auf diesen Blick in dein Ich einlässt. Was siehst du?

Adler im Flug
Bildquelle: Fotolia.de 


Am Ende meines Weges ist ein tiefes Tal (indianische Erzählung)

Ich werde nicht weiterwissen.
Ich werde mich niedersetzen
und verzweifelt sein.

Ein Vogel wird kommen
und über das Tal fliegen,
und ich werde wünschen, ein Vogel zu sein.
Eine Blume wird leuchten
jenseits des Abgrunds,
und ich werde wünschen, eine Blume zu sein.
Eine Wolke wird über den Himmel ziehen,
und ich werde eine Wolke sein wollen.

Ich werde mich selbst vergessen.
Dann wird mein Herz leicht werden.
Wie eine Feder,
zart wie eine Margerite,
durchsichtig wie der Himmel.

Und wenn ich dann aufblicke,
wird das Tal nur ein kleiner Sprung sein
zwischen Zeit und Ewigkeit. 

  

Von Strelizien und Pferdemuscheln: Wenn nichts mehr ist, wie es schien

Ich habe kürzlich eine Muschel geschenkt bekommen: Von außen sieht sie grau und unscheinbar aus, kaum jemand würde sich am Strand nach ihr bücken – innen glänzt sie silberfarben. Nun ruht sie auf dem Fenstersims in meiner Praxis, und stets, wenn sich ein Sonnenstrahl in ihrem Schimmer verliert, erinnert sie mich daran, dass wenig ist, wie es scheint.

Vor wenigen Tagen saß ich im Gespräch – neben mir stand eine Vase mit sechs Strelizien. Ihr leuchtendes Orange absorbierte meine Aufmerksamkeit, immer mehr zogen ihre Farben mich in ihren Bann – bis, auf einmal, ihre Form sich zu verändern schien: Wie eine scharfe Spitze, schnabelgleich, richtete sich die Blume aus, und vor meinem inneren Auge entstand das Bild einer extraterrestrischen Drohne: Sie hatte den Auftrag, bis zum innersten Wesenskern vorzustoßen und ihn zu vernichten.

Ich verstehe dich, wenn du sagst, dass nichts mehr ist, wie es gerade noch schien. Ich weiß, was du meinst, wenn du erzählst, dass in einem Augenzwinkern deine Welt in Scherben lag. Wie du bemüht warst dich neu zu erfinden, wie du, immer wieder und wieder, gescheitert bist. Das, was du früher als Sinn empfunden hast, zerrann dir wie Sand zwischen den Händen, zu oft hast du gehört, du seist nichts wert. Und irgendwann hast du begonnen, daran zu glauben.

Du bist dem anderen in seine narzisstische Welt gefolgt, hast aus seinen entwertenden Augen auf dich selbst geblickt – und was du sahst, ließ nur einen Schluss zu: Du bist nichts wert. Du bist nichts. Du bist nicht.

Du hast den Glauben daran verloren, dass es eine Alternative gibt.

Im Englischen beschreibt der Begriff „Gaslighting“ den Prozess der konsequenten Manipulation durch einen anderen Menschen, meist den Partner, derart, dass die eigene Wirklichkeitswahrnehmung mehr und mehr in Frage gestellt wird – mehr und mehr übernimmst du dabei die Sicht des anderen, der deine Wahrnehmung als verrückt, falsch, gestört beschreibt. Nur noch vage spürst du, dass du richtig bist, der andere dich in Selbstzweifel, psychische Instabilität, schlussendlich in den Wahnsinn treibt.

Auch, wenn dem „Gaslighter“ oft gar nicht bewusst ist, was er da tut (aus seinem Narzissmus heraus ist dies meist eine unbewusste Strategie, sein Gegenüber dadurch an sich zu binden, dass er es klein macht und in die Abhängigkeit treibt), stellt „Gaslightning“ psychischen Missbrauch dar, der sich als Liebe tarnt.

Bildquelle: Fotolia.de

Spür´ in dich hinein: Will, kann der andere in dir denn dein Bestes sehen? All das Starke, all das Gute, was dir selbst bislang vielleicht verborgen blieb? Geht er mit dir so um, als ob du dieses Beste bereits leben kannst? Was siehst du selbst, wenn du in diese anderen Augen blickst? Traust du dich, darfst du dich trauen, dich in ihnen zu verlieren, weil du in dieser Tiefe dennoch sicher, weil du geborgen bist?

Spür´ in dich hinein – entscheide dich. Gehe oder bleibe – aber sorge für dich. Lass nicht zu, dass du selbst vergisst, hinter dem Schein, den der andere dir aufzwingen will, dich in deinem wahren Sein zu erkennen. Lege deine Pferdemuschel in den Schatten der Strelizie, die sich in ihrem Silberglanz selbst zu spiegeln beginnt.

 


Eine Liebeserklärung ans Leben: Ich sehe was, was du nicht siehst; Du siehst was, was ich nicht seh´.

Einsamkeit schleicht sich immer dann von hinten an, wenn wir uns klein, wenn wir uns hilflos fühlen. Selbst inmitten vieler Menschen kann sie dich umzingeln – wieder einmal bist du in einen Hinterhalt gelangt. Du könntest zum Telefonhörer greifen und deinen Liebsten anrufen, doch nur, um des Nachbarn Zwergkaninchens Probleme zu hören. Würde dies das Schreien deiner Gedanken übertönen?

Als ich kürzlich als Ersthelfer bei einem furchtbaren Unfall in Wien war, verlor ich mich später, viel später in den Fluten der Nacht. Es ergab keinen Sinn mehr, noch auf die Party zu gehen, auf der ich Freunde hätte treffen können, mein Pensionszimmer erschien mir als Schrein.

Manchmal ist es schwer, auch in der Wiederholung der Ereignisse kein Zeichen für sich sehen zu wollen, keinen versteckten Hinweis einer wie auch immer gearteten Fügung hinein interpretieren zu wollen. Nein, die Welt dreht sich nicht um uns, es gibt keinen Anlass, irgendetwas auf mich zu beziehen. Mit jedem Atemzug verschwinden wir alle mehr im Nichts.

Und doch: Da bist du, der andere, der sieht, was ich nicht sehen kann.

Komm, schau mich an und gib mir Ansehen. Spiegel meine blinden Flecken, blick mir ins Gesicht und sag: Ich sehe durch deine Maske hindurch. Für dich will ich sie fallen lassen

Bildquelle: fotolia.de

Du sagst, du zweifelst, ob du jemals wieder lieben kannst. Du sagst, du hättest deine Heimat verloren, als dein Herz in zwei gerissen wurde. Nie mehr vertrauen willst du, wütest du nun, niemandem mehr die Hand reichen, um dich selbst zu spüren.

Ich blicke dich an und erkenne deine Verletzung – doch lass deine Verletzbarkeit dich nicht erfrieren. Das, was du nicht selbst sehen kann, sehe ich für dich – ich nehme es an, segne es, biete es dir an und gebe es dir zurück. Deine Liebe ist immer die deine, sie entsteht und wächst in dir. Wenn sie niemand mehr will, kehrt sie in dein eigenes Herz zurück – halte sie warm, bis du sie wieder verleihen magst.

Irgendwo ist jemand, in dessen Armen du sicher, geborgen bist. Irgendwie ist jemand, der dich sanft wiegt, wenn du verzweifelt bist. Lass deinen Kopf an dieser Schulter ruhen, schließe die Augen und lass den anderen dir beschreiben, was er durch deine Augen sieht.

Meint lieben nicht, im Dunklen für den anderen zu sehen? Auch, wenn das Dunkle in seiner eigenen Seele liegt?


Eros, Philia und Agape: Lieben meint, das Beste im Anderen zu sehen

Ich kenne kaum jemanden, dem 2016 wirklich wohl gesonnen schien – Dieses Jahr war voller Schmerz, ein jeder hatte seinen eigenen Dämonen gegenüberzutreten. Schuld, Leid und Tod traten aus dem Schatten heraus, führten uns die Endlichkeit vor Augen, erinnerten uns daran, wie wenig Zeit bleibt, um sich auszusöhnen.

Halte einen Moment inne, betrachte die, denen du noch vergeben sollst – ist es nicht das, was du auch von den anderen dir wünscht?

Es scheint ein Jahr des Abschiednehmens, der Trennungen, des bitteren Verrats – wir verloren die, die wir liebten, an den Tod, andere mussten wir in die Einsamkeit des Lebens entlassen, das Alleinsein spüren. Was rettet dich in jenen dunklen Nächten, die den düsteren Tagen folgen?

Wie leicht es ist, all die kleinen Momente zu vergessen, die, wenngleich nicht erfüllend, nicht superb, doch lindernd waren. Wie leichtfertig, nur des großen Leids zu gedenken, und die Liebe, und den großen Mut, die du erfahren hast, zu ignorieren. Und jeder Moment der Liebe bringt dich näher zum Moment der Transzendenz – erlaubt dir, vielleicht für eine Sekunde nur, Ganzheit im So-Sein zu empfinden.

Viele Klienten, die mit Beziehungsthemen zu mir kommen, möchten meinen Rat. Soll ich gehen oder bleiben, fragen sie mich. Oft scheint die Dreieinigkeit aus Eros, Philia und Agape, die eine tragfähige, liebevolle, stabile Beziehung bewirkt, nicht nur erloschen, sondern nie präsent gewesen zu sein. Oft wurde nur eine Komponente, manchmal zwei, gelebt – so entstand ein Ungleichgewicht.

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Doch Magie, der Zauber, der der Liebe innewohnt, entsteht nur, wenn in Partnerbeziehungen Eros (die lustvolle, körperliche Liebe, die nimmt und sich befriedigt), Philia (die freundschaftliche Liebe, die teilt und sich mit dem Partner freut) und Agape (die mitfühlende, bedingungslose Liebe, die bereit ist, sich für den anderen aufzuopfern) zusammentreffen.

Agape scheint dabei jene Form der Liebe zu sein, die für viele unerreichbar bleibt. Zu sehr erwarten wir vom anderen, dass er unseren Erwartungen entspricht, sich zu unserem Gefallen verhält, dass er uns glücklich macht – wir knüpfen unsere Liebe an Bedingungen. Und sehen somit zu, wie, langsam, wie ein See umkippt, auch Philia und Eros zugrunde gehen.

Frage dich, ob es dir (noch) gelingt, das Beste in deinem Gegenüber zu sehen – das, was vielleicht ihm selbst noch verborgen ist. Kannst du ihn erkennen, wie er sein wird, wenn er der geworden ist, der er in Wahrheit ist? Kannst du genauso mit ihm umgehen, als ob er sein höchstes Potential schon jetzt verwirklicht?

Kannst du es in dir selbst spüren?

Vieles ging zu Ende – vieles beginnt nun neu: 2016 ist ein Jahr des Wandels. Das, was nicht mehr lebens-, nicht mehr liebesfähig war, löst sich auf. Es beginnt die Zeit des potentiell Möglichen, des Guten. Danke dafür.

 


Leiden ist nicht quantifizierbar: Ich hoffe, du liebst mich lange nicht so wie ich dich

„Jeder hat sein Auschwitz“, entgegnete Viktor Frankl einmal auf die Frage nach der Authentizität seiner Schüler. Er selbst schließlich sei glaubwürdig, weil er durch das Leiden hindurch gegangen sei, während seinen Schülern eine auch nur ansatzweise vergleichbare Qual erspart blieb. Wie aber kann einem Menschen mit einem 08/15-Lebensweg geglaubt werden, wenn er davon spricht, dass die letztmögliche Freiheit des Menschen stets darin besteht, sein Leiden in Würde zu schultern und „trotzdem ja zum Leben“ zu sagen?

Ich gehe davon aus, dass jeder Einzelne von uns sein Gewicht an Leiden in diesem Leben ertragen muss. Wie sich Leid, Schuld und Tod gewichten, die Franklsche tragische Trias, mag unterschiedlich sein (und m.E. ist Leid der übermächtige Schatten des Lebens als mitfühlender Mensch, quasi das noetische Verhängnis). Ich gehe jedoch davon aus, dass keinem von uns seelischer Schmerz erspart bleibt.

Auf den einen wartet der Abgrund des Liebeskummers, der andere verliert einen geliebten Menschen an den Tod, der nächste kämpft in Armt oder Arbeitslosigkeit um die Beruhigung des Schmerzes.

Und dieses eigene Leiden, das es zu ertragen gilt, ist eben nicht vergleichbar mit dem Leiden eines anderen – der einzige Referenzpunkt ist die Schmerzfreiheit (nicht das Glück!) in deiner eigenen Existenz.

 

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Jedes Leiden, gleich wie verursacht, ist mithin gleich groß, gleich schwer zu tragen, stellt einen Jeden vor die Wahl: Gib auf, zerbreche daran oder nimm es an.

Und doch ist nichts grausamer, als das Leiden des dir Nächsten bezeugen zu müssen. Wem es das Schicksal gut meint, lässt ihn selbst das Leiden schultern. Wen du liebst, willst du, musst du schmerzfrei sehen. Du gehst am fremden Leiden mehr zugrunde als am eigenen.

Ging Jesus (als Symbol für die Bereitschaft, für den zu leiden, den wir lieben) damit den einfachsten und nicht den schwersten Weg? Oder lebte er ein doppeltes Paradox: Indem er sich für die, die er liebte, opferte (der einfache Weg), musste er auch unser Leiden, das durch die Bezeugung seiner Qual entstand, aushalten (der schwerste Weg)... Muss ich nicht hoffen, wenn ich wirklich liebe, das jeder sein eigenes Leiden tragen darf, damit niemand meinen Schmerz bezeugen muss?

Was bleibt dem „homo patiens“ zu tun? Welches Verständnis des Leidens erleichtert das Aushalten?

Leiden ist ein aufgezwungenes Angebot des Lebens, es ist seine heftigste Aufforderung, ein uns entgegengeschleudertes „Lerne! Wachse! Entwickle dich! Finde deinen Sinn! Lerne wahrhaft zu lieben!“

Wenn ich jedoch dein Leiden auf mich nehme, bleibt mir nur zu hoffen, dass du mich bei weitem nicht so liebst wie ich dich.

 


 Gott liebt dich – aber wer ist er nur?

Bedeutungsschwanger trällern die Spatzen ihr Lied vom Neubeginn in die noch kühle Abendluft. Sie scheinen mit dem torkelnden Stimmengewirr, das vom nahen Frühlingsfest herüberdringt, um meine Aufmerksamkeit zu konkurrieren. Gedankenleer und ausgesprochen lasse ich meinen Körper wandeln und sehne mich nach allem und nach nichts.

Was ist das Gegenteil von allem? Ist es nichts? Oder ist es etwas? Wenn nichts existiert, und sei es nur als Gegenpol, hört es dann nicht damit auf, nichts zu sein und wird zu etwas?

Ich vermisse. Was das ist, vermag ich nicht zu sagen. Ist es das Schweigen, das ich teilen kann? Die Hand, die meine hält? Ist es das leise Nicken, das mir wortlos „Ich verstehe dich“ sagt?

Dort vorne fordern drei Polizisten die Ausweise von zwei Nordafrikanern. Missmutig kramen sie sie aus den Discounter-Plastikbeuteln hervor. Einige Meter weiter müht sich ein betrunkenes Paar in einer Umarmung ab. Und meine Füße tragen mich weiter.

Der Unterrichtstag war lang – die selbsterkennenden Tränen einiger Teilnehmer hallen noch wie das Echo von Regentropfen in einer leeren, nassen Schlucht in meiner Seele nach. Es dunkelt und Kälte kriecht über den Fluss heran.

Wie viele Menschen liegen heute Nacht wach, wie gelähmt ihren Dämonen ausgeliefert? Wie oft werden sie sich selbst, verzweifelnd-sinnloser Versuch des Trosts, mit dem Gesicht in den Decken zuraunen müssen: „Auch die längste Nacht geht irgendwann vorbei!“? Wie vage und flüchtig doch die Erinnerung einer haltenden Hand ist...

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Zehn gute Erfahrungen mit Menschen reichen nicht aus, um eine schlechte zu kontrastieren. Was kaputt geschlagen ist, heilt vielleicht nie ganz. Wunden vernarben, die Angst zieht sich zurück und lauert, geduldig ausharrend, auf ihren Moment der Nacht. Dann kriecht sie langsam aus ihrer Deckung, packt den Schlafenden am Hals und drückt zu. Dann erwacht er, wie betäubt von seiner Atemlosigkeit. Was bleibt ist auszuharren, die Minuten zu zählen, bis die Helligkeit des Tages in das Zimmer scheint.

„Gott liebt dich“ lese ich an der Brückenmauer in roter Schrift.

Gott liebt mich, sagst du dir, und fragst dich: „Doch weshalb finde ich ihn nicht?“

Und irgendwo gibt es einen Menschen, in dessen Seele du wohnst, der dich in Gedanken festhält und immer und immer wieder geduldig dir sagt: „Ich bleibe, ich gehe nicht weg, egal, was du machst.“

Ja, das Leben schlägt uns Narben. Wir können sie stolz als Signatur unserer Lebendigkeit tragen.


 

Entscheide dich frei zu sein – entscheide dich zu lieben


Was ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet,was er ist. [...]“ gibt uns Viktor Frankl mit auf unseren Weg. Ebenso legt er uns nahe, all unsere Forderungen nach einem guten, erfüllten Leben aufzugeben, uns vielmehr zu fragen, was das Leben von uns fordert. 
Was fordert es von uns? 
Können wir dabei stehen bleiben, zahlreiche Momente anzusammeln, die sich als Erfüllung tarnen? 

Ich denke, wir alle haben die Möglichkeit uns Sinn zu konstruieren – wir alle haben die Freiheit, eben jenes zu tun. 
Mit Freiheit geht Verantwortung Hand in Hand: Wenn ich einmal erkannte, dass ich wählen kann, ja, wählen muss (auch, wenn ich die Augen davor verschließe, treffe ich damit eine Wahl), kann ich mich nicht mehr in einen Egozentrismus flüchten, der mir abverlangt, allein für mich, mit imaginären Monadenflügeln flatternd, möglichst gut durchs Leben zu kommen.

Natürlich will ich gut durchs Leben kommen. Natürlich bin ich ebenso verpflichtet, gut für mich, mein Leben, zu sorgen, es nicht leichtsinnig zu riskieren, nicht fahrlässig mit meiner Gesundheit umzugehen.

Und doch will ich mich fragen, was ich dem Leben zurückgeben kann, für dieses Geschenk, das es mir machte. Denn dass ich bin, dass ich existiere, kann ich nicht leugnen – und diese Existenz ist mir bedingungslos auferlegt. 

Jeder Mensch hat das Recht, sein Leben zu ver(sch)wenden: Jeder darf tun, als ob es eine nie endende Party ist. Er darf vergnügungssüchtig durch Jahrzehnte hetzen, von einem austauschbaren Rausch zum nächsten. 

Was bleibt, frage ich mich. Was bleibt, wenn du, irgendwann, zurückblickst auf dein Leben? Was willst du hinterlassen (und wir hinterlassen immer irgendetwas), was soll auf deinem Grabstein stehen? Werden sich Menschen an dich erinnern, wem hast du was gegeben?

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Immer deutlicher spüre ich, dass ich immer weniger Zeit mit Momentejägern verbringen will, die die Zufälligkeit eines Treffens auf einer Feier, das Smartphone mit der App fürs Online-Dating stets in der Hand, für eine schicksalshafte Begegnung halten. Ich will mich nicht hineinziehen lassen, in das ewige Getaumel, in das Betäuben einer jeder Frage nach dem Sinn. Mir sind Menschen lieber, die noch fragen können, die sich einlassen wollen auf eine aufrichtige Ich-Du-Beziehung.  
Diese Menschen sind mir Begleiter: Wir nehmen unsere Taschenmesser in die Hand und beginnen, den Oberflächenlack (der doch eh schon blättert!) abzukratzen – was wir finden, ist zunächst ungewiss: Oft platzt mit der Hülle auch jede Hoffnung auf Inhalt ab. Doch manchmal leuchtet uns Authentizität entgegen. Und in ihrem sanften Schein wächst Liebe heran.  

Ich bin der Überzeugung, dass wir lieben, weil wir uns gespiegelt sehen – wir erkennen im anderen Menschen unser Ich. Es ist ein Ich, das immer nach etwas strebt – wir können niemals nichts wollen.

Einige stellen ein hedonistisches, Spaß getriebenes Leben in den Vordergrund, andere richten ihr Sein nach eigenen, eventuell höheren Maßstäben aus. 
Wenn wir selbst uns an die Kandare nehmen, wenn wir unsere Vernunft bemühen, die ethisches, von eigener Vorteilnahme befreites Verhalten erlaubt, können wir den Übergang schaffen vom ästhetischen, also sinnlich-gesteuerten (und damit vom Vergnügen abhängigen) Menschen zum ethischen Menschen – um Freiheit zu gewinnen. Damit wirken wir, zumindest ein Stück, eben jener selbst verschuldeten Unmündigkeit entgegen, die wir nicht einmal bemerken, solange wir uns in der Verantwortungslosigkeit des „Spaßbetriebs Leben“ bewegen. Wir entscheiden, wer wir sind. Wir entscheiden, wen wir lieben wollen. Wir entscheiden, wer uns lieben soll. Wir sind frei. Wir sind auch frei, gute Menschen zu sein.

 


 Glitzersternenstaub auf deinen Wimpern

Es ist Zeit: Zeit, zurückzuschauen. Einen Augenblick nur, bevor wir uns umdrehen, der Zukunft zu, die wir mit jedem Atemzug gegenwärtig machen. Es ist Zeit: Zeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, Altlasten über Bord zu werfen – behalte stets nur das, was du auch tragen kannst. Was brauchst du wirklich, um du selbst zu sein?

Lege das Geschenkpapier beiseite und deine Stirn an kühles Fensterglaus, schalte dein Smartphone aus und dein Lieblingslied ein: Erlaube deiner Melancholie, dass sie mit einem Dinosaurierflügelschlag über dich hinweg wischt. Kuschel´ dich in ihre feuchte Wärme, schmieg´ dich in ihre zimtduftende Weichheit: Was warst du dieses Jahr, wer wolltest du sein? Was ist aus dem Bild von dir geworden? Welche Momente strichen achtlos an dir vorbei, welchen Zauber hast du nicht gesehen, welchem falschen Schein bist du gefolgt? Nutze diese Aufgaben zu lernen – jedes Leid birgt eine Entwicklungschance.

Du willst wissen, was das neue Jahr dir bringt – stell´die Frage auf den Kopf: Was wirst du dem neuen Jahr entgegenbringen?

Du stehst hier, mit ausgestreckten Händen, ich lege dir meine Wünsche hinein.

 

Ich wünsche dir

dass du dich nach vorne wenden kannst,

all das, was du Unrecht glaubst, lass hinter dir,

Ich wünsche dir die Freiheit vom eigenen Begehren,

das, was du so dringend willst, genauso nicht zu wollen,

Freiheit von Groll, und auch, dein Leiden anzunehmen,

Ich wünsche dir

eine Hand, die nicht an deiner zerrt, sondern die deine hält,

den Menschen, der dich nicht bekämpft, vielmehr dich schützen will,

Ich wünsche dir Wolken,

in denen du Bilder entdeckst,

Regen, der dich tanzen lässt,

Ich wünsche dir Sonne,

die deine Tränen funkeln lässt.

Ich wünsche dir Worte,

die du hören kannst,

die nicht verletzen, sondern dich berühren,

Ich wünsche dir,

dass du aufhören kannst, Betrug zu wittern,

dich selbst zu quälen und zu strafen,

Ich wünsche dir,

dass du an die Kraft der Liebe glaubst,

selbst, wenn du irrst, kannst du so nur gewinnen.

Ich wünsche dir,

dass du das Gute sehen kannst,

das hinter allem ausharrend sich geduldet,

Ich wünsche dir

dass du die Lider schließen kannst, wenn du müde bist,

und dass du deinem Sinn mutig in die Augen blickst.

Ich wünsche dir Glitzersternenstaub auf deinen Wimpern.

 


 Pflaster für die Seele

„Weil es einfach kompliziert ist, eine Beziehung zu führen!“ beantwortete mein Supervisor meine eigentlich nur rhetorisch gestellte Frage, weshalb Beziehungsgestaltung denn so schwierig sei. Ich hatte eine Praxiswoche voll dramatisch klingender Beziehungsthematiken hinter mir und verzweifelte am Verzweifeln meiner Klienten: Viele von denen, die in einer Beziehung sind, wünschten, sie wären es nicht und viele meiner Single-Klienten sehnen sich nach einer solchen. Internet-Dating und Co. sorgen heute zuverlässig für gebrochene Herzen und blaue Flecken auf der Seele – all die Möglichkeiten, seine tiefsten Sehnsüchte auf einen einzigen Menschen, auf ein Foto am Bildschirm und einige wenige getippte Worte, zu projizieren – und wie kalt das Erwachen aus dem romantischen Stilisieren des Flirtpartners zum ewig Erwarteten! Kein solches Bild hält dem Abgleich mit der Realität stand. Natürlich bricht diese Scheinwelt bald zusammen, und damit fühlt es sich für den enttäuschten Liebenden an, als ob er mit der Vorstellung von sich als Teil eines Paars seine ganze Zukunft verliert.

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Ist es tatsächlich kompliziert, eine Beziehung zu führen? Ist es wirklich so kompliziert, sich auf einen anderen Menschen so einzulassen, dass es nicht nur eine Frage der Zeit ist, wann Schiffbruch erlitten wird?

Während es in Zeiten der Single-Börsen immer einfacher ist, sich zu verabreden und eine Affäre einzugehen, scheint es beinahe unmöglich, mittels online Datings eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen zu können. Und die Menschen, die noch in einer Beziehung sind, sehen oft genug die Trennung als einfachste Lösung – scheint der nächste Partner doch nur einen Mausklick entfernt. Zu groß ist die Versuchung, einen Menschen als Katalogware zu betrachten, der, nach Kriterien wie Haarfarbe, Größe, Beruf und Einkommen selektiert, mit einem „like“ bestellt werden kann: Bei Nicht-Gefallen umtauschbar.

Häufig liegt dem kontinuierlichen Suchen und Leiden, all den großen und kleinen Enttäuschungen, die Vorstellung zugrunde, dass es „da draußen den einen Welchen“ gäbe, der mein Seelenverwandter, mein Traumprinz, mein Deckel zum Topf ist. Viele von uns unterliegen dem Irrglauben, dass es eine andere Person sei, die mich veranlassen würde, sie zu lieben.

Dass Liebe immer nur in mir entstehen kann, dass sie aus mir kommt, wird dabei übersehen. Unsere Liebe ist damit wie eine Leihgabe an einen anderen Menschen: Wenn dieser Mensch sie nicht gut behandelt, oder sie nicht (mehr) braucht oder will, kann ich sie zurückholen. Jederzeit. Denn meine Liebe gehört mir und niemand anderem.

Wenn wir glauben, dass es dieser eine Mensch sei, der diese großartigen Gefühle in uns verursacht, übertragen wir die Verantwortung für unsere Emotionen auf den anderen – und glauben, derart selbst entmündigt, den Kummer, den unsere enttäuschte Liebe bewirkt, nicht ertragen zu können. Nur dieser eine Mensch kann uns davon befreien, nur er kann uns erlösen!

Welch´ Trugschluss, der uns immer wieder leiden lässt.

Wenn wir verstehen, dass unsere Gefühle in uns sind und von einer anderen Person nur geweckt, nie verursacht werden, erleben wir Befreiung - und sind wieder in der Lage, die Verantwortung für unser emotionales Erleben zu übernehmen. Und können damit wieder für uns sorgen. Die Hilflosigkeit, die wir empfinden, wenn wir uns in unserer Liebe von einem Partner abhängig glauben, schwindet – wir spüren ganz deutlich, dass unsere Liebe (zu) uns gehört – sie kann damit auch nicht verschwinden, nicht unerfüllt (nur unerwidert) bleiben - sie kann, wenn sie nicht auf Resonanz stößt, in uns zurückkehren.

Ja, Gustavo Adolfo Bécquer, die Liebe kehrt in dein Herz zurück, wenn sie vergessen wird:


XXXVIII

¡Los suspiros son aire y van al aire!

¡Las lágrimas son agua y van al mar!

Dime, mujer, cuando el amor se olvida

¿sabes tú adónde va?

 


Vom Denken und Lieben: Ich negiere die Wahl

"Ich arbeite nicht gerne mit Patienten, die verliebt sind. [...] Vielleicht ist es die Tatsache, dass Liebe und Psychotherapie im Grunde unvereinbar sind. Ein guter Therapeut kämpft gegen die Dunkelheit und sucht Erleuchtung, während die romantische Liebe im Mysterium Nahrung findet und bei näherer Prüfung in sich zusammenfällt. Ich hasse es, der Henker dieser Liebe zu sein." 
(aus: Irvin D. Yalom: Die Liebe und ihr Henker, btb, S. 26)

Alle großen Denker erfüllen sich die Liebe nicht, heißt es. Denn wer glücklich liebt, verliert den Drang zu denken. Wer glücklich liebt, igelt sich in wohliger Zweisamkeit ein, zieht die weiche Decke der antizipierten Glückseligkeit über seinen Kopf. Und das Denken verebbt, nach und nach.

Glückstriefende Liebesgedichte will keiner auf Dauer lesen, nicht einmal der Autor selbst – wie kann es mit der Philosophie, wie kann es mit der Psychotherapie anders sein? Ist nicht jede philosophische Ausrichtung wie jeder therapeutische Ansatz Konsequenz der eigenen Biografie?

Einer meiner bevorzugten Philosophen, Sören Aabye Kierkegaard, entschied sich gegen die Möglichkeit der Verwirklichung einer glücklichen Liebe. Er stellte sich selbst vor die Wahl – eine Wahl, von der er wohl hoffte, dass sie ihn vom „ethischen“ zum „religiösen“ Menschen avancieren lassen würde.

 


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Eine Wahl, von der er ausging, dass sie durch das mit sich bringende lebenslange Leiden (und Kierkegaard würde bis zu seinem Tod unglücklich bleiben) sein Antrieb sein  würde, sein könnte, großartige philosophische Gebäude zu konstruieren. „Hätte ich wirklich geglaubt, hätte ich Regine geheiratet!“, würde er Jahre später seinem Tagebuch klagen.

Und doch: Hätte er geheiratet, hätte er dem Drängen des „Ästhetischen“, des Sinnlichen, nachgegeben – er hätte wohl kaum mehr Anlass gehabt, das menschliche Dasein (und damit Leiden) so zu hinterfragen.

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Biologen, der fest behauptete, der Sinn der Evolution sei das Weiterbestehen des Lebens.

Meint das nicht, dass wir mit dieser Annahme der Evolution einen teleologischen Aspekt, eine Zielgerichtetheit, unterstellen müssten?

Ich entscheide mich gegen diese Annahme. Ich kann nicht recht glauben, dass die Evolution eine sich außerhalb von uns befindliche Macht sei, die eigene Ziele verfolgte – und wenn es auch das Ziel unseres Fortbestehens sei.

Ich spreche nicht gerne von einem „Sinn“, weder des Lebens noch der Evolution. Ich halte es mit Viktor Frankl: Jeder Moment ist eine Aufforderung, ihm Sinn zu geben. Darüber hinaus denke ich: Und alles, was wir tun oder eben auch unterlassen, geht als Idee in eine von unserer irdischen Existenz losgelöste geistige Seinsebene ein. Eine Ebene, die beständiger ist als unser menschlicher Körper.

Ob wir einen Baum fällen oder wachsen lassen, ein Buch schreiben oder für uns alleine Geschichten erfinden, ob wir lügen oder ehrlich sind, glauben, lieben oder hoffen: Wir verwirklichen Ideen.

Und diese Ideen, dieser Geist, sind es, die lange nach uns weiterbestehen, die sich von uns als ihren Schöpfern loslösen – und in der Erde, in unseren Hirnen, in unseren Herzen ihre Spuren hinterlassen.

Denke, liebe, renne oder bleibe still – wenn du glaubst, wählen zu müssen, wähle. Oder: Negiere die Wahl.
Außerhalb von dir liegt die Erlösung nicht. Niemand wird dir, niemand kann dir die Verantwortung für dein Leben abnehmen.