Die stellvertretende Wiedergutmachung – und immer landest du bei dir.

Du willst noch schnell beim Discounter dein Abendessen holen – nicht, weil es deiner Philosophie entspricht, sondern weil er so günstig auf deinem Nachhauseweg liegt. Fürs gute Gewissen kannst du ja Bioprodukte kaufen.

Gerade willst du dein Rad abstellen, als du diesen alten Mann siehst: Schwer auf seinen Krückstock gelehnt, in der anderen Hand eine Tüte eben jenes Discounters, müht er sich ab, seinen Fuß über die kleine Schwelle zu haben, die den Parkplatz des Supermarkts vom Gehsteig trennt.

Schwerer Parkinson, vermutest du – oft zeigt sich diese Erkrankung auch in einer solchen Unmöglichkeit, diesen ersten Schritt zu tun. Du schaust einen Moment, ob er es schafft – nein, er kann die Bewegung nicht initiieren. Du gehst hin, „Darf ich Sie unterstützen?“, fragst du, er blinzelt dich aus eingefallenen blauen Augen an, um seinen Mund mit ganz dünnen Lippen sind noch Spuren seines letzten Essens, seine Schädelform ist deutlich zu erkennen, und schon drückt er dir seine Tüte in die Hand, sie ist schwer, viel schwerer, als du denkst, und ihre Plastikhenkel schneiden in die Finger. Er deutet auf den Bürgersteig. „Mhm“, nickst du, da gehen wir hin. Du hast geglaubt, er bräuchte nur Hilfe, um über die Straße zu kommen, aber nein: Als du anbietest, er könne sich bei dir unterhaken, tut er es sofort, und so spaziert ihr, ganz gemächlich und doch angespannt, jeder Schritt ist eine Herausforderung für ihn, die Tramschienen zu überqueren ein unglaubliches Hindernis, die Straße entlang. Er spricht nicht, nur vereinzelt antwortet er auf deine Fragen mit Lauten. Und so bist du still, vertraust dich an, er wird seinen Sinn haben, denkst du dir.

Für 150 m braucht ihr 20 Minuten, und die ganze Zeit über ist er bei dir, dein Großvater, der Held deiner Kindheit, dein Anker, deine Ferienzuflucht, dein Asyl vom dysfunktionalen Familensystem. Ob er wusste, in welche Hölle er dich zurückschickt, dich zurückschicken musste, überlegst du kurz, und du durchlebst den Moment erneut, als er in deinen Armen starb, nicht friedlich einschlafend, sondern sich aufbäumend, bis zum Letzten sich wehrend, wie dich die Ärzte aus dem Zimmer schickten, und du in alleine lassen musstest, ihm nicht helfen konntest, diesen letzten Weg geht jeder doch allein. Und dir wird klar, dass es keine Möglichkeiten mehr gibt, ihm all die Liebe zu vergelten, ihm zu zeigen, wie wichtig er für dich war. Wie viel mehr du hättest tun wollen, wie viel häufiger zu ihn besucht hättest, um wie viel zu wenig zu geleistet hast! Deine Schuld ruht fest auf deinen Schultern, treibt dir einen Eiszapfen mitten durch die Brust ins Herz.

Und du läufst nein du rennst immer weiter deinen schmerzen davon und auch wenn du keinen sinn findest nie finden wirst rennst du bis der schmerz sich zusammenkrümmt in embryonalstellung sich in eine ecke verzieht und dort erschöpft einschläft und auch wenn er da bleibt so gibt er für einen moment ruhe und dort hinten steht eine frau mit einer hundeleine in der hand und du suchst nach dem hund und findest ihn nicht doch da viel weiter hinten kommt ein alter mann ihr nach und dein ermattetes denken denkt ihm gehört die hundeleine um den hals denn er ist der tod doch der tod ist müde er hat keine lust mehr auf diese schnitzeljagd und bleibt einfach stehen und dein herz von diesem eiszapfen durchbohrt ist gefroren könnte auftauen wenn es warm wäre doch du weißt nicht wie es geht weißt nie wieder wie es geht und so rennst du einfach weiter und vielleicht ändert es sich irgendwann

Schuld, Leid und Tod formen sich zur tragischen Trias nach Viktor Frankl: Wir alle haben uns damit auseinanderzusetzen, wir alle sind damit schicksalshaft konfrontiert. Die Freiheit, die uns bleibt, ist, Stellung dazu zu beziehen. Der Tod ist unausweichlich, doch wenn ich in meinem Leben Sinn empfinde, wird er gegenstandslos, denn er ist kein Teil des Lebens. Meinem Leiden kann ich trotzen, ich kann mich ihm entgegenstellen, doch die Schuld, die ich mir aufgeladen habe, wiegt schwer. Hier muss ich Wiedergutmachung leisten, wenn nicht an dem, an dem ich mich verschuldigte, dann an einem Stellvertreter. Und so führst du den alten Mann die Straße entlang, bis er auf eine Bar deutet, die draußen Stühle hat, erschöpft fällt er in einem nieder, „Magst a Kaffeele, Günther?“, fragt die Bedienung, und er nickt und nun kann er sprechen, wenn auch mühsam, so krächzt er die Worte heraus „Wollen Sie auch einen Kaffee?“ und holt sich eine Packung Camel aus der Jackentasche. Und plötzlich bist du so erleichtert, als ob sein Rauchen bedeuten würde „so schlimm kann es nicht sein!“, und du lächelst und schüttelst den Kopf, gehst hinein zur Bedienung und notierst auf einem Blatt Papier deinen Namen und deine Nummer, falls er Hilfe braucht, soll er dich anrufen, und die Bedienung erzählt, dass es da irgendwo, selbst wenn er alleine lebt und sich nicht helfen lassen will, auch eine Nichte gibt, und Günther meist mit dem Taxi nach Hause fährt, sonst hat er auch sein Gehwagerl dabei.
Du steckst ihm den Zettel zu, er blinzelt dich an, und du glaubst, so etwas wie Dankbarkeit in seinen Augen zu erkennen

los ojos azules como el mar mi mar la mar eterna quisiera hundirme en tu mirada necesito perderme en tí no me dejes sola otra vez quédate devórame llévame contigo aunque sea la muerte tu destino

und er greift zu seiner Jackeninnentasche und du befürchtest für eine Sekunde, dass er dir jetzt Geld geben will, also gehst du schnell, ganz schnell weg.

Und vielleicht geht es gar nicht mehr darum, Sinn zu finden - das einzige was zählt, ist die Schmerzen zu betäuben, „what matters most is how well you walk through the fire“, schrieb Bukowski und so wird es wohl sein. Und irgendwann erkennst du vor dir auf dem Boden Tropfen, und vielleicht ist es der Regen, sind es deine Tränen oder dein Schweiß – vielleicht der Tau des Eiszapfens in deinem Herzen.

 


Was uns noch Hoffnung gibt

Du sagst, du kannst nicht mehr, du wartest auf ein Zeichen. 
So setzt du dich vor den Dornbusch und blickst in hypnotisierend an, damit er sich entzünde.

Wie lange du verharren willst, frage ich dich, während ich dir aus schwefelgelben Wattewolken, die ich vom Himmel pflücke, einen wärmenden Überwurf stricke. Ich hasse Handarbeit.

Bis du endlich Antwort bekommst, entgegnest du und blickst weiter in imaginäre Flammen.

Wie fragil die Hoffnung ist, wenn sie von einem Signal, das nicht kommen mag, abhängt...

Umgeben bist du von Menschen, die du kennen solltest, die dich mit Kosenamen rufen – doch sind sie dir fremd, du durchschaust sie nicht. Du weißt, du kannst doch lachen, scherzen, sogar tanzen, dich immer weiter im Kreise drehen – niemand wird merken, wie fremd du bist – und doch sind wir von einem unsichtbaren Zaun getrennt. 
Irgendwo haben andere Menschen eine Absperrung errichtet, durch die niemand mehr kommt. Sie lassen andere draußen, scharen sich zusammen, um etwas zu schützen, was niemand beim Namen nennt.

Wie zermürbend Hoffnung ist, wenn sie auf Mitfühlen zielt.

Einmal zu viel hast du dich im Kreis gedreht, deinen Spitzentanz geübt – so alt bist du nun, dass du dich kaum mehr im Spiegel erkennt. 
Komm´, lass uns, für einen Abend nur, so tun, als seien wir jung geblieben, als kannten wir uns seit Ewigkeiten schon, als gehörte die gemeinsame Zukunft nur uns. Steh´ auf von deinem Posten vor dem Dornbusch und gehe mit mir, ein Lagerfeuer entfachen, ich will dich bei der Hand nehmen, für einige Stunden nur. Danach, ja, danach, da kehren wir in unser Leben zurück, ziehen den Strafzettel unter den Scheibenwischern hervor und ärgern uns. Jedes Gefühl ist besser als diese seelenlose, gottverlassene Einsamkeit der Hoffnung, die sich nie erfüllt und doch nicht weichen will.

 


Die bestmögliche aller Welten, Sinn im Leiden und das Mikrogramm deines guten Wollens

Wenn mich jemand aufsucht, dann meist, weil er leidet. Manchmal ist es ein träges, zähes Leiden, das sich über viele Jahre wie schwarzer Teer, der in alle Ritzen gekrochen ist, festgesetzt hat, manchmal ist das Leid grellrot und tosend wie ein tropischer Wirbelsturm. Es sind Menschen, die ihre Eltern und Kinder zu Grabe tragen mussten, deren Körper und Seele durch verschiedenste Grausamkeiten Schaden nahmen, Menschen, die die Unwiederrufbarkeit von Entscheidungen beklagen, die an Einsamkeit zugrunde gehen – kurz: Es sind Menschen, die Unerhörtes auszuhalten haben.

Wir Therapeuten können das Leiden nicht von ihnen nehmen – wir können nur helfen, es zu tragen zu versuchen.

Die wenigsten von uns hatten sich irgendwann entschlossen, therapeutisch zu arbeiten, weil ihnen das Leben so wohlgesonnen gewesen war – die meisten von uns entschieden sich, weil sie das Leiden kennen. Weil sie wissen, wie es ist, in den Abgrund der Verzweiflung zu blicken, voll Entsetzen und Hilflosigkeit.

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Wir alle erleben Situationen, müssen uns Ereignissen stellen, die wir nicht (mehr) beeinflussen können – Momente, die unser Schicksal in sich tragen. Wir können es nicht mehr ändern, nichts beeinflussen - doch drohen wir zu zerbrechen – wie können wir solch´ Tragik akzeptieren?

Frage dich: Worin liegt deine Aufgabe, wieso widerfährt dies dir? Im Leiden selbst liegt kein Sinn verborgen – und doch musst du ihn finden, ihn dem Leiden geben – drücke deinem Leiden deinen Sinn (das, was Viktor Frankl „logos“ nennt) auf wie einen Stempel auf weißes Papier.
Du weißt nie, was anders hätte kommen können – du weißt nie, was dir, was deinen Liebsten erspart geblieben bist, weil es genau so gekommen ist. Wenn wir in der bestmöglichen aller Welten leben, gab es keine andere Option (doch lerne das, was du selbst bestimmen kannst zu unterscheiden von dem, was dir schicksalshaft auferzwungen ist!). Bemühe dich, durch dein Leiden mehr Gutes zu wollen, Gutes zu tun.

Und irgendwann sitzt du an einem Fluss, wirfst Kiesel in seinen Strom, und denkst daran, dass sein Staub das ist, was bleibt – das, was lange nach dir noch, in welcher äußeren Form auch immer, weiter gegeben ist. Was ist mit der Energie deines Denkens? Was bleibt, ,was verliert sich?
Was ist, wenn das Mikrogramm deines guten Wollens in der richtigen Waagschale landet, dort in der nächsten Welt, die gleich hinter unserer liegt, ab und an scheint sie doch durch? Würdest du dich nicht umso mehr bemühen, ihm noch mehr Gewicht zu verleihen?

Und immer wieder bleibt die Frage: An was glaubst du?

 

 


 

Find what you love and let it kill you (Bukowski)

Neulich erzählte mir ein Freund, dass er, wenn mal wieder ein Headhunter das Gespräch mit „Wie sieht Ihr Traumjob aus?“ eröffnen wollte, schlichtweg keine Ahnung hat, was er darauf antworten sollte. Mich lässt das nicht los: Seitdem kehren meine Gedanken immer wieder zur Frage nach dem, was uns antreibt, zur Frage nach dem (sinn-)erfüllten Sein zurück.

In Ermangelung einer echten Heimat verließ ich auf der Suche nach eben jener sehr bald mein „Zuhause“ und schlug mich als Kellnerin in verschiedenen Lokalen durch, um mir das Abitur und später das Studium zu verdienen. In zorniger Verzweiflung schleuderte ich in jugendlichem Trotz dem Leben mein „Nicht mit mir!“ entgegen – retrospektiv jedoch war wohl das, was ich damals als Wut empfand, Sehnsucht. Sehnsucht nach etwas, wenn schon nicht Besserem, doch wenigstens Anderem.

Sehnsucht zu haben bedeutet jedoch, dass ich an die Existenz dessen, wonach ich mich sehne, glaube. Ich spüre also, dass es etwas gibt, wonach ich streben kann – und dass ich es erreichen kann. In dieser Erkenntnis liegt auch Viktor Frankls Aufforderung, Stellung zu beziehen – Stellung dem Schicksal, auch dem nicht gewollten, gegenüber. Hierin liegt deine Freiheit: Du kannst dich jederzeit (er-)finden.

Heute, so viele Jahre später, habe ich in der Philosophie (und Psychotherapie entspricht für mich angewandter Philosophie) nicht nur seit langem meinen Beruf, sondern meine Berufung gefunden. Doch welche Sehnsucht steckt dahinter?

Carl Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie, ging von der humanistischen Grundhaltung aus, dass das „Ich am Du“ wird – dass wir alle von der Sehnsucht nach einer wahren, einer authentischen Ich-Du-Beziehung bewegt sind. Wir benötigen, um unser wahres „Selbst“ verwirklichen zu können, ein Gegenüber, das uns ohne Maske gegenüber tritt. Ein Gegenüber, bei dem auch wir unsere Maske fallen lassen können.

Wenn Rogers noch annahm, dass es niemanden in diesem Leben gelingen kann, zum vollständig kongruenten (stimmigen) Erleben (das Erleben, das ermöglicht, alles, was sich zeigt, wertfrei anzunehmen) zu gelangen, meine ich, dass in unserem letzten Moment unsere tiefste Sehnsucht (also unser Traum) erfüllt ist – in dem Augenblick, in dem wir finden, was wir suchten, können wir, friedvoll, gelassen, ein letztes Mal ausatmen.

Die echte Begegnung zeigt sich mir am besten in einem Bild – es beschreibt für mich den Moment, in dem wir in gegenseitiger Bedingungslosigkeit echt sein können – der Moment, in dem sich Eros, Philia und Agape begegnen (Blog: Lieben meint, das Beste im Anderen zu sehen).

Aneinander gelehnt blickt ihr schweigend hinaus aufs Wasser, keiner muss sich stärker oder leichter an den anderen lehnen, ihr braucht euch genauso viel und genauso wenig, keiner braucht den anderen mehr. Alles ist gesagt, Worte müssen keine Brücke mehr zwischen euren Wirklichkeiten bauen.

Bildquelle: eigene Aufnahme

Das Leben eines Traums setzt voraus, dass wir erkennen, was wir beeinflussen können: In ACT (der Akzeptanz- und Commitment-Therapie) orientieren wir uns am „Gelassenheitsgebet“:
"Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."

Im Herausfinden des Unterschieds irren wir oft, straucheln und stürzen.

Doch fliegen lernst du, indem du fällst und vergisst, auf dem Boden aufzuschlagen. Mach´ alle Fehler jetzt – Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Und wenn du es noch nicht gefunden hast, dein Gegenüber, das dich wirklich sieht, das dir ermöglicht, loszuziehen, um das zu finden, was du liebst, dann sei dir sicher, dass auch es dich sucht. Ihr werdet euch finden.

Zum Aufgeben sind wir alle zu jung - gleich, ob du 17, 40 oder 83 Jahre bist...


Für die Rekonstruktion der Menschlichkeit

Jeder Einzelne ist jeden Tag gefragt, Stellung zu sich in dieser Welt zu beziehen.

Wir als Philosophen müssen unserer ethische Verantwortung, Stellung zum Menschen in dieser von uns konstruierten Welt zu nehmen, laut und deutlich nachkommen. Wir können uns nicht hinter unseren Büchern verstecken, uns selbst vorgaukelnd, die Welt draußen hätte nichts mit uns zu tun, auch und eben weil wir drinnen an unseren Schreibtischen sitzen und sinnieren, während andere draußen sind und das verteidigen, was wir erdachten: Die Reglementierung unserer Menschlichkeit. Wir tragen zur Gesetzbildung bei, das muss uns deutlich sein.

Gerade weil es keinem mehr gelingt, den Niedergang der Menschlichkeit nur jenseits unserer Grenzen zu sehen – gerade weil jeder Einzelne von uns als Mensch erst das Abstraktum Menschlichkeit konkretisiert, sind wir gefragt, uns selbst zu über-denken, vielleicht uns neu zu er-denken.
 
Wir wollen nicht erleichtert sein, wenn das Gräuel ein einzelner Täter verübte, wir wollen nicht erleichtert sein, wenn die Grausamkeit „nur“ Amok und kein Terror ist.
Wie furchtbar, das Ausmaß der Betroffenheit von der Nationalität des Täters abhängig zu sehen, wie schlimm, denken zu müssen „wenn es ein Deutscher war, wird es nicht diese tragische Wirkung auf die Zunahme des Rassismus haben“.
Wie traurig, erleichtert sein zu müssen, wenn die, die wir lieben, in Sicherheit sind und andere ihre Toten betrauern müssen.Im Aikido lernte ich, dass es nicht die Waffe ist, die tötet, sondern der Mensch, der sie führt.Lasst uns dem Vorwurf der Naivität ins Gesicht lachen, lasst uns Unmögliches erspinnen, um Mögliches real zu machen: Lasst uns Utopien einer friedlichen, waffenlosen und gerechten Welt wie ein Sandschloss bauen, von der Neuverteilung der Ressourcen träumen, von der Bereitschaft, zu teilen, was uns im Übermaß gegeben ist. Lasst uns diskutieren, wie wir schon unseren Kindern Strategien zeigen können, den Menschen in sich nicht zu verlieren.Lasst uns von einem Miteinander sprechen, in dem jeder sich selbst im Anderen gespiegelt sieht.Lasst uns unsere Menschlichkeit rekonstruieren.

 

Vom Suchen und Finden von sich selbst: 42 und mehr

Kürzlich begab ich mich auf Spurensuche eines meiner Vorfahren: Ich wanderte den Caspar-David-Friedrich-Weg entlang, der ein Teilstück des Malerwegs in der Sächsischen Schweiz beschreibt.

Dabei ging es mir weniger um die Begegnung mit der Vergangenheit – denn sie existiert nur als Fiktion, sie ist nicht wirklich greifbar, wir erschaffen sie jedes Mal neu, wenn wir sie uns in den Kopf zurück (zurecht) rufen: Ich wollte der Vergänglichkeit begegnen.

An den detailliert beschilderten Plätzen, an denen CDF viele Stunden verbrachte, um Landschaften und Eindrücke auf Papier zu bannen, hielt auch ich inne: Ich atmete tief ein, stellte mir vor, wie er, so lange vor mir, hier saß oder stand und den Blick gen Himmel richtete. Fragte auch er sich, ob jemals Antworten zu finden sind?

Ich musste schmunzeln: Als junge Studentin war unsere an „per Anhalter durch die Galaxis“ angelehnte Antwort auf die Frage aller Fragen doch stets: 42! Doch: Was war die Frage aller Fragen?

Wer niemals fragt, muss keine Antworten suchen. Vielen Menschen mag es gelingen, dieses Bestreben nach einem Blick hinter die Kulissen, diese Wahrheitsuche, vielleicht gar nicht, vielleicht nur kurz zu spüren – es scheint leicht, sich selbst mit fadenscheinigen Ausflüchten und lauter Ablenkung vom Fragen weg durchs Leben zu bringen. Bleibt so Leid erspart oder bahnt es sich dennoch seinen Weg ins Leben, lähmt als gähnende Langeweile und Apathie hinter all der Vergnügungssucht jeden Drang, sich zu entwickeln?

Und doch: Wer sich den Fragen des Lebens nicht stellt, die Konfrontation mit der offenkundigen Sinnlosigkeit des Seins, die den Sinn, der dennoch dahinter durchscheint, maskiert, wird die existentielle Frustration betäuben müssen. Abhängigkeit, Aggression oder Depression ergeben sich daraus, stellte schon Viktor Frankl fest.

Dort, auf meinem Weg durch die regengetränkten Wälder und Felder, versuchte ich wahrzunehmen, die leicht die Überwindung des eigenen Ichs doch fallen kann: Wo auch immer ich meinen Fuß hinsetzte, ein anderer war vor mir da, ein anderer wird folgen. Menschen hinterlassen große und kleine Taten, tiefe und sanfte Spuren. Und ein jeder lebt.

Bildquelle: eigene Fotoaufnahme

Zurück in Dresden standen zwei junge Männer in der Fußgängerzone: Es war kalt und nass, die Menschen eilten vorbei. „Free hugs“ stand auf einem Schild vor ihnen und einer der beiden lächelte mich an. „Ich nehme eine“, lachte ich, und für einen langen Moment hielten wir, zwei Unbekannte, zwei im Universum der Sinnfrage Gestrandete, uns ganz fest. Für diese Sekunden verwoben wir unsere Schicksalketten ineinander. Wir spürten, was es heißt, Mensch zu sein.

Darum geht es mir in diesem Leben, das ist meine Essenz des Seins: Wir alle sind, und wir sind allein. Und doch sind wir, auf irgendeine Art, uns selbst überwindend, auf einer metaphysischen Ebene als Menschen vereint.

 


 

Vom Sinn des Lebens in einer Kaffeetasse

Als ich frühmorgens an einem Seminarwochenende durch die alkoholschwangere Stuttgarter Innenstadt laufe, stockt mir der Atem: Neben Obdachlosen, die auf Zeitungspapier ihr Nachtquartier die Häuserwände entlang aufgeschlagen haben, haben Flüchtlingsfamilien ihre Schlafsäcke auf den wenigen Stellen, die nicht vom Abfall und Erbrochenen des Partyvolks verunreinigt sind, ausgebreitet.

Aus den Tiefen eines Untergeschosses dröhnt noch hämmernde Clubmusik, ein Betrunkener wankt heraus und übergibt sich vor ein Schaufenster. Jeder Schritt weiter löst jeden Plural auf.

„Hast mal ´ne Kippe?“, „Hast Feuer?“, „Ein Euro, bitte“ - der Gang über die morgendliche Partymeile, deren Besucher von im gestrigen Feiern stocken, gleicht einem Spießroutenlauf.

Irgendwann einmal sind wir gefallen und haben dann vergessen, wiederaufzustehen.

In mir rumort Einsamkeit. Ich fühle mich fremd – nicht in dieser Stadt, vielmehr in diesem Leben.

Das Echo vergangener Gespräche klingt in meinen Ohren, babylonische Sprachfetzen, zu denen ich den Zugang verlor.

Die Welt ist voll unerfüllter Versprechen, gebrochenen Eiden und vergessenen Schwüren – weshalb hast du die Finger denn auf dem Rücken gekreuzt? Niemand hat dich aufgefordert, deine Zukunft herzugeben... Rückt nicht jeder Blick ins Jetzt auch die Vergangenheit zurecht?

Was, wer sind wir, die wir hier nach der Erfüllung trachten?

Wir gaukeln uns vor, dass wir unser Glück per Mausklick zusammenstellen können: Das Hotelzimmer muss Ausblick haben, der Partner Einblick, wir brauchen im Job Weitblick. Kombiniere die Anforderungskriterien an das Zimmer mit der buntflackernden Erlebnisdusche, den Partner mit dem waschbrettbauchharten Mindest-IQ und den Job mit der vielversprechenden Möglichkeit, via Burnout frühzeitig in Rente zu gehen. Beklage dich nicht auf deinem Sterbebett, du hättest nie das Beste versucht – nur wäre es dir verweigert worden. Beklage dich, dass es dir nicht gelang, Verantwortung für dich zu übernehmen.

Wann hören wir auf, uns selbst in die Tasche zu lügen? Wann werden wir sagen: „Jetzt ist´s genug!“?

Quelle: fotolia.de

Ich will rennen, doch wenn ich nun zu rennen beginne, höre ich nie mehr auf. Deswegen kehre ich ein, in ein kleines Café, in dem der Verkäufer gähnend Backwaren in die Regale räumt. Ich bestelle mir eine Tasse Kaffe und betrachte, wie der Dampf, sich auflösend, nach oben zieht.

Der Nachhall von Erinnerungen an ein Gespräch mit einem Freund zieht vorbei – wir suchten nach Erklärungen für die blinde Unterhaltungslust vieler Menschen, nach Betäubung in Alkohol- und Discoschwaden.

„Aus purer Todesangst heraus betäuben die ihr Leben“, meinte er. "Niemand hat vom Leben etwas Ordentliches gelernt, solange er nicht weiß, dass jeden Tag Gerichtstag ist", zitierte er Ralph Waldo Emerson.

Und doch: Für mich ist Todesangst das Sich-Festklammern an etwas Fiktivem – niemand braucht Angst vor dem Tod zu haben, denn dieser ist kein Teil des Lebens, kein Teil von mir. Keine einzige Zelle meines Körpers hat Angst vor dieser Verwandlung, die mein Ich als Tod interpretiert – mein ichloser Körper lebt weiter, in Tieren, in Pflanzen, in der Erde. Angst ist eine Erfindung meines Geists, der wiederum selbst Illusion ist – mein Selbstbewusstsien, das sich aus der Hirnfunktion ergibt, reflektiert seine Endlichkeit und bibbert angesichts seiner Auflösung.

Das ist, wie wenn ein Schatten sich vor der Dunkelheit fürchten würde.

Mein Ich-Bewusstsein ist nur Reflexion, spiegelt die Idee dahinter – die allumfassende Idee des Seins, deren Teil wir alle sind.

Wenn ich heute aufhöre zu sein, blicke ich morgen als jemand anders in die Welt. Wir sind nicht getrennt, wir sind eins. Wir alle sind die Verwirklichung der Idee des Lebens, die allem zugrunde liegt. Wir brauchen nichts zu fürchten. Wir dürfen leben. Alle zusammen teilen wir uns die selbe Atemluft. Geben wir Acht auf uns. Dieser Augenblick ist alles, was wir alle haben. 

 


 

Das Quench der Einsamkeit: Lemminge auf dem Weg

Es ist spät am Abend, es ist Wochenende, es ist Wies´n-Zeit: Die Saison der zwanghaften Vergnügung ist eröffnet. Ich sitze in einem Café in der Münchner Innenstadt und betrachte durch das große Fensterglas das bunte Treiben auf der Straße. Vor nur wenigen Minuten hieß es auf dem Oktoberfest „nichts geht mehr!“ und nun bewegt, nein: torkelt der träge Besucherstrom an meinem Ausguck vorbei. So viele Menschen, so viele Wünsche, so viele Ziele... und doch nur eine Richtung. Macht es da einen Unterschied, dass die Wege unterschiedlich zu sein scheinen? Einer nach dem anderen ziehen sie vorbei. Wohin, wohin  nur? Was wartet am Ende als das Ende selbst?

Ich schaue zu meiner Begleitung, was ich jetzt brauche, ist ein Moment der mentalen Zweisamkeit, eine kurze Berührung der Seelen.

„Wohin die nur alle gehen?“, ich meine die Frage rhetorisch und metaphorisch, wer könnte mir die Antwort geben? „Die gehen alle zu After-Wies´n-Partys“ höre ich.

Als ich ein Kind war, durfte ich mir manchmal ein buntes Getränkepulver in ein Glas Wasser kippen: Im Nu war aus Wasser Quench geworden. Ich liebte den süßen Geschmack künstlicher Himbeere und Zitrone. In diesem Moment schaue ich in mein Glas vor mir auf dem Tisch, betrachte die gelbliche Färbung des Sanddorn-Secco-Mix und es ist, als ob ich, ungewollt, an einem Quench der Einsamkeit nippe. Kann es, darf es denn kein Miteinander geben? Ist diese Mauer so undurchdringbar, die das Ich vom Du trennt? Oh, Welt, sag´mir doch, einmal nur, welcher Begriffe du dich bedienst, um dich zu zeigen! Was ist dein zureichender Grund?

Wir alle habe eine begrenzte Zeit zur Verfügung, die Zeit zwischen Geburt und Tod – im Nachhinein wird sie zum Leben, im Nachhinein verleihen wir ihr Sinn. Doch während wir SIND, sind wir kaum imstande, uns lebendig zu spüren. Brav gaukeln wir uns vor, dem, was wir tun, Sinn abringen zu können. „Streng´ dich nur ein wenig mehr an und du nimmst sie schon noch wahr, die Einmaligkeit, die Unwiederbringbarkeit des Augenblicks“ scheint das Motto zu sein. Und sofort marschieren wir im Gleichschritt weiter, alle in die eine Richtung, derer sich kaum jemand gewahr ist.

Vielleicht haben wir schließlich zu akzeptieren, dass all jene kurzen Momente, in denen wir das vage Gefühl einer transzendenten Sinnhaftigkeit beinahe körperlich spürten, nur Zauberei waren. Für uns alle gibt es nur eine Richtung, wir alle sind wie Lemminge, einer folgt dem anderen in den Tod. Das blinde Taumeln, nicht das Ziel der Reise, ist, was erschrecken muss.

Halte inne. Wähle deine Sorte Quench, wähle ganz bewusst: Wähle das Miteinander. Denn das ist, woran du glauben kannst, über alle Enttäuschung hinweg, durch alle Einsamkeit hindurch, wenn auch nur als Idee.

 


 

Homo patiens – Ist Leben Leiden?

Die meisten von kennen diese Phasen im Leben, in denen nichts glatt zu laufen scheint: Kleinere und größere Missgeschicke reichen sich die Hand, das Schicksal teilt Kinnhaken aus. Und kaum haben wir uns von einem Schlag erholt und uns aufgerappelt, streckt uns der nächste erneut nieder.

Auch die überzeugtesten Atheisten und die wankelmütigsten Agnostiker beginnen sich nun zu fragen, für welche „Sünden“ sie denn zu büßen haben – alternativ bleibt das Verzweifeln an der ergebnislosen Suche nach einem Grund für so viel Unglück.

Doch das Hadern mit dem eigenen Los verhindert, dass wir diesen berühmten einen Schritt neben uns treten können, um von unserer individuellen Existenz zu abstrahieren und einen Blick aufs große Ganze zu werfen: Du leidest, unbestreitbar. Und doch: DU SELBST leidest und niemand, der dir nahe steht. Das eigene Leid zu schultern ist einfach, wesentlich einfacher, als das Leiden derer, die wir lieben, bezeugen zu müssen.

„Hör´ auf zu fragen, was das Leben dir schuldet – frage dich vielmehr, was du dem Leben schuldest“, würde Viktor Frankl, der Begründer der Existenzanalyse / Logotherapie, uns auffordern.

In seinen Worten finde ich Trost, wenn ich selbst im Hürdenlauf des Lebens ins Stolpern gerate, seine Worte gebe ich meinen Klienten, die mit ihren Dämonen zu kämpfen habe, weiter.

Viktor Frankl beschreibt, wie wir alle in der noetischen Dimension Kraft und Durchhaltevermögen in der „Trotzmacht des Geistes“ finden können, in diesem: „Jetzt erst recht – ich lasse mir nicht alles von mir selbst gefallen, und ich lache meinem Schmerz ins Gesicht!“

Den meisten von uns ist es vergönnt, als „homo faber“, als schaffender Mensch, oder als „homo amans“, als in Erlebniswerten Erfüllung findender Mensch, Sinn zu finden.

Und doch ist es dem Leben, dessen Teil wir sind, egal, was wir von ihm erwarten, und in seiner allumfassend neutralen Gleich-Gültigkeit bleibt manch einem von uns in größter Seelennot manchmal nur noch die Wahl, als „homo patiens“, als leidender Mensch, das Leben dennoch anzunehmen. (Viktor Frankls Werk „Trotzdem ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ legt Zeugnis davon ab.)

Ich glaube, und hier ändere ich für mich Frankls These ab, dass genau diese Fähigkeit uns Menschen auszeichnet: Dass wir uns auch im Elend darauf besinnen können, dass es in unserer Macht liegt, Sinnhaftigkeit selbst zu erzeugen. Ich denke, wir können unserem Tun Sinn quasi aktiv einverleiben, und wir können wählen, daran zu glauben.

Glaube und Sinn sind nichts, was über mich kommen muss, ich kann beides frei für mich er-finden. Wir können über unsere eigene Existenz hinausdenken, wir können unser Dasein transzendieren.

Wir alle sind im Leiden stärker, als wir im alltäglichen Sein vermuten. Und, ja: Ich hoffe, dass die meisten von uns so viel Glück haben, nie herausfinden zu müssen, wie viel sie wirklich aushalten.

Und doch, was immer bleibt, ist: Wir können uns fragen, was wir hinterlassen wollen. Welche Gedanken, welche Gefühle unsere Liebsten in sich tragen sollen, wenn wir sie verlassen haben – und wir können uns entscheiden, danach zu leben. Wir können HEUTE beschließen, unser Leben so zu leben, dass wir nie mehr zurückblickend feststellen müssen: „Ich bedauere das.“

 


 

Homo compatiens et sperans: für Suchende

Kürzlich fragten mich meine Schüler, ob bezüglich Frankls Konzept des sinnhaften Daseins ein Mensch, der als homo patiens der Sinnlosigkeit zu trotzen lernen musste, jemals wieder als homo faber oder homo amans Erfüllung finden kann. Kurz: Sie wollten wissen, ob es einen Weg zurück gibt.

Kann Entwicklung umgekehrt werden, kannst du, dein Kreuz geschultert am Ende deines Leidenswegs, dich umdrehen, zurückkehren in dein „altes“ Leben?

Kann Kierkegaards „religiöser Mensch“ zurückzuspringen (denn diese Entwicklung verläuft nicht linear – sie vollzieht sich in Sprüngen) in seine Existenz als ethischer oder ästhetischer Mensch?

Ich würde gerne mit Viktor Frankl am Rax, seinem Hausberg, einen Klettersteig gehen und ihn zwischendurch befragen: „Hr. Frankl, wenn Sie nun hier klettern, wie steht es um die Sinnhaftigkeit dieses Moments? Ist es nach alledem, was Sie erleben mussten, nicht vorbei mit jedem erfüllenden Gefühl im Schaffen und Erleben? Oder ist´s gerade umgekehrt: Eben WEIL Sie die Tragödie Ihres Lebens bezeugen mussten, sind Sie in der Lage, in diesem Augenblick wirklich zu SEIN?“

Frankl schweigt, ich muss mir die Antwort selber geben. So sehr ich einen Lehrmeister wollte, so still werden meine Großen.

Als Zeuge des Leidens (deines eigenen oder eines fremden) stehst du vor der Wahl: Du kannst die Aufgabe verweigern, dieses Leid zu transzendieren, und dich dann als „Momentejäger“ verdingen – du sammelst Berggipfel und / oder Menschen wie Trophäen.

Du hast die Wahl, niemand nimmt sie dir ab, niemand urteilt über dich als du selbst: Entscheide dich: Du kannst dich ebenso der leeren Sinnlosigkeit des Daseins stellen, in der Erkundung deiner ontologischen Einsamkeit.

Der Mensch, Momente jagend, erfährt, dass jeder Augenblick des Glücks vergänglich ist: Seine innere Einsamkeit treibt ihn in eine Höhle, in der er, nackt und verletzt, echte Begegnung meidet.

Der Höhle steht Konsum gegenüber: der Konsum lauwarmer Zwischenmenschlichkeit.

Der Momentejäger beginnt, fremde Körper wie Dämmmaterial um sich herum zu legen, schiebt kurzweilige Berührungen zwischen sich und sein existentielles Vakuum, taumelt von einem Liebeskummer in den nächsten, oder hört ganz auf zu lieben.

Gibt es Hoffnung? Wie kann er heilen?

Heilung kann nicht aktiv vorangetrieben werden kann – sie vollzieht sich, schleicht sich, zaghaft, unbemerkt, ins Leben ein. Dann hältst du inne, stellst verwundert im Rückblick fest: Der Schmerz hallt als Erinnerung in dir, wie das letzte Echo einer lang verklungenen Elegie.

Der Mensch als homo patiens, einmal tief verwundet, hört auf, Momente zu jagen – und dann erlebt er sie voll und ganz. Dem, der sich bewusst ist, dass es keinen Retter gibt, eröffnet sich eine andere Dimension der Zwischenmenschlichkeit: Im Akzeptieren und Durchschreiten der Einsamkeit wird echte Begegnung, wirkliches Erleben möglich, ein wahrhaftiges „Vom Ich zum Du“. Erwartungsfrei erkennst du im anderen dich selbst, erkennst, zu was wir Menschen in der Lage sind:

Als homo compatiens et sperans verbinden und verbünden wir uns im Wissen um das Leid der Welt, reden es uns mit seiner Endlichkeit gut, erfinden uns Hoffnung auf Verbundenheit. Und trotzen damit dem Vakuum.

In jeder Begegnung kannst du dich neu erfinden: Du kannst die Wahrheit deiner Biographie rekonstruieren, du kannst sie neu erschaffen – es bleibt stets ein Akt der Konstruktion.


Von steter Arbeit am Qi

Die moderne Verhaltenstherapie ist zu einem großen Teil von achtsamkeitsbasierten Ansätzen geprägt: Das meint nicht nur, dass wir dem Klienten Meditationstechniken an die Hand geben, ihn ins Yoga oder Qigong schicken oder ihn mit Defusionstechniken aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie Abstand von belastenden Gedankeninhalten gewinnen lassen – das meint vor allem auch, dass wir in einem ersten Schritt Gefühlen, so wie sie sich zeigen, Raum geben. Gefühle dürfen sein, wir lassen sie stehen – ohne sie sofort ändern zu wollen. Doch dabei gilt immer die alte Weisheit:

„Habe den Mut, das zu verändern, was du kannst
Habe die Gelassenheit, das Unveränderbare zu akzeptieren
Habe die Klugheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ 

Nun kommen zu mir in meine Praxis selten Menschen, die sich in der besten Phase ihres Lebens befinden. Nein – vielmehr klopft jeden Tag das Leiden an meine Tür.

Doch was hat es mit dem Leiden auf sich?

In dieser unserer Existenz ist Schmerz unvermeidbar – denn Leben bringt Bedürfnisse mit sich. Und nicht immer sind die Strategien, die wir wählen, um unsere physischen, psychischen und transzendentalen Bedürfnisse zu befriedigen, dauerhaft vorhanden: Güter schwinden, Menschen verlassen uns, wir trennen uns von ihnen, wir verlieren sie. Meist ist uns in solchen Situationen nicht ad hoc bewusst, dass das Universum uns eine Vielzahl von anderen Strategien zur Verfügung stellt, mittels derer wir unsere Wunden heilen könnten: Wir beginnen zu leiden.

Aus Perspektive von ACT ist Leiden das Ergebnis einer mathematischen Formel:

Leiden = Schmerz + Schmerz über den Schmerz

Leiden ist nicht naturgegeben – wir wählen Leid. Oft, weil wir nicht einsehen, wie wir selbst etwas zur Veränderung beitragen können – noch häufiger jedoch, weil wir nicht glauben wollen, dass wir selbst (und nur wir selbst) für unsere Bedürfnisse zuständig sind. Wir können von niemanden verlangen, dass er sich zur Strategie macht, die auf unsere Bedürfnislage abzielt. Oft genug müssen wir loslassen - Dinge, Menschen - und vor allem Ideen. Denn das, was weh tut, ist vor allem, dass wir uns von einer Vorstellung verabschieden müssen, von der Projektion unser selbst in eine Zukunft mit diesem Ding, dieser Situation oder diesem Menschen... Das mag erklären, weshalb es kein Patentrezept gibt, um Leiden auf seine Basis des Schmerzes zu reduzieren: Denn wenn es gilt, die IDEE, die Projektion von uns in die Zukunft, loszulassen, so ist jedes Mal aufs Neue zu erarbeiten, weshalb uns die Gegenwart OHNE diese Idee so unerträglich erscheint

. Das meint: Wir sind gefordert, stetig an uns zu arbeiten, um uns selbst, Schritt für Schritt, erkennend nahezukommen. Und manchmal können nur noch wir selbst uns spiegeln.  

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Ich habe bis vor Kurzem nie den Unterschied zwischen Tai Chi (was ich selbst einmal in einem Kurs vor vielen Jahren ausprobiert habe) und Qi Gong verstanden – selbstverständlich nutzte ich die Gelegenheit, einen Mann, der im Park Übungen machte, daraufhin anzusprechen. Ich weiß nicht, ob ich noch alle Unterschiedskriterien, die er mir nannte, richtig memoriere, aber alles in allem scheint es wohl so zu sein, dass a) Tai Chi aus Qigong heraus entstand, dass b) Tai Chi als Kampfkunst gilt, während Qigong als Teil der TCM Heilen / Energien ausbalancieren will, dass c) es natürlich unterschiedliche Bewegungen gibt und dass d) Tai Chi und Qigong auf verschiedene Art und Weise mit den Energien arbeiten. Während Taijijuan (Tai-Chi Chuan) nur sinngemäß mit „Kämpfen nach dem höchsten Prinzip“ übersetzt werden kann, bedeutet Qigong in etwa: „stete Arbeit am Qi“ (dem Ki, der Energie, wie es in anderen Kampfkünsten genannt wird).

Hier wurde ich hellhörig: Es geht um die stete Arbeit. Wenn mich mein westlicher Verstand nicht total in die Irre leitet, geht es also, genau wie in der eigenen psychischen Entwicklung, um ein „immer weiter Machen“, um ein "Nie Aufgeben", um ein "Dabei Bleiben" – TROTZ allem, nicht WEGEN allem. Es geht darum, auch in guten Zeiten am Ball zu bleiben, nicht nur in schlechten Zeiten aus der Not heraus etwas anpacken, verändern zu wollen.

Es geht darum, sich und seine Möglichkeiten insoweit kennenzulernen und zu trainieren, dass es immer deutlicher wird, was ich ändern kann und was ich akzeptieren muss.

Und vielleicht, vielleicht geht es auch ein wenig darum, dass ich mir immer wieder vor Augen halte, was noch aus mir werden kann – wenn ich es mir erlaube, wenn ich daran arbeite. 

 


Der Mensch wird am Du zum Ich – weshalb gerade in der Psychotherapie Technik an zweiter Stelle steht

Wir alle sind Menschen auf unserem Lebensweg begegnet, die uns prägten – so oder so. Es sind Begegnungen, die wir als Erinnerungen mitnehmen, die uns begleiten, die uns, retrospektiv oder gegenwärtig, unser Ich spiegeln. Menschen sind es, die uns zerstören, aber auch wachsen und reifen lassen können.

Wenn meine Schüler der Verhaltens- oder Hypnotherapie beginnen, sich in psychotherapeutischen Techniken zu üben, laufen sie oft Gefahr, zunächst das wirklich Wichtige der Therapie aus den Augen zu verlieren: die Begegnung zwischen dem Therapeuten und Klienten. In vollster Konzentration auf die Methodik fahren sie die Beziehung an die Wand. Sie vergessen, dass die Lösung, die jeder Mensch schon in sich trägt („Der Klient bringt nicht nur das Problem, sondern auch die Lösung mit“) nur dann entdeckt werden kann, wenn der Klient sich traut, den Blick nach innen zu wenden. Sich selbst Hinterfragen, sich selbst Erkennen ist riskant. Wie hilfreich ist ein Du, das mich nicht-wertend auf dieser Reise zu meinem Ich begleitet, das mir das Potenzial meines Ichs reflektiert!

Seit mehr als 15 Jahren bin ich therapeutisch tätig, noch länger unterrichte ich: Und immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass das, was wir Menschen brauchen, wirklich brauchen, kein Ratschlag, kein Lösungsvorschlag, kein (moralisches) Urteil (auch kein positives!!!) ist. Diese externen Bewertungen entfernen uns nur noch mehr von uns selbst, entfremden uns von unserem „Seinskern“. So macht es manchmal einen großer Teil der Therapie aus, sich durch all die Rollen, all die (Vor-)Urteile und Gaukeleien, die der Klient sich angewöhnte (um schlussendlich doch nur sich selbst zu betrügen) hindurchzuarbeiten.

Ich glaube: Wonach wir uns sehnen (nicht nur in der Therapie) ist ein Gegenüber, das signalisiert: „Ich sehe dich. Ich sehe durch das, was du vorgibst zu sein, hindurch. Ich halte aus, was du tust und unterlässt, ich urteile nicht, ich richte nicht. Ich lass dich so sein, wie du im Augenblick bist – damit du wirst, was du sein kannst.“

Die echte Begegnung, das „vom Ich zum Du“, wie es Carl Rogers in zahlreichen Variationen immer wieder beschrieb (und er war maßgeblich von Martin Buber geprägt), ist meiner Erfahrung und Überzeugung nach das eigentlich Entscheidende: Die Beziehung zueinander ist der heilende Faktor  der Therapie. Und dieser reicht doch weit über das therapeutische Setting hinaus in  jede Art von Beziehung: natürlich zwischen Therapeut und Klient, aber auch zwischen Dozent und Student, in Partnerschaften, Freundschaften, Begegnungen zweier Menschen aus der Straße. Selbst, wenn dieses Aufeinandertreffen (die Therapie ist nur ein Sonderfall einer zwischenmenschlichen Begegnung, meinte Rogers) nur kurz ist – als Momentaufnahme des Menschseins muss die Wirkung nicht flüchtig bleiben.

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Ich war noch nicht ganz volljährig, als der Kroatienkrieg ausbrach. Ich erinnere mich genau an das Entsetzen, an die Fassungslosigkeit, die mich ergriff, als ich die Nachrichten im Radio hörte: Wie konnte es sein, dass sich im Jahre 1991 Menschen gegenseitig umbrachten? Wie konnten alle tatenlos zusehen?

Ein Banner war schnell gemalt – ich schnappte mir meine Gitarre und meine beste Freundin, schmierte mir Asche ins Gesicht und wollte am Rathausplatz der Stadt, in der ich damals wohnte, eine spontane Demo organisieren. Doch niemand interessierte sich für die beiden Mädchen, die mit schwarzen Gesichtern am Brunnen standen. So zogen wir weiter zum S-Bahnhof. Den aus der Station eilenden Passanten schleuderte ich mein Mantra „Gegen den Krieg!“ entgegen – und erntete nur ängstliche oder verächtliche Blicke. Ich war verstört, in meiner Seele tobte ein Aufruhr, den ich nicht besänftigen konnte. Verschuldigte sich nicht ein jeder, der wegsah, genauso wie die Kriegstreiber an der Menschlichkeit?

Da trat mir eine Frau entgegen – sie muss um die 50 Jahre alt gewesen sein. „Sie dürfen nicht gegen den Krieg sagen!“, meinte sie, „Sagen Sie: Für den Frieden!“

Ich weiß nicht, wie es genau geschah – ich fand mich weinend in ihren Armen wieder. Diese fremde Frau ließ mich an ihrer Schulter all die Tränen, die nur ein noch junges, vom Pathos ergriffenes Mädchen weinen kann, vergießen – sie hielt mich fest, sie stand mir für diese wenigen Augenblicke bei. Dann trennten sich unsere Wege. Das war das erste Mal in meinem Leben, das ich erfuhr, dass Menschen nicht nur verletzen können: Wir können an Begegnungen genesen.

 

Begegnungen lassen uns wachsen, sie helfen uns zu gesunden, uns selbst zu entdecken.

Erstaunt uns dies wirklich?

Menschen sind es, die uns zerstören können – ist es da nicht nur gerecht, dass es auch Menschen sind, an denen wir heilen können?


Eine Parabel: Kirschenessen mit dem Tod

Seit einigen Monaten hat sich der Tod in meinem Leben eingenistet: Wie zu einem Picknick im Grünen breitete er seine Decke und packte er seinen Korb aus und ließ sich nieder. Und nun sitzt er da und schmaust: Einen großen Pott Kirschen hat er mit gebracht.

„Vor dem Herbst sterben die Leute eher als die Fliegen“, hieß es damals, in meiner Kindheit, bei uns auf dem Land.

Er spuckt gerne mit den Kernen um sich, der Tod, und ab und zu trifft mich ein solcher an der Schläfe. Denn ich sitze da, mit ihm auf der rot-grün-karierten Decke, unsere Beine berühren sich fast. So bemüht ich auch in die Ferne blicke, singt der Wind, leise die Baumwipfel streichelnd, sein Lied der vergessenen Ewigkeit.

Ich sammle die ausgespuckten Kerne auf: Ich will verhindern, dass sie Wurzeln schlagen, dass sie wachsen, zu mächtigen, Früchte tragenden Bäumen.


„Ich habe so Angst zu sterben – obwohl ich an Reinkarnation glaube“, gesteht ein Klient.

„Ich trauere seit 15 Jahren um meine Toten“, beklagt sich eine Frau, „und spüre dennoch ihre Seelen um mich herum!“

Ich bin ein Agnostiker, der nach Erleuchtung sucht, sage ich zu meinen Freunden, die mich zu fragen meinen. Ich sag´s auch dann, wenn sie´s nicht wissen wollen. „Gib Bescheid, wenn du sie gefunden hast“, kann nur die Antwort sein.

Der Tod sitzt neben mir, isst Kirschen und spuckt mir die Kerne vor die Füße.

Mein Handy vibriert, ich lese die Nachricht vom letzten Todesfall. Wird der Tod realer, wenn er da geschrieben steht? Ist es einfacher, den Tod nicht auszusprechen?
Der Tod grinst mich an: In einer seiner Zahnlücken steckt ein Kirschkern fest.

Ich erinnere mich, wie der Tod das erste Mal in mein Leben trat: Ich war in etwa fünf Jahre alt, als meine Urgroßmutter, meine „Dudi“, starb. Meine frühen Lebensjahre begleitete sie wie ein gutmütiger Flaschengeist: Meine Schwester und ich neckten sie, indem wir ihr Gras in die Schuhe steckten, und sie rächte sich, indem sie uns die Füße kitzelte. Wie kostbar, wie wunderbar die wenigen Momente waren, in denen ich sie „erwischte“, früh am Morgen, bevor sie sich ihre taillenlangen, grauen, glatten Haare zu einem kunstvollen Dutt zwirbelte!

Und dann, eines Tages, hieß es: „Dudi ist tot.“

Die alte Frau hatte sich abends noch die Haare gewaschen, sich sonntäglich gekleidet und sich auf einen Stuhl zur Ruhe gesetzt. Dort fand mein Großvater, ihr Junge, sie am nächsten Tag.

Auf der Beerdigung war ich wie von Sinnen: Dort, in dieser Kiste, sollte meine Dudi liegen? Was soll die Ehrensalve der Dorfkapelle denn bedeuten? Erschreckt sie nicht die Seelen, die über den Wolken spielend sich tummeln? Ich weinte, ich trauerte, ich begriff diese Erwachsenen-Welt nicht.

Ich habe sie bis heute nicht verstanden.

Vergangene Woche starb ein Mensch, Freund will ich ihn nennen, überraschend, an einem Herzinfarkt.

Wenn wir trauern, trauern wir um uns: Wir trauern um eine verlorene Zukunft, wir trauern um all die verschenkten Optionen, wir trauern um all die Momente mit dieser Person, die nun ungelebt bleiben. Sieh zu, dass du keinen Menschen im Diesseits verlierst! Nutze jeden Moment, dem, der dir wichtig ist, so nahe wie nur möglich zu sein. Du musst niemanden retten, du kannst es nicht, auch dich nicht – doch in der Unendlichkeit des Lebens bist du hier, bist ein Kirschkern, der sich verwurzelt, wächst und sich dem Himmel entgegen reckt.

Ich nehme mein Handy und schreibe einer anderen Person: „Hast du Sonntag Zeit?“

„Ich bin beschäftigt“, kommt zurück, „irgendwann anders vielleicht.“

Don´t call us, we call you. Ich zwinge mich, innerlich mit den Schultern zu zucken, aber: Warum ist mir so kalt?

Ich pflückte ein Zweiglein vom Boden und reiche es dem Tod. Er steckt es zwischen die Zähne und holt den steckengebliebenen Kirschkern hervor. Dankbar nickt er mir zu und bietet mir eine Handvoll seiner Früchte. Ich nehme eine Kirsche, sie ist saftig, verführerisch und rot – sinnliches Sinnbild, voll praller Lebendigkeit.

Der Tod und ich spucken mit Kirschkernen um die Wette.