... lass dein Herz leicht werden wie eine Feder

Manchmal glaubt der Tod, uns ans Leben erinnern zu müssen. Er plustert sich, drohgebärdend, auf und stellt sich vor unser flackerndes Licht. Dann will er mehr sein als nur der stille Begleiter, der sich auf unseren Spuren von Schatten zu Schatten drängt: Er stellt sich uns entgegen, versperrt uns den Weg und drängt sich in die Sonne. „Schau mich an“, scheint er zu raunen, „ich fordere dich auf, dein eigentliches Ich zu sein. Wie blickst du mir entgegen? Heroisch, voll Gleichmut, voll unterdrückter Angst? In meinen Augen spiegelt sich deine schlimmste Furcht, ich gewinne meine Macht durch das, was du mir zuschreibst. Ich kann alles für dich sein. Tiefste Qual, endloses Entsetzten, silberne Hoffnung, endlose Erlösung. Ich lasse dich ruhen, oder auferstehen, lasse dich aufgeben oder frei wie ein Traumgespinst jede Möglichkeit realisieren. Wähle – denn das ist deine Pflicht.“

Manchmal findest du dich in Situationen wieder, die nicht sein sollten, die niemand erleben dürfte. Und doch bist du es, der sie durchstehen muss, dem das Schicksal, oder ist es Zufall, auferlegt hat, ins eigene Innere zu blicken und sein wahres, weil mögliches, Ich zu erspüren.
Wer bist du angesichts der Herausforderung des Augenblicks? Welchen Weg wählst du, gehst du vor oder zurück, verharrst du im Schrecken? Wie tief ist das Tal, in dem du dich befindest?

Und doch: Irgendwo wartet auf uns der Moment, in dem die freiheitsbedingte Angst zum Bewusstsein der selbstbestimmten Wahl leitet. Es scheint, als ob du die existentielle Angst durchleben musst, überleben musst, bevor du, indem du alle Hoffnung auf Errettung von außen fahren lässt und dich, vielleicht ein allererstes Mal, auf diesen Blick in dein Ich einlässt. Was siehst du?

Adler im Flug
Bildquelle: Fotolia.de 


Am Ende meines Weges ist ein tiefes Tal (indianische Erzählung)

Ich werde nicht weiterwissen.
Ich werde mich niedersetzen
und verzweifelt sein.

Ein Vogel wird kommen
und über das Tal fliegen,
und ich werde wünschen, ein Vogel zu sein.
Eine Blume wird leuchten
jenseits des Abgrunds,
und ich werde wünschen, eine Blume zu sein.
Eine Wolke wird über den Himmel ziehen,
und ich werde eine Wolke sein wollen.

Ich werde mich selbst vergessen.
Dann wird mein Herz leicht werden.
Wie eine Feder,
zart wie eine Margerite,
durchsichtig wie der Himmel.

Und wenn ich dann aufblicke,
wird das Tal nur ein kleiner Sprung sein
zwischen Zeit und Ewigkeit. 

  

Eine Parabel: Kirschenessen mit dem Tod

Seit einigen Monaten hat sich der Tod in meinem Leben eingenistet: Wie zu einem Picknick im Grünen breitete er seine Decke und packte er seinen Korb aus und ließ sich nieder. Und nun sitzt er da und schmaust: Einen großen Pott Kirschen hat er mit gebracht.

„Vor dem Herbst sterben die Leute eher als die Fliegen“, hieß es damals, in meiner Kindheit, bei uns auf dem Land.

Er spuckt gerne mit den Kernen um sich, der Tod, und ab und zu trifft mich ein solcher an der Schläfe. Denn ich sitze da, mit ihm auf der rot-grün-karierten Decke, unsere Beine berühren sich fast. So bemüht ich auch in die Ferne blicke, singt der Wind, leise die Baumwipfel streichelnd, sein Lied der vergessenen Ewigkeit.

Ich sammle die ausgespuckten Kerne auf: Ich will verhindern, dass sie Wurzeln schlagen, dass sie wachsen, zu mächtigen, Früchte tragenden Bäumen.

„Ich habe so Angst zu sterben – obwohl ich an Reinkarnation glaube“, gesteht ein Klient.

„Ich trauere seit 15 Jahren um meine Toten“, beklagt sich eine Frau, „und spüre dennoch ihre Seelen um mich herum!“

Ich bin ein Agnostiker, der nach Erleuchtung sucht, sage ich zu meinen Freunden, die mich zu fragen meinen. Ich sag´s auch dann, wenn sie´s nicht wissen wollen. „Gib Bescheid, wenn du sie gefunden hast“, kann nur die Antwort sein.

Der Tod sitzt neben mir, isst Kirschen und spuckt mir die Kerne vor die Füße.

Mein Handy vibriert, ich lese die Nachricht vom letzten Todesfall. Wird der Tod realer, wenn er da geschrieben steht? Ist es einfacher, den Tod nicht auszusprechen? 
Der Tod grinst mich an: In einer seiner Zahnlücken steckt ein Kirschkern fest.

Ich erinnere mich, wie der Tod das erste Mal in mein Leben trat: Ich war in etwa fünf Jahre alt, als meine Urgroßmutter, meine „Dudi“, starb. Meine frühen Lebensjahre begleitete sie wie ein gutmütiger Flaschengeist: Meine Schwester und ich neckten sie, indem wir ihr Gras in die Schuhe steckten, und sie rächte sich, indem sie uns die Füße kitzelte. Wie kostbar, wie wunderbar die wenigen Momente waren, in denen ich sie „erwischte“, früh am Morgen, bevor sie sich ihre taillenlangen, grauen, glatten Haare zu einem kunstvollen Dutt zwirbelte!

Und dann, eines Tages, hieß es: „Dudi ist tot.“

Die alte Frau hatte sich abends noch die Haare gewaschen, sich sonntäglich gekleidet und sich auf einen Stuhl zur Ruhe gesetzt. Dort fand mein Großvater, ihr Junge, sie am nächsten Tag.

Auf der Beerdigung war ich wie von Sinnen: Dort, in dieser Kiste, sollte meine Dudi liegen? Was soll die Ehrensalve der Dorfkapelle denn bedeuten? Erschreckt sie nicht die Seelen, die über den Wolken spielend sich tummeln? Ich weinte, ich trauerte, ich begriff diese Erwachsenen-Welt nicht.

Ich habe sie bis heute nicht verstanden.

Vergangene Woche starb ein Mensch, Freund will ich ihn nennen, überraschend, an einem Herzinfarkt.

Wenn wir trauern, trauern wir um uns: Wir trauern um eine verlorene Zukunft, wir trauern um all die verschenkten Optionen, wir trauern um all die Momente mit dieser Person, die nun ungelebt bleiben. Sieh zu, dass du keinen Menschen im Diesseits verlierst! Nutze jeden Moment, dem, der dir wichtig ist, so nahe wie nur möglich zu sein. Du musst niemanden retten, du kannst es nicht, auch dich nicht – doch in der Unendlichkeit des Lebens bist du hier, bist ein Kirschkern, der sich verwurzelt, wächst und sich dem Himmel entgegen reckt.

Ich nehme mein Handy und schreibe einer anderen Person: „Hast du Sonntag Zeit?“

„Ich bin beschäftigt“, kommt zurück, „irgendwann anders vielleicht.“

Don´t call us, we call you. Ich zwinge mich, innerlich mit den Schultern zu zucken, aber: Warum ist mir so kalt?

Ich pflückte ein Zweiglein vom Boden und reiche es dem Tod. Er steckt es zwischen die Zähne und holt den steckengebliebenen Kirschkern hervor. Dankbar nickt er mir zu und bietet mir eine Handvoll seiner Früchte. Ich nehme eine Kirsche, sie ist saftig, verführerisch und rot – sinnliches Sinnbild, voll praller Lebendigkeit.

Der Tod und ich spucken mit Kirschkernen um die Wette.

 


 

Kirschenessen mit dem Tod, Teil 2: Zwiegespräch

Wir sitzen uns am Tresen gegenüber, lässig lehnt er an der Bar, es scheint ihn nicht zu stören, dass er sich mit dem rechten Ellenbogen in verschüttetem Bier abstützt.

Er greift sein Glas, nimmt einen tiefen Schluck, dann knallt er den Krug so fest auf, dass Schaum über den Rand auf den Untersetzer spritzt. Er kneift die Augen zusammen, schaut mich an und stopft sich eine Handvoll der Erdnüsse, die auf einer Schale auf der Theke stehen, in den Mund.

„Los, mach´ was draus!“ will sein Blick mich provozieren. „Rette deine Liebe über mich hinweg! Wie war es denn all die Male, als ich dich zum Tanz aufforderte, dich in den Armen hielt, dir die, du liebtest, aus den deinen riss? Als du am Grab zurückbliebst, ohne Glaube, ohne Halt, weil jeder, irgendwann, gegen mich verliert, selbst der, den du potentiell noch lieben kannst? Wie war es, als du um das Leben deiner Menschen bangtest, als Hoffnung gegen die Wirklichkeit verlor?“

Ich blicke ihm in die erstarrten Augen, verliere mich in ihrer unendlich verwüsteten Weite. Wie einsam muss er sein, der Tod, der uns besuchen kommt.

Wie oft schien die Welt in der letzten Zeit den Atem anzuhalten, erschauderte angesichts des Elends und Leids, das wir Menschen vollbringen? Wie oft dachten wir, die Gewalt nimmt nie ein Ende?

Wie leicht ist es, Hass mit Hass bekämpfen zu wollen, wie einfach scheint es, zum Gegenschlag auszuholen – immer auf der Suche nach Unsterblichkeit. Wie schwer ist es, auch im Unrecht, auch umgeben und betroffen von Gewalt und Terror, nicht auf die falsche Seite zu wechseln, wie schwer ist es, weiter an Werten der Gerechtigkeit und Menschlichkeit festzuhalten.

 

 

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Der Tod ist unser nicht immer stiller Begleiter. Bei allem, was wir tun, schaut er uns über die Schulter – wir haben ihn zu fürchten gelernt statt ihn als Richtungsweiser, als Beschützer, als Friedensstifter zu sehen.

Wenn wir hinhören statt ihn zu überschreien, hören wir ihn raunen:

„Schließe Frieden in deinem Leben mit dem, was ist.

Zögere nicht, aus deinem falschen Stolz heraus, ehrlich und aufrichtig zu sein – zu all den Menschen, in all den Beziehungen, in denen du lebst. Es sind Begegnungen mit anderen, die lebendig halten. Lass all die wissen, die dir wichtig sind, dass sie in deinem Herzen sind – lass all die los, lass sie gehen, die nur Statisten in deinem Leben sind, löse dich von denen, die dir nicht Gutes wollen.

Biete denen, dir dir bedeutsam sind, das Geschenk deiner Lebenszeit an – wenn sie es ausschlagen, kannst du dennoch im Gleichgewicht mit dir selbst sein. Zeig einem anderen, was er dir bedeutet, was er dir bedeuten kann – auch, wenn du für ihn unbedeutend bleibst, hast du deiner Lebendigkeit damit Recht getan.

Lebe so, dass keine Rechnung offen bleibt, wenn du dich abends schlafen legst. Verhalte dich so, dass dir nichts zu bedauern bleibt. Höre auf, für ein Morgen zu leben, das vielleicht nie kommt, nimm dir heute, nimm dir jetzt Zeit, für das, wovon du willst, das es bleibt. Nicht das, was du tust, wirst du am meisten bedauern – das, was du nicht getan hast, wiegt viel mehr.

Lebe so, dass du in deinem letzten Moment niemanden mehr noch irgendetwas mitteilen wolltest oder müsstest, eine Handlung noch unvollzogen bleibt.

Ich bin der Spiegel deines Lebens – in mir wirst du dir selbst begegnen. Lebe so, dass dein letzter Gedanke „Jetzt ist es gut so“ sein kann.“

Ich will zu ihm hinübergreifen, seine knochige Wange tätscheln, beruhigend auf ihn einflüstern: „Du bist nicht allein. Du darfst hier sein, stoß mit mir auf das Leben an.“ Doch meine Hand, die sich zu ihm hebt, verharrt haltlos mitten in der Luft – bewegt sich weiter vorwärts, berührt ihr eigenes Spiegelbild. Die Kälte des Abbilds beginnt sich zu erwärmen.

 

Komm mit mir, lass uns leben – jetzt.

 


 

Schattenboxen mit dem Tod: die Schnecke an der Leine

Ich träume.

Ich habe für meine Lieblingsweinbergschnecke ein Miniatur-Geschirr gebastelt, die lange, filigrane Leine kann ich um meinen kleinen Finger wickeln, um die Schnecke spazieren zu führen. Behutsam zäume ich die Schnecke auf. Wir beginnen unseren Weg.

Ich erinnere mich.

Die anderen Menschen haben längst den Friedhof verlassen, sie sitzen beim Leichenschmaus zusammen, unterhalten sich, vielleicht sprechen sie von dir, einige wagen bereits wieder die ersten Scherze, lachen, ab jetzt für immer ohne dich. Ich knie vor dem frisch aufgeschütteten Grab, meine Hände umklammern die kühle, feuchte Erde, es ist ein windiger, regnerischer Tag. Ich will mich durchgraben bis zu dir, mich neben dich legen, mich an deiner Seite auflösen. Was bleibt von mir, wenn du nicht bei mir bist?
Die Wellen des nahen Sees sind deutlich zu hören, auf der anderen Seite, dort hinten am anderen Ufer blinkt die Sturmwarnung ihren Alarm. Wie oft riefen sie dich raus, auch mitten in der Nacht, wenn wieder irgendein Segler die Warnung missachtete und in Seenot geriet... Wie oft lag ich in Sorge wach, dich da draußen wissend, während der Regen gegen die Fensterscheibe trommelte und die Böen an den Fensterläden rissen. „Kein guter Tag um zu sterben“ rauntest du mir zu, bevor du auszogst, das Wetter das Fürchten zu lehren. Du warst mein Held, mein Ritter, mein Abenteurer. Es war ein lieblicher, sonniger Tag, an dem du starbst.

Wo bist du nun?

Wie sehr wünschte ich, du wärst der Vogel dort, der sanft sein Lied im Regen trällert. Ich wünschte, du wärst der Fisch dort in den Wellen, der sich schemenhaft im Grau des Sees zu erkennen gibt.

Ich hebe mein Gesicht zum wolkenverhangenen Himmel, ob es nass vom Regen oder Tränen ist, ist mir nicht bewusst.

Der Tod bemüht sich, freundlich lächelnd zurück zu blicken, dabei verzerrt der Versuch seine Fratze nur noch mehr. „Willst du...?“ fordert er mich beinahe liebevoll auf. Ich muss nicht überlegen: Ich springe auf, lege meine Boxbandagen an, mache mich bereit. Leichtfüßig tänzelt der Tod um mich herum. „Bleib stehen“, denke ich, „du bietest mir kein Ziel!“ Er ist so schnell, dass sein Bild zu vibrieren scheint, es flimmert wie eine Wüstenstadt in der grellen Mittagssonne. Ich sehe ihn kaum, und aufs Geratewohl beginne ich, einige Schläge ins Leere zu platzieren Jab, Jab, Upper Cut, Hook.

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Kein einziger Schlag ist ein Treffer. Es ist, als ob ich meinen Schatten jage. Endlich gelingt mir ein Punch – und gleichzeitig gebe ich meine Deckung auf, der Tod landet einen Treffer in meiner Magengegend, mein Körper krümmt sich zusammen, und für einen Moment schweigt die Welt. Alle Geräusche verstummen und mir wird etwas klar, während ich den Tod flüstern höre: „Es tut mir so leid!“. Im Schattenboxen gewinnt der Tod doch immer – denn er zieht seine Macht aus dem Bewusstsein meiner Selbst. Weil ich mich selbst erkenne, mich damit abgrenze vom vagen, diffusen Zustand des ich-losen Seins, erlebe ich den Tod als absolute Trennung von der Kraft des Lebens, von der Wirklichkeit des Seins. Doch was ist mein Ich, was bin ich, wenn ich von allen Illusionen abstrahiere? Spiegeln wir alle nicht die Idee des allumfassenden, grenzenlosen Seins?

Das Zwitschern des Vogels dringt wieder zu mir durch, der Fisch schwimmt durch die Wellen, der Himmel weint. Nein, du bist nicht der Vogel, bist nicht der Fisch, bist nicht die Wolke, die auf mich blickt. Und in all dem finde ich dich wieder, erkenne dich, gestaltlos, im Gesang des Vogels dort, im Flüstern des Windes, im Raunen des Sees...

Mir träumt: Ich löse das Geschirr und die Leine von der Schnecke, lasse sie frei, sehe zu, wie sie gemächlich, selbstsicher und vertrauensvoll, in ihrer Geschwindigkeit, in ihre Zukunft zieht.

 


Morgentraining mit dem Tod: der Spielverderber

Seit geraumer Zeit sehe ich beim morgendlichen Laufen einen anderen Jogger: Nachdem er zu einer festen Uhrzeit zu laufen scheint und meine Zeiten, je nach meinen Terminen, stark variieren, treffe ich ihn mal auf meinem Hinweg, mal auf dem Rückweg, manchmal einige Tage gar nicht. 
Irgendwann haben wir begonnen, uns mit erhobener Hand zu grüßen und uns zuzulächeln – was heute nicht mehr allzu häufig unter den Sportlern der Fall ist. Viele drehen in exklusiver Sportklamotte mit verbissenem Gesichtsausdruck ihre Runden, versuchen, ihrem Hobby Leistungssportcharakter zu verleihen, die Kopfhörer schirmen sie von der Außenwelt ab.


Hugo, nennen wir den anderen Morgen-Jogger auf meiner Runde so, ist anders: Seit jeher trägt er zum Laufen ein graues dickes Sweatshirt, das er in eine schwarze Jogginghose gesteckt hat, die er bis weit über die Taille hochgezogen hat. Seine dichtes schlohweißes Haar ist nie nassgeschwitzt, immer trabt er mir in konstanter Geschwindigkeit entgegen und lächelt zurück.

Nach längerer krankheitsbedingter Laufabstinenz bemühe ich mich, die verlorene Trainingszeit wieder reinzuholen. Ich ärgere mich darüber, dass ich immer noch ca. 25 Sekunden langsamer pro Kilometer bin als vor meiner Trainingspause – auf Empfehlung eines Freundes habe ich mir nun sogar eine Sportuhr besorgt, auf die ich ab und zu während des Laufs schaue, um meine Durchschnittsgeschwindigkeit auszumachen. Genau während des ersten Laufs mit der Uhr hat das Laufen aufgehört, mir Spaß zu machen.

Nichtsdestotrotz quäle ich mich mehrmals die Woche im Morgengrauen auf die Strecke. Warum? Ich habe mich nicht hinterfragt.


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Heute bin ich viel später als üblich gestartet, Hugo ist früher dran als sonst: Wir begegnen uns an einer unüblichen Stelle, er auf dem Rück-, ich auf dem Hinweg. Wir heben die Hand, grinsen uns zu, dann verlässt er den Weg und läuft die Böschung hinunter. Ich bin perplex – da unten gibt es keinen Weg, da ist nur der Fluss.


„Hey!“, rufe ich ihm im Weiterlaufen nach, „Gehst du da unten schwimmen?“


Er lacht und bleibt stehen. „Oh nein“, denke ich, „du Spielverderber, lauf weiter, lauf doch weiter, nicht stehen bleiben, ich muss doch auch weiter, ich kann nicht stehen bleiben, das versaut meinen Schnitt!“, und er sagt irgendetwas, zumindest sehe ich seine Lippen, die sich bewegen und seine gestikulierenden Hände. Ich höre nichts, weil mein „Military Drill“ mir über meine Ohrstöpsel weiter den Takt anzeigt. Also hebe ich nochmals die Hand, grinse, will weiterlaufen, da sagt er nochmals was. Ich höre kein einziges Wort. Etwas genervt bleibe ich stehen, laufe auf der Stelle weiter, nehme meine Kopfhörer ab und bitte ihn, sich zu wiederholen.
„Erst nächste Woche gehe ich schwimmen.“ ruft er mir zu, „Vielleicht hast du Glück und das Eis ist dann schon weggetaut“, albere ich zurück und höre endlich auf, dümmlich auf der Stelle zu joggen.
„Nee, im Ernst“, setzt er fort: „Ich laufe nur hier kurz runter und 10 Meter später wieder hoch, ich mache halt nur so Quatsch.“

Ich verstehe. Ich verstehe wirklich, ich verstehe endlich, worum es geht in diesem Leben. Es geht nicht, nie darum, das Leben mit einer zielgerichteten Finalität, einem „um... zu“ als Herausforderung zu betrachten, das meine Härte, mein Durchhaltevermögen testen will. Es geht darum, in dem, was ein jeder von uns macht, Erfüllung zu finden, ohne weitere Finalität als das Auskosten eines jeden Moments. Und in diesem Moment muss ich nicht leiden, ich muss mich nicht quälen, ich kann einfach vergnügt vor mich hintraben, den Dampfwölkchen meines Atems in der klirrenden Morgenluft zusehen, mich an dem Orangerot der aufgehenden Sonne erfreuen, kann dem Tod zusehen, wie er Abhänge hinuntertollt und wieder herauf, wie er meinen Weg kreuzt, gutmütig, unbesorgt, in seiner eigenen heiteren Gelassenheit. Und irgendwann, irgendwann, laufen wir zusammen los und kommen zusammen an, dort, wo wir selbst unser Ziel definieren.

 


 

 

Die stellvertretende Wiedergutmachung – und immer landest du bei dir.

Du willst noch schnell beim Discounter dein Abendessen holen – nicht, weil es deiner Philosophie entspricht, sondern weil er so günstig auf deinem Nachhauseweg liegt. Fürs gute Gewissen kannst du ja Bioprodukte kaufen.

Gerade willst du dein Rad abstellen, als du diesen alten Mann siehst: Schwer auf seinen Krückstock gelehnt, in der anderen Hand eine Tüte eben jenes Discounters, müht er sich ab, seinen Fuß über die kleine Schwelle zu haben, die den Parkplatz des Supermarkts vom Gehsteig trennt.

Schwerer Parkinson, vermutest du – oft zeigt sich diese Erkrankung auch in einer solchen Unmöglichkeit, diesen ersten Schritt zu tun. Du schaust einen Moment, ob er es schafft – nein, er kann die Bewegung nicht initiieren. Du gehst hin, „Darf ich Sie unterstützen?“, fragst du, er blinzelt dich aus eingefallenen blauen Augen an, um seinen Mund mit ganz dünnen Lippen sind noch Spuren seines letzten Essens, seine Schädelform ist deutlich zu erkennen, und schon drückt er dir seine Tüte in die Hand, sie ist schwer, viel schwerer, als du denkst, und ihre Plastikhenkel schneiden in die Finger. Er deutet auf den Bürgersteig. „Mhm“, nickst du, da gehen wir hin. Du hast geglaubt, er bräuchte nur Hilfe, um über die Straße zu kommen, aber nein: Als du anbietest, er könne sich bei dir unterhaken, tut er es sofort, und so spaziert ihr, ganz gemächlich und doch angespannt, jeder Schritt ist eine Herausforderung für ihn, die Tramschienen zu überqueren ein unglaubliches Hindernis, die Straße entlang. Er spricht nicht, nur vereinzelt antwortet er auf deine Fragen mit Lauten. Und so bist du still, vertraust dich an, er wird seinen Sinn haben, denkst du dir.

Für 150 m braucht ihr 20 Minuten, und die ganze Zeit über ist er bei dir, dein Großvater, der Held deiner Kindheit, dein Anker, deine Ferienzuflucht, dein Asyl vom dysfunktionalen Familensystem. Ob er wusste, in welche Hölle er dich zurückschickt, dich zurückschicken musste, überlegst du kurz, und du durchlebst den Moment erneut, als er in deinen Armen starb, nicht friedlich einschlafend, sondern sich aufbäumend, bis zum Letzten sich wehrend, wie dich die Ärzte aus dem Zimmer schickten, und du in alleine lassen musstest, ihm nicht helfen konntest, diesen letzten Weg geht jeder doch allein. Und dir wird klar, dass es keine Möglichkeiten mehr gibt, ihm all die Liebe zu vergelten, ihm zu zeigen, wie wichtig er für dich war. Wie viel mehr du hättest tun wollen, wie viel häufiger zu ihn besucht hättest, um wie viel zu wenig zu geleistet hast! Deine Schuld ruht fest auf deinen Schultern, treibt dir einen Eiszapfen mitten durch die Brust ins Herz.

Und du läufst nein du rennst immer weiter deinen schmerzen davon und auch wenn du keinen sinn findest nie finden wirst rennst du bis der schmerz sich zusammenkrümmt in embryonalstellung sich in eine ecke verzieht und dort erschöpft einschläft und auch wenn er da bleibt so gibt er für einen moment ruhe und dort hinten steht eine frau mit einer hundeleine in der hand und du suchst nach dem hund und findest ihn nicht doch da viel weiter hinten kommt ein alter mann ihr nach und dein ermattetes denken denkt ihm gehört die hundeleine um den hals denn er ist der tod doch der tod ist müde er hat keine lust mehr auf diese schnitzeljagd und bleibt einfach stehen und dein herz von diesem eiszapfen durchbohrt ist gefroren könnte auftauen wenn es warm wäre doch du weißt nicht wie es geht weißt nie wieder wie es geht und so rennst du einfach weiter und vielleicht ändert es sich irgendwann

Schuld, Leid und Tod formen sich zur tragischen Trias nach Viktor Frankl: Wir alle haben uns damit auseinanderzusetzen, wir alle sind damit schicksalshaft konfrontiert. Die Freiheit, die uns bleibt, ist, Stellung dazu zu beziehen. Der Tod ist unausweichlich, doch wenn ich in meinem Leben Sinn empfinde, wird er gegenstandslos, denn er ist kein Teil des Lebens. Meinem Leiden kann ich trotzen, ich kann mich ihm entgegenstellen, doch die Schuld, die ich mir aufgeladen habe, wiegt schwer. Hier muss ich Wiedergutmachung leisten, wenn nicht an dem, an dem ich mich verschuldigte, dann an einem Stellvertreter. Und so führst du den alten Mann die Straße entlang, bis er auf eine Bar deutet, die draußen Stühle hat, erschöpft fällt er in einem nieder, „Magst a Kaffeele, Günther?“, fragt die Bedienung, und er nickt und nun kann er sprechen, wenn auch mühsam, so krächzt er die Worte heraus „Wollen Sie auch einen Kaffee?“ und holt sich eine Packung Camel aus der Jackentasche. Und plötzlich bist du so erleichtert, als ob sein Rauchen bedeuten würde „so schlimm kann es nicht sein!“, und du lächelst und schüttelst den Kopf, gehst hinein zur Bedienung und notierst auf einem Blatt Papier deinen Namen und deine Nummer, falls er Hilfe braucht, soll er dich anrufen, und die Bedienung erzählt, dass es da irgendwo, selbst wenn er alleine lebt und sich nicht helfen lassen will, auch eine Nichte gibt, und Günther meist mit dem Taxi nach Hause fährt, sonst hat er auch sein Gehwagerl dabei. 
Du steckst ihm den Zettel zu, er blinzelt dich an, und du glaubst, so etwas wie Dankbarkeit in seinen Augen zu erkennen

los ojos azules como el mar mi mar la mar eterna quisiera hundirme en tu mirada necesito perderme en tí no me dejes sola otra vez quédate devórame llévame contigo aunque sea la muerte tu destino

und er greift zu seiner Jackeninnentasche und du befürchtest für eine Sekunde, dass er dir jetzt Geld geben will, also gehst du schnell, ganz schnell weg.

Und vielleicht geht es gar nicht mehr darum, Sinn zu finden - das einzige was zählt, ist die Schmerzen zu betäuben, „what matters most is how well you walk through the fire“, schrieb Bukowski und so wird es wohl sein. Und irgendwann erkennst du vor dir auf dem Boden Tropfen, und vielleicht ist es der Regen, sind es deine Tränen oder dein Schweiß – vielleicht der Tau des Eiszapfens in deinem Herzen.

Trauma: Wenn du dein Ich verloren glaubst

Was du erleben musstest, hättest du, hätte niemand, erleben dürfen: Unsere Sprache reicht nicht aus, um dem Entsetzen Ausdruck zu verleihen. Du willst verstummen, und du musst doch reden, immer und immer wieder, über das, was du bezeugen musstest.

Nichts konntest du tun, was du dem Furchtbaren entgegenrichten hättest können. Nie hättest du gedacht, dass dir das geschehen wird, das so etwas überhaupt geschehen darf.

Aus psychologischer Sicht entsteht ein Trauma, wenn ein Mensch in einer Situation a) sein Leben und / oder seine physische und / oder psychische Integrität (oder das einer anderen Person) bedroht sieht, b) er hilflos ist: Das Ereignis entzieht sich seiner Kontrolle, er kann nichts ausrichten c) keine oder kaum Bewältigungsstrategien vorhanden sind, um mit dem Ereignis umzugehen und d) das Selbst- und das Weltbild erschüttert werden. Menschenverursachte Traumata (wie bei Krieg, Terrorismus, Amokläufen, Misshandlungen und Missbrauch) sind meistens viel schwerwiegender als Naturkatastrophen oder Unfälle.

Die meisten traumatisierten Menschen durchleben verschiedene Phasen posttraumatischen Stresses: Während viele während des Ereignisses noch gut funktionierten, sogar anderen helfen konnten oder sich in Sicherheit bringen konnten, kommt es (um Stunden oder Tage zeitverzögert) zur Phase der verzweifelte Fassungslosigkeit. Das entsetzte Hadern beginnt, Angst und teilweise bereits Wut mischen sich mit einer tiefen Trauer. „Was wäre wenn“ beginnt – und hält sich oft hartnäckig über Tage, Wochen. Je mehr das Erlebte verarbeitet werden kann, umso mehr setzt sich Wut durch. Manche greifen auf die Bewältigungsstrategie des Zynismus zurück: Sie beginnen, über das Ereignis zu spotten und reißen Witze. Andere, wenn in einer wieder schlaflosen Nacht das Grauen erneut zurückkommt, zweifeln an ihrem eigenen Verstand – sie denken, sie werden verrückt. Doch nicht der Mensch, der das Trauma durchleben musste, ist verrückt – das, was er durchstehen musste, ist es. Viele denken, sie müssten gleich wieder funktionieren, viele meinen, all diese schrecklichen Gedanken, all diese überflutenden Erinnerungen dürften nicht sein.

Doch es braucht Zeit.
Wie bei einem Todesfall klopft irgendwann die Trauer an die Tür: Der Betroffene spürt, dass etwas unwiederbringlich verloren, dass seine vorher heile Welt zerstört ist. Ein Teil seines Ichs ist irreversibel zerstört. Aus dem „Warum hat es mich getroffen?“ wird häufig ein „Warum habe ich überlebt?“. Wo ist der Sinn, was kann ich nicht erkennen?
Noch ist nicht vorstellbar, dass auch dieser Schmerz leichter wird, dass es gelingen kann, das Erlebte als furchtbare, aber vergangene Erfahrung in die eigene Biographie zu integrieren.

Das Umfeld versucht hilflos, dem Betroffenen zu helfen: Weil es eben nichts gibt, was Freunde, was Angehörige tun können, neigen sie zu guten Ratschlägen: Sprich darüber, such dir Therapie, versuch´ es zu vergessen, hol dir Hilfe, nimm dir Urlaub stürz´ dich in Ablenkung hinein...

Was wirklich hilft, weißt nur du allein. Unsere Existenz ist darauf ausgelegt, auch schwere, schlimme Zeiten zu überstehen, unser Körper kann Katastrophen überdauern. Wenn wir ihn lassen, aktiviert er sein Notfallprogramm, baut all den traumatischen Stress ab, holt sich neue Lebensenergie.

Dein Körper lässt dich spüren, was du brauchst: Brauchst du Ruhe oder Bewegung, brauchst du jemanden, der zuhört, jemanden zum Trost, jemanden, der Ähnliches erlebte? Brauchst du jemanden, der dich hält, dich wiegt, dir leise ein „Es wird wieder gut“ zuflüstert, auch, wenn du es noch gar nicht hören kannst? Brachst du jemanden, der dir Strategien nennt, das Erlebte zu verarbeiten?

Du weißt genau, was du jetzt brauchst – wenn du dir Zeit gibst deinem Ich, das unzerstörbar hinter all dem Grauen auf dich wartet, zuzuhören.
Nie wieder kannst du jemandem glauben, besser zu wissen als du, was gut für dich ist.


Schattenboxen mit dem Tod: die Schnecke an der Leine

Ich träume.

Ich habe für meine Lieblingsweinbergschnecke ein Miniatur-Geschirr gebastelt, die lange, filigrane Leine kann ich um meinen kleinen Finger wickeln, um die Schnecke spazieren zu führen. Behutsam zäume ich die Schnecke auf. Wir beginnen unseren Weg.

Ich erinnere mich.

Die anderen Menschen haben längst den Friedhof verlassen, sie sitzen beim Leichenschmaus zusammen, unterhalten sich, vielleicht sprechen sie von dir, einige wagen bereits wieder die ersten Scherze, lachen, ab jetzt für immer ohne dich. Ich knie vor dem frisch aufgeschütteten Grab, meine Hände umklammern die kühle, feuchte Erde, es ist ein windiger, regnerischer Tag. Ich will mich durchgraben bis zu dir, mich neben dich legen, mich an deiner Seite auflösen. Was bleibt von mir, wenn du nicht bei mir bist?
Die Wellen des nahen Sees sind deutlich zu hören, auf der anderen Seite, dort hinten am anderen Ufer blinkt die Sturmwarnung ihren Alarm. Wie oft riefen sie dich raus, auch mitten in der Nacht, wenn wieder irgendein Segler die Warnung missachtete und in Seenot geriet... Wie oft lag ich in Sorge wach, dich da draußen wissend, während der Regen gegen die Fensterscheibe trommelte und die Böen an den Fensterläden rissen. „Kein guter Tag um zu sterben“ rauntest du mir zu, bevor du auszogst, das Wetter das Fürchten zu lehren. Du warst mein Held, mein Ritter, mein Abenteurer. Es war ein lieblicher, sonniger Tag, an dem du starbst.

Wo bist du nun?

Wie sehr wünschte ich, du wärst der Vogel dort, der sanft sein Lied im Regen trällert. Ich wünschte, du wärst der Fisch dort in den Wellen, der sich schemenhaft im Grau des Sees zu erkennen gibt.

Ich hebe mein Gesicht zum wolkenverhangenen Himmel, ob es nass vom Regen oder Tränen ist, ist mir nicht bewusst.

Der Tod bemüht sich, freundlich lächelnd zurück zu blicken, dabei verzerrt der Versuch seine Fratze nur noch mehr. „Willst du...?“ fordert er mich beinahe liebevoll auf. Ich muss nicht überlegen: Ich springe auf, lege meine Boxbandagen an, mache mich bereit. Leichtfüßig tänzelt der Tod um mich herum. „Bleib stehen“, denke ich, „du bietest mir kein Ziel!“ Er ist so schnell, dass sein Bild zu vibrieren scheint, es flimmert wie eine Wüstenstadt in der grellen Mittagssonne. Ich sehe ihn kaum, und aufs Geratewohl beginne ich, einige Schläge ins Leere zu platzieren Jab, Jab, Upper Cut, Hook.

Bildquelle: fotolia.de

Kein einziger Schlag ist ein Treffer. Es ist, als ob ich meinen Schatten jage. Endlich gelingt mir ein Punch – und gleichzeitig gebe ich meine Deckung auf, der Tod landet einen Treffer in meiner Magengegend, mein Körper krümmt sich zusammen, und für einen Moment schweigt die Welt. Alle Geräusche verstummen und mir wird etwas klar, während ich den Tod flüstern höre: „Es tut mir so leid!“. Im Schattenboxen gewinnt der Tod doch immer – denn er zieht seine Macht aus dem Bewusstsein meiner Selbst. Weil ich mich selbst erkenne, mich damit abgrenze vom vagen, diffusen Zustand des ich-losen Seins, erlebe ich den Tod als absolute Trennung von der Kraft des Lebens, von der Wirklichkeit des Seins. Doch was ist mein Ich, was bin ich, wenn ich von allen Illusionen abstrahiere? Spiegeln wir alle nicht die Idee des allumfassenden, grenzenlosen Seins?

Das Zwitschern des Vogels dringt wieder zu mir durch, der Fisch schwimmt durch die Wellen, der Himmel weint. Nein, du bist nicht der Vogel, bist nicht der Fisch, bist nicht die Wolke, die auf mich blickt. Und in all dem finde ich dich wieder, erkenne dich, gestaltlos, im Gesang des Vogels dort, im Flüstern des Windes, im Raunen des Sees...

Mir träumt: Ich löse das Geschirr und die Leine von der Schnecke, lasse sie frei, sehe zu, wie sie gemächlich, selbstsicher und vertrauensvoll, in ihrer Geschwindigkeit, in ihre Zukunft zieht.


... lass dein Herz leicht werden wie eine Feder

Manchmal glaubt der Tod, uns ans Leben erinnern zu müssen. Er plustert sich, drohgebärdend, auf und stellt sich vor unser flackerndes Licht. Dann will er mehr sein als nur der stille Begleiter, der sich auf unseren Spuren von Schatten zu Schatten drängt: Er stellt sich uns entgegen, versperrt uns den Weg und drängt sich in die Sonne. „Schau mich an“, scheint er zu raunen, „ich fordere dich auf, dein eigentliches Ich zu sein. Wie blickst du mir entgegen? Heroisch, voll Gleichmut, voll unterdrückter Angst? In meinen Augen spiegelt sich deine schlimmste Furcht, ich gewinne meine Macht durch das, was du mir zuschreibst. Ich kann alles für dich sein. Tiefste Qual, endloses Entsetzten, silberne Hoffnung, endlose Erlösung. Ich lasse dich ruhen, oder auferstehen, lasse dich aufgeben oder frei wie ein Traumgespinst jede Möglichkeit realisieren. Wähle – denn das ist deine Pflicht.“

Manchmal findest du dich in Situationen wieder, die nicht sein sollten, die niemand erleben dürfte. Und doch bist du es, der sie durchstehen muss, dem das Schicksal, oder ist es Zufall, auferlegt hat, ins eigene Innere zu blicken und sein wahres, weil mögliches, Ich zu erspüren.
Wer bist du angesichts der Herausforderung des Augenblicks? Welchen Weg wählst du, gehst du vor oder zurück, verharrst du im Schrecken? Wie tief ist das Tal, in dem du dich befindest?

Und doch: Irgendwo wartet auf uns der Moment, in dem die freiheitsbedingte Angst zum Bewusstsein der selbstbestimmten Wahl leitet. Es scheint, als ob du die existentielle Angst durchleben musst, überleben musst, bevor du, indem du alle Hoffnung auf Errettung von außen fahren lässt und dich, vielleicht ein allererstes Mal, auf diesen Blick in dein Ich einlässt. Was siehst du?

Adler im Flug
Bildquelle: Fotolia.de 


Am Ende meines Weges ist ein tiefes Tal (indianische Erzählung)

Ich werde nicht weiterwissen.
Ich werde mich niedersetzen
und verzweifelt sein.

Ein Vogel wird kommen
und über das Tal fliegen,
und ich werde wünschen, ein Vogel zu sein.
Eine Blume wird leuchten
jenseits des Abgrunds,
und ich werde wünschen, eine Blume zu sein.
Eine Wolke wird über den Himmel ziehen,
und ich werde eine Wolke sein wollen.

Ich werde mich selbst vergessen.
Dann wird mein Herz leicht werden.
Wie eine Feder,
zart wie eine Margerite,
durchsichtig wie der Himmel.

Und wenn ich dann aufblicke,
wird das Tal nur ein kleiner Sprung sein
zwischen Zeit und Ewigkeit. 

  

Ich werde oft gefragt, bevorzugt als Hilferuf in langen, dunklen Nächten, wie es gelingen kann, Leiden, das aus der Angst vor Einsamkeit entsteht, auszuschalten - die Frage "Wie kann ich diese Verlassenheitangst überwinden?" ist eine der meist gestellten in der Therapie.
Und doch: Ich denke, es darf nicht um ein simples Betäuben der Angst gehen, denn dann lauert sie im Hintergrund, geduldig, bis sie dich wieder anspringen kann.
Sehen wir uns unsere Hoffnung an:
Der Prozess zur Linderung (niemals Überwindung) des Leids ist keine Ablenkung, sondern ein Durch-Dringen des Leids, ein Durch-Leben der Angst: Wir können es aushalten zu spüren, dass und wie sehr jeder von uns alleine ist. Denn weder das Leid noch die Angst existieren AN SICH - wir schaffen sie uns als Bewertung der ontologischen Einsamkeit.
 
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Im Durchleiden befreien wir uns - wir spüren dann intuitiv, dass wir uns manchmal, für kurze Momente, wie Seelenschmetterlinge, berühren.
Um wieder auseinanderdriften.
Doch in dieser Einssamkeit sind wir wieder verbunden. Und eben damit überwindet die Einsamkeit sich selbst - wenn wir alle sie teilen, hebt sie sich selbst auf.
 
Um das jedoch als GEFÜHL vage erahnen zu können, gilt es zunächst, das Leiden auszuhalten - was dahinter wartet, ist die Beruhigung.

 

Wonderlake: Versuch, im Vakuum zu atmen.

Für alle, die loslassen müssen

Du stehst knietief im eiskalten Wasser: Du bist an deinem Ziel. Lange hast du diesen Augenblick herbeigesehnt, lange hast du davon geträumt.

Das Echo deiner Gefühle hallt von den Wänden des schneebedeckten Bergmassivs im Hintergrund wider, während die Kälte des Wassers an deinen Beinen emporkriecht, dir ans Herz zu fassen droht, nein, vielmehr mitten hinein, und immer mehr, alte und noch unbekannte Gefühle, perlen aus den Poren deiner Haut und steigen auf, verlieren sich, in der frischen Abendluft.

Für diesen Moment dürfen alle Dämonen schweigen, alle Schatten ziehen sich in ihre dunklen Ecken zurück.

Als ich Kind war, suchte ich oft meinen Weg durch den dichten Wald zur „Wunderquelle“: Sie war der Heiligen Maria geweiht und konnte angeblich wundersame Heilung bewirken. Wer sich darin wusch, so erzählten die alten Dorfbewohner sich, wurde von seiner Krankheit befreit. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und lief zur Quelle. Ich wusch meine Augen mit dem klaren Wasser und hoffte, bald keine Brille mehr zu benötigen. Nie wurde mein Hoffen erhört und ich begann, mit Gott zu hadern. Als kleines Mädchen vom Lande war ich katholisch erzogen, und ich wollte auch an eine schützende Allmacht glauben. Doch Gott hörte mich nicht, und ich fühlte mich verraten. Er sollte mich in meiner Kindheit noch viele Male im Stich lassen. Als ich dann auch nicht Ministrantin werden durfte, weil zur damaligen Zeit nur Jungs ministrieren durften, beschloss ich, ganz trotziges Kid, mich nicht mehr auf seine Hilfe zu verlassen und mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Was kommt hinter dem Verrat?

 

Bildquelle: eigene Fotoaufnahme

Die Erinnerung der Zeilen deines alten Lieblingssongs Wire to Wire von Razorlight bettet dich in wohlvertraute Sehnsucht:

What is love but the strangest of feelings?
A sin you swallow for the rest of your life?
You've been looking for someone to believe in
To love you until your eyes run dry

She lives by disillusion glow
We go where the wild blood flows
On our bodies we share the same scar
Love me, wherever you are

How do you love with a fate full of rust?
How do you turn what the savage tame?
You've been looking for someone you can trust
To love you, again and again

How do you love in a house without feelings?
How do you turn what the savage tame?
I've been looking for someone to believe in
Love me, again and again

Du weißt, dass es Zeit ist zu gehen. Du weißt, dass es Zeit ist loszulassen. Und so versuchst du, einen Fuß vor den anderen zu setzen, auch, wenn dein Voranschreiten einem Kriechen auf scharfkantigen Scherben gleicht. Du bist in einer emotionalen Wüste ausgesetzt.

Du glaubst, nicht weiter zu können, du willst zurück, du willst dich an dem festhalten, was, lange schon, verloren ist. Oh, komm´ zurück, halte mich noch einmal fest, weint das Kind in dir, dort vorne falle ich ins Nichts, im Vakuum kann ich nicht atmen.

Und doch treibt etwas dich voran, und du glaubst, kein Schmerz kann größer sein. Deine Tränen werden zu Wassertropfen im See der Wunder.

Was auch immer es ist, was du loslassen musst: die Erinnerung an den, der in deinen Armen starb, das Versprechen der ewigen Liebe eines Menschen, von dem du dich trennen musst, die Hoffnung auf das Ungeschehen von Vergangenem – was dir bleibt, ist, irgendwo hinter dem Entsetzen, das dich nun umgibt, die Gewissheit, irgendwann, vielleicht bald schon, wieder atmen zu können. Du wirst mit weit geöffneten Augen und Herzen deine Lungen mit Sauerstoff füllen und spüren: Es ist gut so. 


 

Wir sind Menschen, keine Wölfe. 

Ich schlendere durch den nächtlichen Schlossgarten in Stuttgart – der Unterrichtstag war lang, der Theaterabend ergiebig – lange schon habe ich meine Begleitung verabschiedet und will nun noch, nur für mich, zur Ruhe kommen: Ich möchte Stille atmen.
Im Schatten der Bäume erkenne ich eine Gestalt: Sie liegt zusammengekauert am Boden. Das Mondlicht lässt nur erahnen, dass es sich um eine menschliche Gestalt handelt. Während mein Denken kurz erschreckt („Liegt hier ein Toter?“) läuft mein Körper auf den Schattenriss zu. Ich knie mich neben ihm nieder und berühre sanft seine Schulter, schüttle ihn ein wenig: „Alles ok?“ frage ich unbeholfen und das Herz schlägt mir bis zum Hals. Wie erleichtert bin ich, als ich ihn atmen sehe!

Als ich später meiner Freundin diese Geschichte erzähle, ist sie besorgt: „Hast du denn nie Angst?“, will sie wissen.
Doch, ich habe Angst. Ich bin ja nicht dumm. Aber ich packe meine Angst, ich definiere sie, ich gebe ihr ein Gesicht: Natürlich ist mir unwohl, wenn ich, alleine in der Nacht im dunklen Park, auf einen am Boden liegenden Mann stoße. Mir ist unwohl, ich habe Angst, weil ich nicht weiß, wie ich diese Situation einzuordnen habe: Sie ist mir neu. Also sehe ich nach. Und die Angst verschwindet.
Mut heißt nur, dich deiner Angst zu stellen, bei dem nachzuschauen, was dir Angst macht – mehr braucht es nicht.

Zwei große, braune Augen sehen mich aus einem hageren, dunklen Gesicht heraus an. Der Mann rappelt sich auf, lächelt mich an: „Thank you. Thank you for asking. I love you.“ bricht es aus ihm heraus und dann verschwindet er schnell ihn der Dunkelheit des Parks.

Ich bleibe alleine zurück, und Melancholie legt sich wie eine Decke um mich. Was muss dieser Mann durchgemacht haben, was hat er erleben müssen? Was haben ihm andere Menschen angetan?
Ich glaube fast, aus der Finsternis heraus einen Wolf heulen zu hören. „lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.“ (Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt.)
Ich habe mich mein ganzes bisheriges Leben lang geweigert, diesen Satz des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus aus seinen Asinaria (Eseleien) für bare Münze zu nehmen – auch oder vielleicht gerade WEIL mich das Verhalten so manches Menschen so manches Mal an seiner Menschlichkeit zweifeln ließ. Ich halte am Glauben an das in jedem Menschen inne wohnende Gute fest. Ich WILL an dem Glauben festhalten, ich muss, um nicht zu verzweifeln. Denn was bleibt, wenn wir vergessen, dass wir alle Menschen sind?

Ich habe im Ausland studiert: Mit kaum einem Wort Spanisch habe ich mich für Psychologie immatrikuliert. Die ersten Monate stellten mich auf eine harte Probe: Ich wurde verächtlich als „la rubia“ („die Blonde“) betitelt, wenn ich mich bemühte, in meinem geradebrechten Spanisch ein Ticket für den Bus am Dorfkiosk zu kaufen, wurden meine Bemühungen mit „Yo no hablo extranjero“ (Ich spreche kein Ausländisch) abgespeist. Wie mag es Menschen im Ausland, hier in Deutschland, gehen, denen ihre Übergangsbleiben angezündet werden? Die geprügelt, gejagt, wieder "zurück geschickt" werden, viele in den Tod? Wer ist denn gerne fremd in einem Land, das andere „Heimat“ nennen?

Es wird Weihnachten. Wir lauschen der biblischen Geschichte von Maria und Josef, die abgewiesen wurden, bis sie in einem Stall Zuflucht fanden. Wir sind entsetzt: Wie können Bedürftige in der Not abgewiesen werden?

Ich glaube, wir alle haben die Wahl: Wir sind nicht zum Wolf geboren.
Wir können menschlich sein. Doch dazu brauchen wir Mut.


 

Angst ist der Schwindel der Freiheit

„Der Angst ins Gesicht lachen“ beschrieb Viktor Frankl seine Paradoxe Intention: Er war der festen Überzeugung, dass es uns allen gelingen kann, die Trotzmacht des Geistes zu wecken. Denn auch hinter jeder physischen oder psychischen Beeinträchtigung existiert die noetische (geistige) Dimension unversehrt weiter – und in ihr können wir die Kraft finden, unsere Angst nicht nur zu ertragen, sondern uns über sie hinwegzuheben. Denn: „Wir brauchen uns von uns selbst nicht alles gefallen zu lassen“.

„Angst ist der Schwindel der Freiheit“, bezog einer meiner Lieblingsverzweifelten, Sören Aabye Kierkegaard, Stellung: Doch während uns Satre und Camus jeden Halt raubten, indem sie uns in die Freiheit hineinwarfen, ließ er uns zumindest noch die Aussicht auf Beschwichtigung, auf Beruhigung im Glauben – in echter, tiefer Religiosität jenseits der Propaganda einer Staatskirche, wodurch wir psychische Stabilität durch die Empfindung einer beinahe fürsorglichen Teleologie erahnen können – jenseits jeder ratio.

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Was können wir heute noch damit anfangen? Was kann uns dabei unterstützen, sukzessive unsere unnötigen Ängste von (überlebens-)notwendigen zu unterscheiden, uns zu befreien? Um, endlich, unser Leben so zu führen, wie wir es führen könnten: unabhängig, autonom, unseres Selbst bewusst – und niemals vorgezeichnet. In jedem Augenblick offenbart sich eine Vielzahl von Möglichkeiten – jeder Moment dient als Aufforderung, wir selbst zu werden. Ich gehe davon aus: Wir können wählen, wer wir sind – und wenn wir uns dessen bewusst sind, schweigt die Angst.

Wie kann das gelingen?

Etymologisch beruft sich unsere Angst auf das griechische anxein (würgen, drosseln) und / oder das lateinische angor (Würgen, Beklemmung), angustia (Enge) und angere (die Kehle zuschnüren, das Herz beklemmen).

Was würgt uns da, wenn uns die Angst in den Nacken springt?

Ist es der Blick in unseren eigenen Abgrund der Zeitigkeit, die Vorstellung unserer Endlichkeit, die uns daran hindert, JETZT ZU LEBEN? Denn im JETZT gibt es keine Angst – Angst klammert sich an die Zukunft. Und diese ist nichts als eine Erfindung des suchenden Verstands.

"Man kann die Angst", schrieb Kierkegaard in seiner Monographie Der Begriff Angst, "mit einem Schwindel vergleichen. Wer in eine gähnende Tiefe hinunterschauen muss, dem wird schwindlig. Doch was ist die Ursache dafür? Es ist in gleicher Weise sein Auge wie der Abgrund - denn was wäre, wenn er nicht hinuntergestarrt hätte? Demgemäß ist die Angst jener Schwindel der Freiheit, der aufkommt, wenn der Geist die Synthese setzen will und die Freiheit nun hinunter in ihre eigene Möglichkeit schaut. (.. .) In diesem Schwindel sinkt die Freiheit nieder."

Der träumende, unentschiedene Geist plant seine eigene Wirklichkeit als Möglichkeit der Freiheit – ohne Wahl, ohne Entscheidung, ist seine Freiheit bloß ein diffuses „Nichts“ - es ängstigt den Geist, denn in jeder Wahl steckt die Gefahr der immer größeren Verstrickung in weitere Schuld – die mich immer weiter von mir als „religiösen“ und damit sich in Sicherheit befindlichen Menschen trennt.

Doch wenn ich inne halte und in mich statt in den von mir geschaffenen Abgrund blicke, dann erkenne ich, dass in diesem Moment (und dieser Augenblick ist alles, was wir alle haben) für alles gut gesorgt ist: In diesem Moment gibt es keine Angst, da keine Zeitlichkeit existiert.
In diesem einen Augenblick sind wir alle ewig – Augenblick um Augenblick fügt sich Unendlichkeit zusammen, der Tod hebt sich als Fata Morgana selbst auf.

JETZT haben wir alles, was wir brauchen, JETZT sind wir vollkommen sicher – ein „danach“ ist Illusion - jedes Ausatmen befreit mich von Verbrauchtem, Überflüssigem, jedes Einatmen füllt mich mit Lebendigkeit.

Leben ist jetzt – wenn wir dies spüren, schwindet die Angst. Denn jedes Mal aufs Neue wähle ich: mich, meine Welt, mich in dieser Welt. Ich bin frei. 


 Vom Segel Reffen und ins Leben Zurückfinden

„Du sollst das Segel dann reffen, wenn du das erste Mal daran denkst“, begleitete ein lieber Freund eine Anekdote.

Diesen Merksatz aus dem Segelsport machte ich mir zur Leitlinie für alle jene Situationen, in denen wir uns fragen: „WANN soll ich das tun, mich damit auseinandersetzen, das sagen etc.?“

Tu es DANN, wenn du DAS ERSTE MAL DARAN DENKST. Dann ist die richtige Zeit. Wenn du wartest, kann dich der Wind des Lebens zum Kentern bringen – und in der eisigen Flut der Trauer kann niemand lange schwimmen.

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Gilt all das auch für die Auseinandersetzung mit dem Tod?

Ist es nicht vielversprechender, den Tod aus den Gedanken zu verbannen? Schlussendlich ist er kein Bestandteil des Lebens. Weshalb soll ich ihn derart in mein Leben lassen, dass ich mich bewusst mit ihm auseinandersetze? Für mich gibt es doch kein Sterben – denn mein ICH ist nur in diesem Leben existent.

Wir Menschen sind uns unser selbst bewusst – und zahlen dafür einen hohen Preis: Wir sprechen von uns als ICH in dieser Welt – und durchschreiten damit die Gegenwärtigkeit. Mit diesem „Ich“ projizieren wir uns durch die Zeit, zurück in Vergangenes, voran in die Zukunft. Unser Ich-Bewusstsein gaukelt uns Beständigkeit vor.

Der Tod ist vornehmlich ein kognitives Konstrukt - nicht er ist Bestandteil des Lebens – Vergänglichkeit ist es sehr wohl.

Doch was meint Vergänglichkeit?

In diesem ewigen Kreislauf des Lebens gelingt es uns doch immer nur, Momentaufnahmen zu erhaschen – der komplette Zyklus ist uns nicht ersichtlich. Wir scheinen stetig in einem Augenblick verweilen zu wollen, empfinden Entwicklung als Vergehen.

Wenn du dich bemühst, statisch zu verharren, erlebst du Veränderung als Verlust. Hier lauert das Bewusstsein um unser aller Vergänglichkeit darauf, uns rücklings zu überfallen: Wenn du jemanden verlierst, den du liebst, wenn du deine Zukunft, die Projektion von dir selbst, an Krankheit, Alter, Trauer, Sinnlosigkeit verlierst...

In der existentiellen Psychotherapie führen wir eine Vielzahl von Symptomen, von Depression bis zu Angst und psychosomatischen Störungen, auf nicht konfrontierte Todesangst zurück. Manch´ einer hört auf zu leben, weil nur durch die Illusion des Stillstands Sicherheit, wenn auch nur als Schein, spürbar bleibt. Und dennoch spürt es jeder: das Vermeiden der Auseinandersetzung mit dem Tod raubt uns ein Stück unseres Lebens. Angst ist immer schneller als wir die Augen vor etwas schließen können.

Reffe die Segel, wenn du das erste Mal daran denkst - Durchdenke den Tod, blicke ihm ins Gesicht, wenn er dir als Gedanke gegenübertritt: Das, was wir uns trauen zu erkunden, verliert seinen Schrecken und seine Macht über uns. Setze dich mit dem Tod auseinander: Bis er klein bei gibt und dich zurücklässt ins Leben.

 

 

 

Find what you love and let it kill you (Bukowski)

Neulich erzählte mir ein Freund, dass er, wenn mal wieder ein Headhunter das Gespräch mit „Wie sieht Ihr Traumjob aus?“ eröffnen wollte, schlichtweg keine Ahnung hat, was er darauf antworten sollte. Mich lässt das nicht los: Seitdem kehren meine Gedanken immer wieder zur Frage nach dem, was uns antreibt, zur Frage nach dem (sinn-)erfüllten Sein zurück.

In Ermangelung einer echten Heimat verließ ich auf der Suche nach eben jener sehr bald mein „Zuhause“ und schlug mich als Kellnerin in verschiedenen Lokalen durch, um mir das Abitur und später das Studium zu verdienen. In zorniger Verzweiflung schleuderte ich in jugendlichem Trotz dem Leben mein „Nicht mit mir!“ entgegen – retrospektiv jedoch war wohl das, was ich damals als Wut empfand, Sehnsucht. Sehnsucht nach etwas, wenn schon nicht Besserem, doch wenigstens Anderem.

Sehnsucht zu haben bedeutet jedoch, dass ich an die Existenz dessen, wonach ich mich sehne, glaube. Ich spüre also, dass es etwas gibt, wonach ich streben kann – und dass ich es erreichen kann. In dieser Erkenntnis liegt auch Viktor Frankls Aufforderung, Stellung zu beziehen – Stellung dem Schicksal, auch dem nicht gewollten, gegenüber. Hierin liegt deine Freiheit: Du kannst dich jederzeit (er-)finden.

Heute, so viele Jahre später, habe ich in der Philosophie (und Psychotherapie entspricht für mich angewandter Philosophie) nicht nur seit langem meinen Beruf, sondern meine Berufung gefunden. Doch welche Sehnsucht steckt dahinter?

Carl Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie, ging von der humanistischen Grundhaltung aus, dass das „Ich am Du“ wird – dass wir alle von der Sehnsucht nach einer wahren, einer authentischen Ich-Du-Beziehung bewegt sind. Wir benötigen, um unser wahres „Selbst“ verwirklichen zu können, ein Gegenüber, das uns ohne Maske gegenüber tritt. Ein Gegenüber, bei dem auch wir unsere Maske fallen lassen können.

Wenn Rogers noch annahm, dass es niemanden in diesem Leben gelingen kann, zum vollständig kongruenten (stimmigen) Erleben (das Erleben, das ermöglicht, alles, was sich zeigt, wertfrei anzunehmen) zu gelangen, meine ich, dass in unserem letzten Moment unsere tiefste Sehnsucht (also unser Traum) erfüllt ist – in dem Augenblick, in dem wir finden, was wir suchten, können wir, friedvoll, gelassen, ein letztes Mal ausatmen.

Die echte Begegnung zeigt sich mir am besten in einem Bild – es beschreibt für mich den Moment, in dem wir in gegenseitiger Bedingungslosigkeit echt sein können – der Moment, in dem sich Eros, Philia und Agape begegnen (Blog: Lieben meint, das Beste im Anderen zu sehen).

Aneinander gelehnt blickt ihr schweigend hinaus aufs Wasser, keiner muss sich stärker oder leichter an den anderen lehnen, ihr braucht euch genauso viel und genauso wenig, keiner braucht den anderen mehr. Alles ist gesagt, Worte müssen keine Brücke mehr zwischen euren Wirklichkeiten bauen.

Bildquelle: eigene Aufnahme

Das Leben eines Traums setzt voraus, dass wir erkennen, was wir beeinflussen können: In ACT (der Akzeptanz- und Commitment-Therapie) orientieren wir uns am „Gelassenheitsgebet“:
"Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."

Im Herausfinden des Unterschieds irren wir oft, straucheln und stürzen.

Doch fliegen lernst du, indem du fällst und vergisst, auf dem Boden aufzuschlagen. Mach´ alle Fehler jetzt – Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Und wenn du es noch nicht gefunden hast, dein Gegenüber, das dich wirklich sieht, das dir ermöglicht, loszuziehen, um das zu finden, was du liebst, dann sei dir sicher, dass auch es dich sucht. Ihr werdet euch finden.

Zum Aufgeben sind wir alle zu jung - gleich, ob du 17, 40 oder 83 Jahre bist...


Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: Gibt´s schon eine APP für Glück?

„Links oder rechts?“ fragt mich ein Freund bei einem abendlichen Treffen in meinem Stammlokal und hält mir sein Handy unter die Nase. Auf einem Foto blickt mir eine recht adrette Frau mit einem angestrengt wirkenden Lächeln entgegen, während sie sich vor irgendeiner Sehenswürdigkeit in Pose wirft.

Ich bin verwirrt. „Also links ist erst mal immer besser als rechts“, entgegne ich, nehme das Handy, das er mir entgegenstreckt und wische das Bild aus Versehen nach oben. „Jetzt hast du ihr ein Super Like gegeben!“ ruft er etwas entsetzt aus. „Oh“, sage ich, „und das ist nicht gut?“

Willkommen in der neuen Dating-Welt, willkommen auf dem Single-Markt, willkommen im Ausverkauf der Katalogware Mensch.

„Wie lange machst du das denn schon?“ will ich aus echter Neugierde heraus wissen. „Och, ewig – mit den Unterbrechungen für Beziehungsversuche seit vielen Jahren. Da haste ja immer Nachschub, da lässt du dich nicht leicht auf was Festes ein. Was bleibt, ist die Suche nach dem Glück.“ antwortet er.

Wie kann es sein, dass in unserer heutigen Zeit, in der Dating und damit Kennenlernen leichter als je zuvor ist, es umso schwerer scheint, eine echte Beziehung einzugehen? Eine Beziehung, die nicht sofort aufgegeben wird, wenn die beiden Neuverliebten feststellen, dass es eine Herausforderung werden könnte (noch lange keine wirklich IST), die unterschiedlichen Essens-, Sport-, Reise- oder Filmvorlieben unter einen Hut zu bringen?

Wenn morgen ein 3D-Drucker unsere Wunschpartner fabrizieren kann – wie lange wären wir dann zufrieden?

„Eine finde ich ja ganz toll, mit der schreibe ich seit Wochen“, setzt mein Freund fort, „aber ich will sie nicht treffen, denn dann werde ich enttäuscht sein.“

Ich verstehe, was er meint – für Menschen, die verliebt in das Gefühl des Verliebtseins sind, kann die Wirklichkeit selten an die Vorstellung heranreichen: Meinem Freund ist klar, dass er, sollte er die „Ausgewählte“ wirklich treffen, Gefahr läuft, seine (tatsächlich realen) Gefühle für sie zu verlieren. Sie wird anders aussehen, als er glaubt (auch, wenn er selbstverständlich Bilder gesehen hat), sie wird anders sprechen (auch, wenn sie sich schon Sprachnachrichten schickten), sie wird anders lachen, als er sie sich gezeichnet hat, oder vielleicht können sie sich schlichtweg nicht riechen.

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Eines meiner Lieblingsgedichte ist von Gustavo Adolfo Bécquer, Rima XI – er beschreibt in der letzten Strophe wunderbar die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: „Ich bin Traum, bin nicht vorhanden, bin ein nichtiges Gespinst aus Nebel und Licht, ich bin ätherisch, bin unberührbar. Ich kann dich nicht lieben.“

„Oh, komm´, komm´ du“, lässt Bécquer seinen Helden ausrufen, der die Liebe, die er wirklich erleben könnte, zuvor ablehnt.

Geht es um das? Um das reine traumverhangene Gedankenspiel, das zu echten Emotionen wird? Und um diese Emotionen zu halten, die dem echten Leben nicht mehr standhalten können, muss eben jenes gemieden werden? „Leben in der Matrix“, nannten wir früher als Studenten die bewusste Wahl der Täuschung. Macht es einen Unterschied, ob deine Gefühle sich auf ein wirkliches Gegenüber oder auf deine Vorstellung beziehen?

„Wenn es nicht um Verliebtsein, sondern um Glück ginge (für mich ein genauso definitionsbedürftiger Begriff wie Liebe)“, frage ich meinen Begleiter, „wäre es für dich dann auch eine Frage, ob du es real erleben oder in der Vorstellung bleiben wolltest?“

Ich meine die Frage ganz ernst und nicht nur rhetorisch – denn für viele verspricht tatsächlich nur ein Traum Glück, wenn er erreicht ist, ist´s um das Glück geschehen...

„Nein“, sagt er, „aber Glück ist ja auch irgendwie nicht so erlebbar wie Liebe, finde ich“ entgegnet er.

„Vielleicht, weil du eben schon bei der Liebe diese Abstriche in der Virtualität machst? Und es für Glück noch keine APP gibt?“ füge ich nur noch, zwinkernd, hinzu.

„Oh“, grinst er plötzlich, „ich habe ein Match – die von eben hat mich auch geliket!“

Ich seufze, lasse ihn mit seinem Handy kommunizieren und flüchte mich in meine Traumwelten der spanischen Poesie.

 

 

Rima XI

 

Yo soy ardiente, yo soy morena,
yo soy el símbolo de la pasión,
de ansia de goces mi alma está llena.
¿A mí me buscas?
—No es a ti, no.

 

Mi frente es pálida, mis trenzas de oro:
puedo brindarte dichas sin fin,
yo de ternuras guardo un tesoro.
¿A mí me llamas?
—No, no es a ti.

 

Yo soy un sueño, un imposible,
vano fantasma de niebla y luz;
soy incorpórea, soy intangible:
no puedo amarte.
—¡Oh ven, ven tú!

 

Standardübersetzung ist von Christiane Busl

 

Ich bin feurig, mein Haar ist schwarz, voll Glanz, Symbol der Leidenschaft bin ich, Verlangen nach Lust erfüllt mich ganz. Bin ich's, die du suchst?

- Nein, nein, dich nicht!

 

Mein Haar: goldne Flechten, meine Stirne: bleich. Glückseligkeit grenzenlos biete ich dir. An Zärtlichkeit bin ich unendlich reich. Bin ich's, die du rufst?

Nein, nein, nicht dich!

 

Ich bin Traum, bin nichtiger Phantasie Gebilde aus Licht und Nebeldunst. Körperlos bin ich und greifbar nie. Ich kann dich nicht lieben.

- O komm; komm, du!

 


Der Panther des Lebens oder: Wenn es dich zerstört, kann es niemals Liebe sein (Agape ist transzendental) 

Als wir jung waren, war es bei vielen von uns „in“, sich so unabhängig zu fühlen, dass keiner von uns sich je vorstellen konnte (oder es zugegeben wollte) ein „ganz normales Leben“ zu führen. Heirat, Kinder, Haus und einmal im Jahr an den Gardasee stellte sich uns als unbedingt zu vermeidende apokalyptische Fiktion dar.

Einige von uns lösten sich von der postpubertären Rebellionshaltung (jede Generation will es zunächst mal anders machen als die Eltern – und, mal ehrlich: Wer von uns ist in einem wirklich heilen Elternhaus aufgewachsen? Wer erlebte denn wirklich mit, dass eine Beziehung für ein ganzes Leben im GUTEN gedacht sein kann?) schon mit Mitte zwanzig und versuchten sich im Erwachsensein. Andere perfektionierten ein groteskes „Ich versuche mal eine Beziehung“-Verhalten. (Denn es ist nie schwer, eine Affäre zu beginnen – schwer ist, die Nähe, die sich in einer Beziehung entwickeln kann, auszuhalten.) 

Diejenigen schließlich, meist jene, die aus ihrer Kindheit zu sehr verletzt, zu zerstört waren, landeten (in Ermangelung eines anderen Beziehungsmodells) oft in sich als fanatische Liebe tarnenden zerstörerischen Abhängigkeiten – in der Regel zu Narzissten (dies ist geschlechterunabhängig: Auch, wenn häufiger Männer als Narzissten beschrieben werden, weisen ebenso Frauen diese Persönlichkeitsstörung auf (die aus ganz eigenen Gründen heute in der ICD 10 nicht mehr eigens codiert ist, sondern (vielleicht auch aufgrund der Nähe zur dissozialen Persönlichkeitsstörung) nur unter F 60.8 „sonstige Persönlichkeitsstörungen zu finden ist)).

Kurz: Sie taumelten von einem Liebeswahn in den nächsten, verstrickten sich in Beziehungen zu entwertenden, aggressiven, ich-bezogenen, misshandelnden, empathielosen (die Liste ist beliebig fortzusetzen) Personen, in denen sie kaputt gingen, ohne sich lösen zu können.
Das Spiel ist jedes Mal das gleiche: Aus der anfänglichen Idealisierung heraus switcht der Narzisst in die Entwertung, in die Manipulation der Wirklichkeitswahrnehmung des anderen, und nach und nach gelingt es ihm, immer aus der Position des doch „eigentlich“ Liebenden heraus, den anderen in ein psychisches Wrack zu verwandeln. Meistens ist dieser Prozess dem Narzissten selbst nicht bewusst, er agiert blind und impulsgetrieben aus seiner eigenen Störung und nicht immer aus Bösartigkeit heraus.
Und doch: Wenn ich mit Klienten arbeite, die sich in solchen Beziehungen zu narzisstisch-dissozialen Menschen wiederfinden, ist dies die eine Ausnahme aller Fälle, in der ich tatsächlich ganz klar einen Rat ausspreche. Ich sage:

„RENNEN SIE SO SCHNELL SIE KÖNNEN!“

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Eine Beziehung zu einem derart ver-schoben-ver-rückten, aus unserem ethischen Werteempfinden heraus gefallenen Menschen wird dich zerstören, sie wird dein Bewusstsein deiner selbst auflösen. Die Doppelbotschaften, die du tagtäglich mitgeteilt bekommst, vernichten deine Klarheit – irgendwann wirst du aufhören, dich darüber zu wundern, dass du dem anderen die basalen Prinzipien des menschlichen Miteinanders (was es heißt, Interesse, Respekt, Zuneigung, Gleichberechtigung zu leben) jedes Mal aufs Neue mitteilen musst (ohne dass das Früchte tragen könnte) und selbst glauben, verrückt zu sein (der Prozess des „Gaslighting“ ist gelungen). Du bist in der emotionalen Verstrickung gefangen.

Gib dich nicht der Illusion hin, dass es nicht weh tun würde, jetzt zu gehen, unterlieg nicht dem Irrglauben, dass du dich unbeschadet aus der Beziehung lösen könntest. Es geht nun darum, das, was von dir übrig blieb, zusammenzufegen, um deine Scherben deines Ichs, später, viel später neu zusammenzusetzen.

Und doch: Du bist stark genug, du kannst es schaffen.

Aus der Arbeit mit einem Klienten, der in einer Beziehung zu einer dissozial-narzisstischen Frau gefangen war, stammt noch ein Zettel, der bei mir daheim an meiner Pinnwand hängt – in meiner unleserlichen Handschrift für Außenstehende nicht zu entziffern, ist er mir ein Reminder, wie leicht es auch für einen in sich gefestigten Menschen ist, aufgrund dysfunktionaler Vorstellungen von Liebe und Verantwortung die eigene psychische Integrität zu verlieren, die Ich-Grenzen sich auflösen zu sehen.

Mit seiner Erlaubnis beschreibe ich hier kurz die Essenz unserer Zusammenarbeit:
Auf dem Zettel, der aus meiner hypnotherapeutischen Arbeit mit dem Klienten stammt, steht: „Ich möchte den Panther fürs Leben finden!“.

Im Laufe des monatelangen Prozesses, den es bedurfte, um sich aus der zerstörerischen Beziehungsspirale zu lösen, arbeiteten wir mit einem Bleiklumpen, den mein Klient von seiner letzten Silvesterfeier mitbrachte und den er nicht interpretieren konnte. Ich vereinbarte mit meinem Klienten, dass ich ihn so lange auf meinem Fenstersims liegen lassen würde, bis er, am Ende der Therapie, in der Lage wäre, ihn eigenständig zu deuten.

Die Erkenntnisse, Ergebnis des langen therapeutischen Geschehens, die sich nach und nach in Gefühle umsetzen konnten, waren:

  • Liebe entsteht in mir. Ich leihe meine Gefühle einer anderen Person nur, sie gehören ihr / ihm nicht.

  • Wenn es mich zerstört, wenn es weh tut, kann es niemals Liebe sein (Agape ist transzendental).

  • Wenn meine Gefühle, auch das Verliebtsein, eine Projektion sind, haben sie primär nichts mit dem anderen zu tun – sie sind von mir, in dieser Lebensphase, bestimmt.

  • Zu jeder Zeit ist es theoretisch möglich, a) meine Gefühle zurückzuholen oder b) sie auf eine andere Person zu übertragen.

  • Niemand, NIEMAND hat das Recht, auf eine bestimmte Weise mit mir umzugehen – und ich selbst bestimme, was gut für mich ist, was ich ertragen kann.

  • Ich will keine Spiele spielen.

  • Ich brauche eine andere Person nicht, um mein Leben gut zu leben / um glücklich zu sein.

  • Dennoch darf ich mich dennoch nach einer Partnerin / einem Partner sehnen.

  • Wenn ich ein Stückchen „ganzer“ geworden bin, bin ich bereit.

  • Ich kann mich immer auf mich verlassen – ich komme aus jeder emotionalen Verwüstung wieder heraus.

 

Der Zeitpunkt war gekommen, dass er das Stückchen undefinierbares Blei auf meinem Fenstersims wieder in die Hand nahm, es intensiv betrachtete, um schließlich heiser festzustellen: „Das ist ein Panther. Das bin ich. Ich hatte mich verloren. Ich habe mich neu gefunden. Ich bin mir der Panther meines Lebens.“

Gehe los, lauf weg von dem, was dir nicht gut tut, was dich zerstört – das ist nicht dein Kampf, diese Schlacht musst du nicht kämpfen, du kannst sie nicht gewinnen. Doch du kannst dich retten, du musst es tun, das ist deine einzige Verpflichtung in diesem Leben: Sorge gut für dich.

Zieh aus, den Panther deines Lebens zu finden.

 


Von Strelizien und Pferdemuscheln: Wenn nichts mehr ist, wie es schien

Ich habe kürzlich eine Muschel geschenkt bekommen: Von außen sieht sie grau und unscheinbar aus, kaum jemand würde sich am Strand nach ihr bücken – innen glänzt sie silberfarben. Nun ruht sie auf dem Fenstersims in meiner Praxis, und stets, wenn sich ein Sonnenstrahl in ihrem Schimmer verliert, erinnert sie mich daran, dass wenig ist, wie es scheint.

Vor wenigen Tagen saß ich im Gespräch – neben mir stand eine Vase mit sechs Strelizien. Ihr leuchtendes Orange absorbierte meine Aufmerksamkeit, immer mehr zogen ihre Farben mich in ihren Bann – bis, auf einmal, ihre Form sich zu verändern schien: Wie eine scharfe Spitze, schnabelgleich, richtete sich die Blume aus, und vor meinem inneren Auge entstand das Bild einer extraterrestrischen Drohne: Sie hatte den Auftrag, bis zum innersten Wesenskern vorzustoßen und ihn zu vernichten.

Ich verstehe dich, wenn du sagst, dass nichts mehr ist, wie es gerade noch schien. Ich weiß, was du meinst, wenn du erzählst, dass in einem Augenzwinkern deine Welt in Scherben lag. Wie du bemüht warst dich neu zu erfinden, wie du, immer wieder und wieder, gescheitert bist. Das, was du früher als Sinn empfunden hast, zerrann dir wie Sand zwischen den Händen, zu oft hast du gehört, du seist nichts wert. Und irgendwann hast du begonnen, daran zu glauben.

Du bist dem anderen in seine narzisstische Welt gefolgt, hast aus seinen entwertenden Augen auf dich selbst geblickt – und was du sahst, ließ nur einen Schluss zu: Du bist nichts wert. Du bist nichts. Du bist nicht.

Du hast den Glauben daran verloren, dass es eine Alternative gibt.

Im Englischen beschreibt der Begriff „Gaslighting“ den Prozess der konsequenten Manipulation durch einen anderen Menschen, meist den Partner, derart, dass die eigene Wirklichkeitswahrnehmung mehr und mehr in Frage gestellt wird – mehr und mehr übernimmst du dabei die Sicht des anderen, der deine Wahrnehmung als verrückt, falsch, gestört beschreibt. Nur noch vage spürst du, dass du richtig bist, der andere dich in Selbstzweifel, psychische Instabilität, schlussendlich in den Wahnsinn treibt.

Auch, wenn dem „Gaslighter“ oft gar nicht bewusst ist, was er da tut (aus seinem Narzissmus heraus ist dies meist eine unbewusste Strategie, sein Gegenüber dadurch an sich zu binden, dass er es klein macht und in die Abhängigkeit treibt), stellt „Gaslightning“ psychischen Missbrauch dar, der sich als Liebe tarnt.

Bildquelle: Fotolia.de

Spür´ in dich hinein: Will, kann der andere in dir denn dein Bestes sehen? All das Starke, all das Gute, was dir selbst bislang vielleicht verborgen blieb? Geht er mit dir so um, als ob du dieses Beste bereits leben kannst? Was siehst du selbst, wenn du in diese anderen Augen blickst? Traust du dich, darfst du dich trauen, dich in ihnen zu verlieren, weil du in dieser Tiefe dennoch sicher, weil du geborgen bist?

Spür´ in dich hinein – entscheide dich. Gehe oder bleibe – aber sorge für dich. Lass nicht zu, dass du selbst vergisst, hinter dem Schein, den der andere dir aufzwingen will, dich in deinem wahren Sein zu erkennen. Lege deine Pferdemuschel in den Schatten der Strelizie, die sich in ihrem Silberglanz selbst zu spiegeln beginnt.



Eine Liebeserklärung ans Leben: Ich sehe was, was du nicht siehst; Du siehst was, was ich nicht seh´.

Einsamkeit schleicht sich immer dann von hinten an, wenn wir uns klein, wenn wir uns hilflos fühlen. Selbst inmitten vieler Menschen kann sie dich umzingeln – wieder einmal bist du in einen Hinterhalt gelangt. Du könntest zum Telefonhörer greifen und deinen Liebsten anrufen, doch nur, um des Nachbarn Zwergkaninchens Probleme zu hören. Würde dies das Schreien deiner Gedanken übertönen?

Als ich kürzlich als Ersthelfer bei einem furchtbaren Unfall in Wien war, verlor ich mich später, viel später in den Fluten der Nacht. Es ergab keinen Sinn mehr, noch auf die Party zu gehen, auf der ich Freunde hätte treffen können, mein Pensionszimmer erschien mir als Schrein.

Manchmal ist es schwer, auch in der Wiederholung der Ereignisse kein Zeichen für sich sehen zu wollen, keinen versteckten Hinweis einer wie auch immer gearteten Fügung hinein interpretieren zu wollen. Nein, die Welt dreht sich nicht um uns, es gibt keinen Anlass, irgendetwas auf mich zu beziehen. Mit jedem Atemzug verschwinden wir alle mehr im Nichts.

Und doch: Da bist du, der andere, der sieht, was ich nicht sehen kann.

Komm, schau mich an und gib mir Ansehen. Spiegel meine blinden Flecken, blick mir ins Gesicht und sag: Ich sehe durch deine Maske hindurch. Für dich will ich sie fallen lassen

Du sagst, du zweifelst, ob du jemals wieder lieben kannst. Du sagst, du hättest deine Heimat verloren, als dein Herz in zwei gerissen wurde. Nie mehr vertrauen willst du, wütest du nun, niemandem mehr die Hand reichen, um dich selbst zu spüren.

Bildquelle: fotolia.de

Ich blicke dich an und erkenne deine Verletzung – doch lass deine Verletzbarkeit dich nicht erfrieren. Das, was du nicht selbst sehen kann, sehe ich für dich – ich nehme es an, segne es, biete es dir an und gebe es dir zurück. Deine Liebe ist immer die deine, sie entsteht und wächst in dir. Wenn sie niemand mehr will, kehrt sie in dein eigenes Herz zurück – halte sie warm, bis du sie wieder verleihen magst.

Irgendwo ist jemand, in dessen Armen du sicher, geborgen bist. Irgendwie ist jemand, der dich sanft wiegt, wenn du verzweifelt bist. Lass deinen Kopf an dieser Schulter ruhen, schließe die Augen und lass den anderen dir beschreiben, was er durch deine Augen sieht.

Meint lieben nicht, im Dunklen für den anderen zu sehen? Auch, wenn das Dunkle in seiner eigenen Seele liegt?

 


Eros, Philia und Agape: Lieben meint, das Beste im Anderen zu sehen

Ich kenne kaum jemanden, dem 2016 wirklich wohl gesonnen schien – Dieses Jahr war voller Schmerz, ein jeder hatte seinen eigenen Dämonen gegenüberzutreten. Schuld, Leid und Tod traten aus dem Schatten heraus, führten uns die Endlichkeit vor Augen, erinnerten uns daran, wie wenig Zeit bleibt, um sich auszusöhnen.

Halte einen Moment inne, betrachte die, denen du noch vergeben sollst – ist es nicht das, was du auch von den anderen dir wünscht?

Es scheint ein Jahr des Abschiednehmens, der Trennungen, des bitteren Verrats – wir verloren die, die wir liebten, an den Tod, andere mussten wir in die Einsamkeit des Lebens entlassen, das Alleinsein spüren. Was rettet dich in jenen dunklen Nächten, die den düsteren Tagen folgen?

Wie leicht es ist, all die kleinen Momente zu vergessen, die, wenngleich nicht erfüllend, nicht superb, doch lindernd waren. Wie leichtfertig, nur des großen Leids zu gedenken, und die Liebe, und den großen Mut, die du erfahren hast, zu ignorieren. Und jeder Moment der Liebe bringt dich näher zum Moment der Transzendenz – erlaubt dir, vielleicht für eine Sekunde nur, Ganzheit im So-Sein zu empfinden.

Viele Klienten, die mit Beziehungsthemen zu mir kommen, möchten meinen Rat. Soll ich gehen oder bleiben, fragen sie mich. Oft scheint die Dreieinigkeit aus Eros, Philia und Agape, die eine tragfähige, liebevolle, stabile Beziehung bewirkt, nicht nur erloschen, sondern nie präsent gewesen zu sein. Oft wurde nur eine Komponente, manchmal zwei, gelebt – so entstand ein Ungleichgewicht.

Bildquelle: Fotolia.de

Doch Magie, der Zauber, der der Liebe innewohnt, entsteht nur, wenn in Partnerbeziehungen Eros (die lustvolle, körperliche Liebe, die nimmt und sich befriedigt), Philia (die freundschaftliche Liebe, die teilt und sich mit dem Partner freut) und Agape (die mitfühlende, bedingungslose Liebe, die bereit ist, sich für den anderen aufzuopfern) zusammentreffen.

Agape scheint dabei jene Form der Liebe zu sein, die für viele unerreichbar bleibt. Zu sehr erwarten wir vom anderen, dass er unseren Erwartungen entspricht, sich zu unserem Gefallen verhält, dass er uns glücklich macht – wir knüpfen unsere Liebe an Bedingungen. Und sehen somit zu, wie, langsam, wie ein See umkippt, auch Philia und Eros zugrunde gehen.

Frage dich, ob es dir (noch) gelingt, das Beste in deinem Gegenüber zu sehen – das, was vielleicht ihm selbst noch verborgen ist. Kannst du ihn erkennen, wie er sein wird, wenn er der geworden ist, der er in Wahrheit ist? Kannst du genauso mit ihm umgehen, als ob er sein höchstes Potential schon jetzt verwirklicht?

Kannst du es in dir selbst spüren?

Vieles ging zu Ende – vieles beginnt nun neu: 2016 ist ein Jahr des Wandels. Das, was nicht mehr lebens-, nicht mehr liebesfähig war, löst sich auf. Es beginnt die Zeit des potentiell Möglichen, des Guten. Danke dafür.

 


 

... lass dein Herz leicht werden wie eine Feder

Manchmal glaubt der Tod, uns ans Leben erinnern zu müssen. Er plustert sich, drohgebärdend, auf und stellt sich vor unser flackerndes Licht. Dann will er mehr sein als nur der stille Begleiter, der sich auf unseren Spuren von Schatten zu Schatten drängt: Er stellt sich uns entgegen, versperrt uns den Weg und drängt sich in die Sonne. „Schau mich an“, scheint er zu raunen, „ich fordere dich auf, dein eigentliches Ich zu sein. Wie blickst du mir entgegen? Heroisch, voll Gleichmut, voll unterdrückter Angst? In meinen Augen spiegelt sich deine schlimmste Furcht, ich gewinne meine Macht durch das, was du mir zuschreibst. Ich kann alles für dich sein. Tiefste Qual, endloses Entsetzten, silberne Hoffnung, endlose Erlösung. Ich lasse dich ruhen, oder auferstehen, lasse dich aufgeben oder frei wie ein Traumgespinst jede Möglichkeit realisieren. Wähle – denn das ist deine Pflicht.“

Manchmal findest du dich in Situationen wieder, die nicht sein sollten, die niemand erleben dürfte. Und doch bist du es, der sie durchstehen muss, dem das Schicksal, oder ist es Zufall, auferlegt hat, ins eigene Innere zu blicken und sein wahres, weil mögliches, Ich zu erspüren.
Wer bist du angesichts der Herausforderung des Augenblicks? Welchen Weg wählst du, gehst du vor oder zurück, verharrst du im Schrecken? Wie tief ist das Tal, in dem du dich befindest?

Und doch: Irgendwo wartet auf uns der Moment, in dem die freiheitsbedingte Angst zum Bewusstsein der selbstbestimmten Wahl leitet. Es scheint, als ob du die existentielle Angst durchleben musst, überleben musst, bevor du, indem du alle Hoffnung auf Errettung von außen fahren lässt und dich, vielleicht ein allererstes Mal, auf diesen Blick in dein Ich einlässt. Was siehst du?

Adler im Flug
Bildquelle: Fotolia.de 


Am Ende meines Weges ist ein tiefes Tal (indianische Erzählung)

Ich werde nicht weiterwissen.
Ich werde mich niedersetzen
und verzweifelt sein.

Ein Vogel wird kommen
und über das Tal fliegen,
und ich werde wünschen, ein Vogel zu sein.
Eine Blume wird leuchten
jenseits des Abgrunds,
und ich werde wünschen, eine Blume zu sein.
Eine Wolke wird über den Himmel ziehen,
und ich werde eine Wolke sein wollen.

Ich werde mich selbst vergessen.
Dann wird mein Herz leicht werden.
Wie eine Feder,
zart wie eine Margerite,
durchsichtig wie der Himmel.

Und wenn ich dann aufblicke,
wird das Tal nur ein kleiner Sprung sein
zwischen Zeit und Ewigkeit. 

  

Von Strelizien und Pferdemuscheln: Wenn nichts mehr ist, wie es schien

Ich habe kürzlich eine Muschel geschenkt bekommen: Von außen sieht sie grau und unscheinbar aus, kaum jemand würde sich am Strand nach ihr bücken – innen glänzt sie silberfarben. Nun ruht sie auf dem Fenstersims in meiner Praxis, und stets, wenn sich ein Sonnenstrahl in ihrem Schimmer verliert, erinnert sie mich daran, dass wenig ist, wie es scheint.

Vor wenigen Tagen saß ich im Gespräch – neben mir stand eine Vase mit sechs Strelizien. Ihr leuchtendes Orange absorbierte meine Aufmerksamkeit, immer mehr zogen ihre Farben mich in ihren Bann – bis, auf einmal, ihre Form sich zu verändern schien: Wie eine scharfe Spitze, schnabelgleich, richtete sich die Blume aus, und vor meinem inneren Auge entstand das Bild einer extraterrestrischen Drohne: Sie hatte den Auftrag, bis zum innersten Wesenskern vorzustoßen und ihn zu vernichten.

Ich verstehe dich, wenn du sagst, dass nichts mehr ist, wie es gerade noch schien. Ich weiß, was du meinst, wenn du erzählst, dass in einem Augenzwinkern deine Welt in Scherben lag. Wie du bemüht warst dich neu zu erfinden, wie du, immer wieder und wieder, gescheitert bist. Das, was du früher als Sinn empfunden hast, zerrann dir wie Sand zwischen den Händen, zu oft hast du gehört, du seist nichts wert. Und irgendwann hast du begonnen, daran zu glauben.

Du bist dem anderen in seine narzisstische Welt gefolgt, hast aus seinen entwertenden Augen auf dich selbst geblickt – und was du sahst, ließ nur einen Schluss zu: Du bist nichts wert. Du bist nichts. Du bist nicht.

Du hast den Glauben daran verloren, dass es eine Alternative gibt.

Im Englischen beschreibt der Begriff „Gaslighting“ den Prozess der konsequenten Manipulation durch einen anderen Menschen, meist den Partner, derart, dass die eigene Wirklichkeitswahrnehmung mehr und mehr in Frage gestellt wird – mehr und mehr übernimmst du dabei die Sicht des anderen, der deine Wahrnehmung als verrückt, falsch, gestört beschreibt. Nur noch vage spürst du, dass du richtig bist, der andere dich in Selbstzweifel, psychische Instabilität, schlussendlich in den Wahnsinn treibt.

Auch, wenn dem „Gaslighter“ oft gar nicht bewusst ist, was er da tut (aus seinem Narzissmus heraus ist dies meist eine unbewusste Strategie, sein Gegenüber dadurch an sich zu binden, dass er es klein macht und in die Abhängigkeit treibt), stellt „Gaslightning“ psychischen Missbrauch dar, der sich als Liebe tarnt.

Bildquelle: Fotolia.de

Spür´ in dich hinein: Will, kann der andere in dir denn dein Bestes sehen? All das Starke, all das Gute, was dir selbst bislang vielleicht verborgen blieb? Geht er mit dir so um, als ob du dieses Beste bereits leben kannst? Was siehst du selbst, wenn du in diese anderen Augen blickst? Traust du dich, darfst du dich trauen, dich in ihnen zu verlieren, weil du in dieser Tiefe dennoch sicher, weil du geborgen bist?

Spür´ in dich hinein – entscheide dich. Gehe oder bleibe – aber sorge für dich. Lass nicht zu, dass du selbst vergisst, hinter dem Schein, den der andere dir aufzwingen will, dich in deinem wahren Sein zu erkennen. Lege deine Pferdemuschel in den Schatten der Strelizie, die sich in ihrem Silberglanz selbst zu spiegeln beginnt.

 


Eine Liebeserklärung ans Leben: Ich sehe was, was du nicht siehst; Du siehst was, was ich nicht seh´.

Einsamkeit schleicht sich immer dann von hinten an, wenn wir uns klein, wenn wir uns hilflos fühlen. Selbst inmitten vieler Menschen kann sie dich umzingeln – wieder einmal bist du in einen Hinterhalt gelangt. Du könntest zum Telefonhörer greifen und deinen Liebsten anrufen, doch nur, um des Nachbarn Zwergkaninchens Probleme zu hören. Würde dies das Schreien deiner Gedanken übertönen?

Als ich kürzlich als Ersthelfer bei einem furchtbaren Unfall in Wien war, verlor ich mich später, viel später in den Fluten der Nacht. Es ergab keinen Sinn mehr, noch auf die Party zu gehen, auf der ich Freunde hätte treffen können, mein Pensionszimmer erschien mir als Schrein.

Manchmal ist es schwer, auch in der Wiederholung der Ereignisse kein Zeichen für sich sehen zu wollen, keinen versteckten Hinweis einer wie auch immer gearteten Fügung hinein interpretieren zu wollen. Nein, die Welt dreht sich nicht um uns, es gibt keinen Anlass, irgendetwas auf mich zu beziehen. Mit jedem Atemzug verschwinden wir alle mehr im Nichts.

Und doch: Da bist du, der andere, der sieht, was ich nicht sehen kann.

Komm, schau mich an und gib mir Ansehen. Spiegel meine blinden Flecken, blick mir ins Gesicht und sag: Ich sehe durch deine Maske hindurch. Für dich will ich sie fallen lassen

Bildquelle: fotolia.de

Du sagst, du zweifelst, ob du jemals wieder lieben kannst. Du sagst, du hättest deine Heimat verloren, als dein Herz in zwei gerissen wurde. Nie mehr vertrauen willst du, wütest du nun, niemandem mehr die Hand reichen, um dich selbst zu spüren.

Ich blicke dich an und erkenne deine Verletzung – doch lass deine Verletzbarkeit dich nicht erfrieren. Das, was du nicht selbst sehen kann, sehe ich für dich – ich nehme es an, segne es, biete es dir an und gebe es dir zurück. Deine Liebe ist immer die deine, sie entsteht und wächst in dir. Wenn sie niemand mehr will, kehrt sie in dein eigenes Herz zurück – halte sie warm, bis du sie wieder verleihen magst.

Irgendwo ist jemand, in dessen Armen du sicher, geborgen bist. Irgendwie ist jemand, der dich sanft wiegt, wenn du verzweifelt bist. Lass deinen Kopf an dieser Schulter ruhen, schließe die Augen und lass den anderen dir beschreiben, was er durch deine Augen sieht.

Meint lieben nicht, im Dunklen für den anderen zu sehen? Auch, wenn das Dunkle in seiner eigenen Seele liegt?


Eros, Philia und Agape: Lieben meint, das Beste im Anderen zu sehen

Ich kenne kaum jemanden, dem 2016 wirklich wohl gesonnen schien – Dieses Jahr war voller Schmerz, ein jeder hatte seinen eigenen Dämonen gegenüberzutreten. Schuld, Leid und Tod traten aus dem Schatten heraus, führten uns die Endlichkeit vor Augen, erinnerten uns daran, wie wenig Zeit bleibt, um sich auszusöhnen.

Halte einen Moment inne, betrachte die, denen du noch vergeben sollst – ist es nicht das, was du auch von den anderen dir wünscht?

Es scheint ein Jahr des Abschiednehmens, der Trennungen, des bitteren Verrats – wir verloren die, die wir liebten, an den Tod, andere mussten wir in die Einsamkeit des Lebens entlassen, das Alleinsein spüren. Was rettet dich in jenen dunklen Nächten, die den düsteren Tagen folgen?

Wie leicht es ist, all die kleinen Momente zu vergessen, die, wenngleich nicht erfüllend, nicht superb, doch lindernd waren. Wie leichtfertig, nur des großen Leids zu gedenken, und die Liebe, und den großen Mut, die du erfahren hast, zu ignorieren. Und jeder Moment der Liebe bringt dich näher zum Moment der Transzendenz – erlaubt dir, vielleicht für eine Sekunde nur, Ganzheit im So-Sein zu empfinden.

Viele Klienten, die mit Beziehungsthemen zu mir kommen, möchten meinen Rat. Soll ich gehen oder bleiben, fragen sie mich. Oft scheint die Dreieinigkeit aus Eros, Philia und Agape, die eine tragfähige, liebevolle, stabile Beziehung bewirkt, nicht nur erloschen, sondern nie präsent gewesen zu sein. Oft wurde nur eine Komponente, manchmal zwei, gelebt – so entstand ein Ungleichgewicht.

Bildquelle: Fotolia.de

Doch Magie, der Zauber, der der Liebe innewohnt, entsteht nur, wenn in Partnerbeziehungen Eros (die lustvolle, körperliche Liebe, die nimmt und sich befriedigt), Philia (die freundschaftliche Liebe, die teilt und sich mit dem Partner freut) und Agape (die mitfühlende, bedingungslose Liebe, die bereit ist, sich für den anderen aufzuopfern) zusammentreffen.

Agape scheint dabei jene Form der Liebe zu sein, die für viele unerreichbar bleibt. Zu sehr erwarten wir vom anderen, dass er unseren Erwartungen entspricht, sich zu unserem Gefallen verhält, dass er uns glücklich macht – wir knüpfen unsere Liebe an Bedingungen. Und sehen somit zu, wie, langsam, wie ein See umkippt, auch Philia und Eros zugrunde gehen.

Frage dich, ob es dir (noch) gelingt, das Beste in deinem Gegenüber zu sehen – das, was vielleicht ihm selbst noch verborgen ist. Kannst du ihn erkennen, wie er sein wird, wenn er der geworden ist, der er in Wahrheit ist? Kannst du genauso mit ihm umgehen, als ob er sein höchstes Potential schon jetzt verwirklicht?

Kannst du es in dir selbst spüren?

Vieles ging zu Ende – vieles beginnt nun neu: 2016 ist ein Jahr des Wandels. Das, was nicht mehr lebens-, nicht mehr liebesfähig war, löst sich auf. Es beginnt die Zeit des potentiell Möglichen, des Guten. Danke dafür.

 


Leiden ist nicht quantifizierbar: Ich hoffe, du liebst mich lange nicht so wie ich dich

„Jeder hat sein Auschwitz“, entgegnete Viktor Frankl einmal auf die Frage nach der Authentizität seiner Schüler. Er selbst schließlich sei glaubwürdig, weil er durch das Leiden hindurch gegangen sei, während seinen Schülern eine auch nur ansatzweise vergleichbare Qual erspart blieb. Wie aber kann einem Menschen mit einem 08/15-Lebensweg geglaubt werden, wenn er davon spricht, dass die letztmögliche Freiheit des Menschen stets darin besteht, sein Leiden in Würde zu schultern und „trotzdem ja zum Leben“ zu sagen?

Ich gehe davon aus, dass jeder Einzelne von uns sein Gewicht an Leiden in diesem Leben ertragen muss. Wie sich Leid, Schuld und Tod gewichten, die Franklsche tragische Trias, mag unterschiedlich sein (und m.E. ist Leid der übermächtige Schatten des Lebens als mitfühlender Mensch, quasi das noetische Verhängnis). Ich gehe jedoch davon aus, dass keinem von uns seelischer Schmerz erspart bleibt.

Auf den einen wartet der Abgrund des Liebeskummers, der andere verliert einen geliebten Menschen an den Tod, der nächste kämpft in Armt oder Arbeitslosigkeit um die Beruhigung des Schmerzes.

Und dieses eigene Leiden, das es zu ertragen gilt, ist eben nicht vergleichbar mit dem Leiden eines anderen – der einzige Referenzpunkt ist die Schmerzfreiheit (nicht das Glück!) in deiner eigenen Existenz.

 

Bildquelle: fotolia.de

Jedes Leiden, gleich wie verursacht, ist mithin gleich groß, gleich schwer zu tragen, stellt einen Jeden vor die Wahl: Gib auf, zerbreche daran oder nimm es an.

Und doch ist nichts grausamer, als das Leiden des dir Nächsten bezeugen zu müssen. Wem es das Schicksal gut meint, lässt ihn selbst das Leiden schultern. Wen du liebst, willst du, musst du schmerzfrei sehen. Du gehst am fremden Leiden mehr zugrunde als am eigenen.

Ging Jesus (als Symbol für die Bereitschaft, für den zu leiden, den wir lieben) damit den einfachsten und nicht den schwersten Weg? Oder lebte er ein doppeltes Paradox: Indem er sich für die, die er liebte, opferte (der einfache Weg), musste er auch unser Leiden, das durch die Bezeugung seiner Qual entstand, aushalten (der schwerste Weg)... Muss ich nicht hoffen, wenn ich wirklich liebe, das jeder sein eigenes Leiden tragen darf, damit niemand meinen Schmerz bezeugen muss?

Was bleibt dem „homo patiens“ zu tun? Welches Verständnis des Leidens erleichtert das Aushalten?

Leiden ist ein aufgezwungenes Angebot des Lebens, es ist seine heftigste Aufforderung, ein uns entgegengeschleudertes „Lerne! Wachse! Entwickle dich! Finde deinen Sinn! Lerne wahrhaft zu lieben!“

Wenn ich jedoch dein Leiden auf mich nehme, bleibt mir nur zu hoffen, dass du mich bei weitem nicht so liebst wie ich dich.

 


 Gott liebt dich – aber wer ist er nur?

Bedeutungsschwanger trällern die Spatzen ihr Lied vom Neubeginn in die noch kühle Abendluft. Sie scheinen mit dem torkelnden Stimmengewirr, das vom nahen Frühlingsfest herüberdringt, um meine Aufmerksamkeit zu konkurrieren. Gedankenleer und ausgesprochen lasse ich meinen Körper wandeln und sehne mich nach allem und nach nichts.

Was ist das Gegenteil von allem? Ist es nichts? Oder ist es etwas? Wenn nichts existiert, und sei es nur als Gegenpol, hört es dann nicht damit auf, nichts zu sein und wird zu etwas?

Ich vermisse. Was das ist, vermag ich nicht zu sagen. Ist es das Schweigen, das ich teilen kann? Die Hand, die meine hält? Ist es das leise Nicken, das mir wortlos „Ich verstehe dich“ sagt?

Dort vorne fordern drei Polizisten die Ausweise von zwei Nordafrikanern. Missmutig kramen sie sie aus den Discounter-Plastikbeuteln hervor. Einige Meter weiter müht sich ein betrunkenes Paar in einer Umarmung ab. Und meine Füße tragen mich weiter.

Der Unterrichtstag war lang – die selbsterkennenden Tränen einiger Teilnehmer hallen noch wie das Echo von Regentropfen in einer leeren, nassen Schlucht in meiner Seele nach. Es dunkelt und Kälte kriecht über den Fluss heran.

Wie viele Menschen liegen heute Nacht wach, wie gelähmt ihren Dämonen ausgeliefert? Wie oft werden sie sich selbst, verzweifelnd-sinnloser Versuch des Trosts, mit dem Gesicht in den Decken zuraunen müssen: „Auch die längste Nacht geht irgendwann vorbei!“? Wie vage und flüchtig doch die Erinnerung einer haltenden Hand ist...

Bildquelle: fotolia.de

Zehn gute Erfahrungen mit Menschen reichen nicht aus, um eine schlechte zu kontrastieren. Was kaputt geschlagen ist, heilt vielleicht nie ganz. Wunden vernarben, die Angst zieht sich zurück und lauert, geduldig ausharrend, auf ihren Moment der Nacht. Dann kriecht sie langsam aus ihrer Deckung, packt den Schlafenden am Hals und drückt zu. Dann erwacht er, wie betäubt von seiner Atemlosigkeit. Was bleibt ist auszuharren, die Minuten zu zählen, bis die Helligkeit des Tages in das Zimmer scheint.

„Gott liebt dich“ lese ich an der Brückenmauer in roter Schrift.

Gott liebt mich, sagst du dir, und fragst dich: „Doch weshalb finde ich ihn nicht?“

Und irgendwo gibt es einen Menschen, in dessen Seele du wohnst, der dich in Gedanken festhält und immer und immer wieder geduldig dir sagt: „Ich bleibe, ich gehe nicht weg, egal, was du machst.“

Ja, das Leben schlägt uns Narben. Wir können sie stolz als Signatur unserer Lebendigkeit tragen.


 

Entscheide dich frei zu sein – entscheide dich zu lieben


Was ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet,was er ist. [...]“ gibt uns Viktor Frankl mit auf unseren Weg. Ebenso legt er uns nahe, all unsere Forderungen nach einem guten, erfüllten Leben aufzugeben, uns vielmehr zu fragen, was das Leben von uns fordert. 
Was fordert es von uns? 
Können wir dabei stehen bleiben, zahlreiche Momente anzusammeln, die sich als Erfüllung tarnen? 

Ich denke, wir alle haben die Möglichkeit uns Sinn zu konstruieren – wir alle haben die Freiheit, eben jenes zu tun. 
Mit Freiheit geht Verantwortung Hand in Hand: Wenn ich einmal erkannte, dass ich wählen kann, ja, wählen muss (auch, wenn ich die Augen davor verschließe, treffe ich damit eine Wahl), kann ich mich nicht mehr in einen Egozentrismus flüchten, der mir abverlangt, allein für mich, mit imaginären Monadenflügeln flatternd, möglichst gut durchs Leben zu kommen.

Natürlich will ich gut durchs Leben kommen. Natürlich bin ich ebenso verpflichtet, gut für mich, mein Leben, zu sorgen, es nicht leichtsinnig zu riskieren, nicht fahrlässig mit meiner Gesundheit umzugehen.

Und doch will ich mich fragen, was ich dem Leben zurückgeben kann, für dieses Geschenk, das es mir machte. Denn dass ich bin, dass ich existiere, kann ich nicht leugnen – und diese Existenz ist mir bedingungslos auferlegt. 

Jeder Mensch hat das Recht, sein Leben zu ver(sch)wenden: Jeder darf tun, als ob es eine nie endende Party ist. Er darf vergnügungssüchtig durch Jahrzehnte hetzen, von einem austauschbaren Rausch zum nächsten. 

Was bleibt, frage ich mich. Was bleibt, wenn du, irgendwann, zurückblickst auf dein Leben? Was willst du hinterlassen (und wir hinterlassen immer irgendetwas), was soll auf deinem Grabstein stehen? Werden sich Menschen an dich erinnern, wem hast du was gegeben?

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Immer deutlicher spüre ich, dass ich immer weniger Zeit mit Momentejägern verbringen will, die die Zufälligkeit eines Treffens auf einer Feier, das Smartphone mit der App fürs Online-Dating stets in der Hand, für eine schicksalshafte Begegnung halten. Ich will mich nicht hineinziehen lassen, in das ewige Getaumel, in das Betäuben einer jeder Frage nach dem Sinn. Mir sind Menschen lieber, die noch fragen können, die sich einlassen wollen auf eine aufrichtige Ich-Du-Beziehung.  
Diese Menschen sind mir Begleiter: Wir nehmen unsere Taschenmesser in die Hand und beginnen, den Oberflächenlack (der doch eh schon blättert!) abzukratzen – was wir finden, ist zunächst ungewiss: Oft platzt mit der Hülle auch jede Hoffnung auf Inhalt ab. Doch manchmal leuchtet uns Authentizität entgegen. Und in ihrem sanften Schein wächst Liebe heran.  

Ich bin der Überzeugung, dass wir lieben, weil wir uns gespiegelt sehen – wir erkennen im anderen Menschen unser Ich. Es ist ein Ich, das immer nach etwas strebt – wir können niemals nichts wollen.

Einige stellen ein hedonistisches, Spaß getriebenes Leben in den Vordergrund, andere richten ihr Sein nach eigenen, eventuell höheren Maßstäben aus. 
Wenn wir selbst uns an die Kandare nehmen, wenn wir unsere Vernunft bemühen, die ethisches, von eigener Vorteilnahme befreites Verhalten erlaubt, können wir den Übergang schaffen vom ästhetischen, also sinnlich-gesteuerten (und damit vom Vergnügen abhängigen) Menschen zum ethischen Menschen – um Freiheit zu gewinnen. Damit wirken wir, zumindest ein Stück, eben jener selbst verschuldeten Unmündigkeit entgegen, die wir nicht einmal bemerken, solange wir uns in der Verantwortungslosigkeit des „Spaßbetriebs Leben“ bewegen. Wir entscheiden, wer wir sind. Wir entscheiden, wen wir lieben wollen. Wir entscheiden, wer uns lieben soll. Wir sind frei. Wir sind auch frei, gute Menschen zu sein.

 


 Glitzersternenstaub auf deinen Wimpern

Es ist Zeit: Zeit, zurückzuschauen. Einen Augenblick nur, bevor wir uns umdrehen, der Zukunft zu, die wir mit jedem Atemzug gegenwärtig machen. Es ist Zeit: Zeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, Altlasten über Bord zu werfen – behalte stets nur das, was du auch tragen kannst. Was brauchst du wirklich, um du selbst zu sein?

Lege das Geschenkpapier beiseite und deine Stirn an kühles Fensterglaus, schalte dein Smartphone aus und dein Lieblingslied ein: Erlaube deiner Melancholie, dass sie mit einem Dinosaurierflügelschlag über dich hinweg wischt. Kuschel´ dich in ihre feuchte Wärme, schmieg´ dich in ihre zimtduftende Weichheit: Was warst du dieses Jahr, wer wolltest du sein? Was ist aus dem Bild von dir geworden? Welche Momente strichen achtlos an dir vorbei, welchen Zauber hast du nicht gesehen, welchem falschen Schein bist du gefolgt? Nutze diese Aufgaben zu lernen – jedes Leid birgt eine Entwicklungschance.

Du willst wissen, was das neue Jahr dir bringt – stell´die Frage auf den Kopf: Was wirst du dem neuen Jahr entgegenbringen?

Du stehst hier, mit ausgestreckten Händen, ich lege dir meine Wünsche hinein.

 

Ich wünsche dir

dass du dich nach vorne wenden kannst,

all das, was du Unrecht glaubst, lass hinter dir,

Ich wünsche dir die Freiheit vom eigenen Begehren,

das, was du so dringend willst, genauso nicht zu wollen,

Freiheit von Groll, und auch, dein Leiden anzunehmen,

Ich wünsche dir

eine Hand, die nicht an deiner zerrt, sondern die deine hält,

den Menschen, der dich nicht bekämpft, vielmehr dich schützen will,

Ich wünsche dir Wolken,

in denen du Bilder entdeckst,

Regen, der dich tanzen lässt,

Ich wünsche dir Sonne,

die deine Tränen funkeln lässt.

Ich wünsche dir Worte,

die du hören kannst,

die nicht verletzen, sondern dich berühren,

Ich wünsche dir,

dass du aufhören kannst, Betrug zu wittern,

dich selbst zu quälen und zu strafen,

Ich wünsche dir,

dass du an die Kraft der Liebe glaubst,

selbst, wenn du irrst, kannst du so nur gewinnen.

Ich wünsche dir,

dass du das Gute sehen kannst,

das hinter allem ausharrend sich geduldet,

Ich wünsche dir

dass du die Lider schließen kannst, wenn du müde bist,

und dass du deinem Sinn mutig in die Augen blickst.

Ich wünsche dir Glitzersternenstaub auf deinen Wimpern.

 


 Pflaster für die Seele

„Weil es einfach kompliziert ist, eine Beziehung zu führen!“ beantwortete mein Supervisor meine eigentlich nur rhetorisch gestellte Frage, weshalb Beziehungsgestaltung denn so schwierig sei. Ich hatte eine Praxiswoche voll dramatisch klingender Beziehungsthematiken hinter mir und verzweifelte am Verzweifeln meiner Klienten: Viele von denen, die in einer Beziehung sind, wünschten, sie wären es nicht und viele meiner Single-Klienten sehnen sich nach einer solchen. Internet-Dating und Co. sorgen heute zuverlässig für gebrochene Herzen und blaue Flecken auf der Seele – all die Möglichkeiten, seine tiefsten Sehnsüchte auf einen einzigen Menschen, auf ein Foto am Bildschirm und einige wenige getippte Worte, zu projizieren – und wie kalt das Erwachen aus dem romantischen Stilisieren des Flirtpartners zum ewig Erwarteten! Kein solches Bild hält dem Abgleich mit der Realität stand. Natürlich bricht diese Scheinwelt bald zusammen, und damit fühlt es sich für den enttäuschten Liebenden an, als ob er mit der Vorstellung von sich als Teil eines Paars seine ganze Zukunft verliert.

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Ist es tatsächlich kompliziert, eine Beziehung zu führen? Ist es wirklich so kompliziert, sich auf einen anderen Menschen so einzulassen, dass es nicht nur eine Frage der Zeit ist, wann Schiffbruch erlitten wird?

Während es in Zeiten der Single-Börsen immer einfacher ist, sich zu verabreden und eine Affäre einzugehen, scheint es beinahe unmöglich, mittels online Datings eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen zu können. Und die Menschen, die noch in einer Beziehung sind, sehen oft genug die Trennung als einfachste Lösung – scheint der nächste Partner doch nur einen Mausklick entfernt. Zu groß ist die Versuchung, einen Menschen als Katalogware zu betrachten, der, nach Kriterien wie Haarfarbe, Größe, Beruf und Einkommen selektiert, mit einem „like“ bestellt werden kann: Bei Nicht-Gefallen umtauschbar.

Häufig liegt dem kontinuierlichen Suchen und Leiden, all den großen und kleinen Enttäuschungen, die Vorstellung zugrunde, dass es „da draußen den einen Welchen“ gäbe, der mein Seelenverwandter, mein Traumprinz, mein Deckel zum Topf ist. Viele von uns unterliegen dem Irrglauben, dass es eine andere Person sei, die mich veranlassen würde, sie zu lieben.

Dass Liebe immer nur in mir entstehen kann, dass sie aus mir kommt, wird dabei übersehen. Unsere Liebe ist damit wie eine Leihgabe an einen anderen Menschen: Wenn dieser Mensch sie nicht gut behandelt, oder sie nicht (mehr) braucht oder will, kann ich sie zurückholen. Jederzeit. Denn meine Liebe gehört mir und niemand anderem.

Wenn wir glauben, dass es dieser eine Mensch sei, der diese großartigen Gefühle in uns verursacht, übertragen wir die Verantwortung für unsere Emotionen auf den anderen – und glauben, derart selbst entmündigt, den Kummer, den unsere enttäuschte Liebe bewirkt, nicht ertragen zu können. Nur dieser eine Mensch kann uns davon befreien, nur er kann uns erlösen!

Welch´ Trugschluss, der uns immer wieder leiden lässt.

Wenn wir verstehen, dass unsere Gefühle in uns sind und von einer anderen Person nur geweckt, nie verursacht werden, erleben wir Befreiung - und sind wieder in der Lage, die Verantwortung für unser emotionales Erleben zu übernehmen. Und können damit wieder für uns sorgen. Die Hilflosigkeit, die wir empfinden, wenn wir uns in unserer Liebe von einem Partner abhängig glauben, schwindet – wir spüren ganz deutlich, dass unsere Liebe (zu) uns gehört – sie kann damit auch nicht verschwinden, nicht unerfüllt (nur unerwidert) bleiben - sie kann, wenn sie nicht auf Resonanz stößt, in uns zurückkehren.

Ja, Gustavo Adolfo Bécquer, die Liebe kehrt in dein Herz zurück, wenn sie vergessen wird:


XXXVIII

¡Los suspiros son aire y van al aire!

¡Las lágrimas son agua y van al mar!

Dime, mujer, cuando el amor se olvida

¿sabes tú adónde va?

 


Vom Denken und Lieben: Ich negiere die Wahl

"Ich arbeite nicht gerne mit Patienten, die verliebt sind. [...] Vielleicht ist es die Tatsache, dass Liebe und Psychotherapie im Grunde unvereinbar sind. Ein guter Therapeut kämpft gegen die Dunkelheit und sucht Erleuchtung, während die romantische Liebe im Mysterium Nahrung findet und bei näherer Prüfung in sich zusammenfällt. Ich hasse es, der Henker dieser Liebe zu sein." 
(aus: Irvin D. Yalom: Die Liebe und ihr Henker, btb, S. 26)

Alle großen Denker erfüllen sich die Liebe nicht, heißt es. Denn wer glücklich liebt, verliert den Drang zu denken. Wer glücklich liebt, igelt sich in wohliger Zweisamkeit ein, zieht die weiche Decke der antizipierten Glückseligkeit über seinen Kopf. Und das Denken verebbt, nach und nach.

Glückstriefende Liebesgedichte will keiner auf Dauer lesen, nicht einmal der Autor selbst – wie kann es mit der Philosophie, wie kann es mit der Psychotherapie anders sein? Ist nicht jede philosophische Ausrichtung wie jeder therapeutische Ansatz Konsequenz der eigenen Biografie?

Einer meiner bevorzugten Philosophen, Sören Aabye Kierkegaard, entschied sich gegen die Möglichkeit der Verwirklichung einer glücklichen Liebe. Er stellte sich selbst vor die Wahl – eine Wahl, von der er wohl hoffte, dass sie ihn vom „ethischen“ zum „religiösen“ Menschen avancieren lassen würde.

 


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Eine Wahl, von der er ausging, dass sie durch das mit sich bringende lebenslange Leiden (und Kierkegaard würde bis zu seinem Tod unglücklich bleiben) sein Antrieb sein  würde, sein könnte, großartige philosophische Gebäude zu konstruieren. „Hätte ich wirklich geglaubt, hätte ich Regine geheiratet!“, würde er Jahre später seinem Tagebuch klagen.

Und doch: Hätte er geheiratet, hätte er dem Drängen des „Ästhetischen“, des Sinnlichen, nachgegeben – er hätte wohl kaum mehr Anlass gehabt, das menschliche Dasein (und damit Leiden) so zu hinterfragen.

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Biologen, der fest behauptete, der Sinn der Evolution sei das Weiterbestehen des Lebens.

Meint das nicht, dass wir mit dieser Annahme der Evolution einen teleologischen Aspekt, eine Zielgerichtetheit, unterstellen müssten?

Ich entscheide mich gegen diese Annahme. Ich kann nicht recht glauben, dass die Evolution eine sich außerhalb von uns befindliche Macht sei, die eigene Ziele verfolgte – und wenn es auch das Ziel unseres Fortbestehens sei.

Ich spreche nicht gerne von einem „Sinn“, weder des Lebens noch der Evolution. Ich halte es mit Viktor Frankl: Jeder Moment ist eine Aufforderung, ihm Sinn zu geben. Darüber hinaus denke ich: Und alles, was wir tun oder eben auch unterlassen, geht als Idee in eine von unserer irdischen Existenz losgelöste geistige Seinsebene ein. Eine Ebene, die beständiger ist als unser menschlicher Körper.

Ob wir einen Baum fällen oder wachsen lassen, ein Buch schreiben oder für uns alleine Geschichten erfinden, ob wir lügen oder ehrlich sind, glauben, lieben oder hoffen: Wir verwirklichen Ideen.

Und diese Ideen, dieser Geist, sind es, die lange nach uns weiterbestehen, die sich von uns als ihren Schöpfern loslösen – und in der Erde, in unseren Hirnen, in unseren Herzen ihre Spuren hinterlassen.

Denke, liebe, renne oder bleibe still – wenn du glaubst, wählen zu müssen, wähle. Oder: Negiere die Wahl.
Außerhalb von dir liegt die Erlösung nicht. Niemand wird dir, niemand kann dir die Verantwortung für dein Leben abnehmen. 

Heimweh nach anderswo (ein Gleichnis)

Dieses Mal bin ich auf der anderen Seite des Flusses gelaufen, dort, wo die Luft viel klarer ist und die Wege nicht von Müll überhäuft. Ich bin in die andere Richtung gerannt, nicht der aufgehenden Sonne entgegen wie sonst, sondern entgegengesetzt, fort von ihr.

Nun sitze ich am Ufer des dunklen Sees, in dem sich die Bäume mit ihrem nun schon dichten Blätterwerk spiegeln. Ich suche mir dicke, runde Steine, die ich ins Wasser werfe. Ich mag es, wie die sanften Wellen sie mit einem zufriedenen Schmatzer verschlucken.

Plötzlich tanzt ein Stein über die Wasseroberfläche, nicht von mir geworfen, er berührt einige Male anmutig das Wasser, neckt es, liebkost es, bevor er darin versinkt.

Bildquelle: eigene Aufnahme

„Du bist wieder da“, sage ich aufs Wasser hinaus. „Natürlich“, höre ich dich glucksen, „ich bin nie weg gewesen!“. Ich schaue weiter geradeaus, spüre deine Anwesenheit nur, erahne dich an meiner Seite. Du lehnst dein Köpfchen an meine Schulter, ich widerstehe dem Impuls, schützend einen Arm um dich zu legen, dir übers Haar zu streicheln. Da kneifst du mich in die Seite, wie so oft zuvor, und kicherst. „Sag schon, dass du mich vermisst hast!“ forderst du.

Ich überlege. Habe ich dich vermisst? Was hat mir ohne dich gefehlt?

Ich lasse mir Zeit, die Antwort in mir zu finden, starre auf die Wellen hinab, während du ungeduldig mit dem Fuß im Kies scharrst. All die blauen Flecke und Narben, die du mir hinterlassen hast, lösen Melancholie in mir aus. Schließlich hebe ich den Kopf, blinzle in die Sonne und sage: „Nein. Ich habe, irgendwann vor langer Zeit schon, aufgehört dich zu vermissen. Wenn du da bist, genieße ich die Zeit mit dir, dann lasse ich dich gehen, halte dich nicht fest. Zu oft bist du unter meinen Händen in tausend Scherben zersplittert. Ich erkenne dich nun als Idee – als zauberhaften Traum, der nicht verharren darf. Du bist mein Heimweh nach Anderswo, das ich nie stillen kann.“

Was glauben wir alles zu „müssen“, oft, ohne es zu merken? „Ich muss erfolgreich sein“, „Ich muss eine glückliche Beziehung führen“, „Ich muss besonders gut / schnell / schlau / nett / selbstlos / xy sein“, „Ich muss tolle / intelligente / zufriedene / xy Kinder haben“ und so vieles mehr. All diese selbstauferlegten Ansprüche, diese rigiden Glaubenssätze, haben ihren Ursprung doch darin, dass wir uns aus fremden Augen sehen, dass wir Erwartungen, von denen wir glaub(t)en, dass andere Menschen sie an uns richten, unbedingt erfüllen wollen.

Doch weshalb?

Wärst du der einzige Mensch auf dieser Welt – was wäre dir wirklich wichtig? Hör auf zu „müssen“ - beginne zu „sein“. Spiele mit deinen Wünschen, tanze mit deinen Ideen – und lass sie ziehen, hören sie auf, gut für dich zu sein.

Halte einen Moment inne. Schau dich um: Das ist dein Leben. Dieser Moment ist alles, was du hast, was du jemals haben wirst - er ist allumfassend. Was hindert dich daran, jetzt, in diesem Augenblick, nur für ihn, zufrieden, gar glücklich zu sein? 

Ich fixiere deine schimmernde Reflexion in der spiegelnden Wasseroberfläche, betrachte deinen Lichterschein, du löst dich in der funkelnden Sonne auf. „Vano fantasma de niebla y luz“, echot es durch meine Gedanken, „eitles Nebellichtgespinst“. Ich erkenne mein Spiegelbild dort, wo eben noch du zu erahnen gewesen bist.

Der Kies unter meinen Händen ist angenehm trocken und warm, meine Finger umschließen einen glatten flachen Stein, ich hebe ihn auf und werfe ihn auf den See hinaus.

Federleicht berührt er einige Male das Wasser, malt wunderschöne Kreise, bevor er still in die Tiefe gleitet, dem Grund zu.

 

 


Morgentraining mit dem Tod: der Spielverderber

Seit geraumer Zeit sehe ich beim morgendlichen Laufen einen anderen Jogger: Nachdem er zu einer festen Uhrzeit zu laufen scheint und meine Zeiten, je nach meinen Terminen, stark variieren, treffe ich ihn mal auf meinem Hinweg, mal auf dem Rückweg, manchmal einige Tage gar nicht.
Irgendwann haben wir begonnen, uns mit erhobener Hand zu grüßen und uns zuzulächeln – was heute nicht mehr allzu häufig unter den Sportlern der Fall ist. Viele drehen in exklusiver Sportklamotte mit verbissenem Gesichtsausdruck ihre Runden, versuchen, ihrem Hobby Leistungssportcharakter zu verleihen, die Kopfhörer schirmen sie von der Außenwelt ab.


Hugo, nennen wir den anderen Morgen-Jogger auf meiner Runde so, ist anders: Seit jeher trägt er zum Laufen ein graues dickes Sweatshirt, das er in eine schwarze Jogginghose gesteckt hat, die er bis weit über die Taille hochgezogen hat. Seine dichtes schlohweißes Haar ist nie nassgeschwitzt, immer trabt er mir in konstanter Geschwindigkeit entgegen und lächelt zurück.

Nach längerer krankheitsbedingter Laufabstinenz bemühe ich mich, die verlorene Trainingszeit wieder reinzuholen. Ich ärgere mich darüber, dass ich immer noch ca. 25 Sekunden langsamer pro Kilometer bin als vor meiner Trainingspause – auf Empfehlung eines Freundes habe ich mir nun sogar eine Sportuhr besorgt, auf die ich ab und zu während des Laufs schaue, um meine Durchschnittsgeschwindigkeit auszumachen. Genau während des ersten Laufs mit der Uhr hat das Laufen aufgehört, mir Spaß zu machen.

Nichtsdestotrotz quäle ich mich mehrmals die Woche im Morgengrauen auf die Strecke. Warum? Ich habe mich nicht hinterfragt.


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Heute bin ich viel später als üblich gestartet, Hugo ist früher dran als sonst: Wir begegnen uns an einer unüblichen Stelle, er auf dem Rück-, ich auf dem Hinweg. Wir heben die Hand, grinsen uns zu, dann verlässt er den Weg und läuft die Böschung hinunter. Ich bin perplex – da unten gibt es keinen Weg, da ist nur der Fluss.


„Hey!“, rufe ich ihm im Weiterlaufen nach, „Gehst du da unten schwimmen?“


Er lacht und bleibt stehen. „Oh nein“, denke ich, „du Spielverderber, lauf weiter, lauf doch weiter, nicht stehen bleiben, ich muss doch auch weiter, ich kann nicht stehen bleiben, das versaut meinen Schnitt!“, und er sagt irgendetwas, zumindest sehe ich seine Lippen, die sich bewegen und seine gestikulierenden Hände. Ich höre nichts, weil mein „Military Drill“ mir über meine Ohrstöpsel weiter den Takt anzeigt. Also hebe ich nochmals die Hand, grinse, will weiterlaufen, da sagt er nochmals was. Ich höre kein einziges Wort. Etwas genervt bleibe ich stehen, laufe auf der Stelle weiter, nehme meine Kopfhörer ab und bitte ihn, sich zu wiederholen.
„Erst nächste Woche gehe ich schwimmen.“ ruft er mir zu, „Vielleicht hast du Glück und das Eis ist dann schon weggetaut“, albere ich zurück und höre endlich auf, dümmlich auf der Stelle zu joggen.
„Nee, im Ernst“, setzt er fort: „Ich laufe nur hier kurz runter und 10 Meter später wieder hoch, ich mache halt nur so Quatsch.“

Ich verstehe. Ich verstehe wirklich, ich verstehe endlich, worum es geht in diesem Leben. Es geht nicht, nie darum, das Leben mit einer zielgerichteten Finalität, einem „um... zu“ als Herausforderung zu betrachten, das meine Härte, mein Durchhaltevermögen testen will. Es geht darum, in dem, was ein jeder von uns macht, Erfüllung zu finden, ohne weitere Finalität als das Auskosten eines jeden Moments. Und in diesem Moment muss ich nicht leiden, ich muss mich nicht quälen, ich kann einfach vergnügt vor mich hintraben, den Dampfwölkchen meines Atems in der klirrenden Morgenluft zusehen, mich an dem Orangerot der aufgehenden Sonne erfreuen, kann dem Tod zusehen, wie er Abhänge hinuntertollt und wieder herauf, wie er meinen Weg kreuzt, gutmütig, unbesorgt, in seiner eigenen heiteren Gelassenheit. Und irgendwann, irgendwann, laufen wir zusammen los und kommen zusammen an, dort, wo wir selbst unser Ziel definieren.


Sterntaler: Lass los, hör auf dein Glück zu jagen (mein logotherapeutisches Verständnis)

Wer sich in den ersten Januar-Wochen noch nicht gesehen hat, wünscht sich immer noch viel Glück im neuen Jahr. Manchmal frage ich dann, was denn Glück bedeuten mag.

Ist es das für immer unerreichbare Glück des Señor Rossi unserer Kindheit, bei dem nach jedem Kuchenstück, dem Auto, der Reise immer noch eine andere Verlockung die erzielte Zufriedenheit verhindert?

Den Menschen in meiner Umgebung ist es meistens ziemlich klar, welches Stück zum Glück ihnen zu fehlen scheint: manchmal ist es der Traumjob, oft das Unabhängigkeit versprechende Geld, fast immer die große Liebe.

„Wenn ich sie / ihn / es nur endlich finden / erreichen würde, wäre alles gut“ ist der hoffnungsvolle Leitsatz der ewig Suchenden und Leidenden.

Wehe dem, der dieses Ideal vom Glück in unzähligen tragikomischen absurden Versuchen tatsächlich nicht nur jagen, sondern auch erlegen kann - nur, um dann festzustellen, dass weder der Job, noch das Geld und schon lange nicht dieser eine Mensch meine Erlösung bedeuten.

Und doch krallen wir uns an dem fest, was einst unsere Rettung versprach, was heute zumindest noch Sicherheit gibt. Mit beiden Händen klammern wir uns an die Illusion, wohl ahnend, dass wir mit unserer Sturheit unser Elend verfestigen: Statt unser Problem zu lösen, werden unsere Lösungsstrategien selbst zum Problem.

Das einzige, was noch zu tun bleibt, wäre loszulassen.

Loslassen, um endlich die Hände wieder frei zu bekommen, um Neues empfangen zu können.

Doch wie geht das, wie geht Loslassen? Je verzweifelter ich etwas loslassen will, umso mehr halte ich mich daran fest.

Doch irgendwann, irgendwie in diesem Stolpern durch dein Leben, gerade, als du wieder auf einer Eisscholle ausgerutscht bist, du zu stürzen drohtest, vielleicht bist du schon gefallen, da rappelst du dich auf, hebst die Augen, starrst dem Himmel entgegen und schleuderst ihm ein schicksalstrotzendes „Gut, dann ist es nun mal so – auf mich wartet kein großes Glück, das Glück ist für die anderen gemacht. Was soll´s – ich gehe einfach weiter.“

In diesem positiven Aufgeben, dieser sinnerfüllten Resignation hast du verstanden, dass nicht die ich-bezogene Jagd nach dem Glück dein Leben bedeutungsvoll macht. Du bist eben nicht der Nabel der Welt, das Leben hat besseres zu tun, als gerade dich reich zu beschenken.

Du selbst musst deinem Leben Bedeutung geben, dir bleibt nichts übrig, als in der Einsicht, dass es kein Glück von außen gibt, dich der Aufgabe zu stellen, dein Leben dennoch mit Sinn zu erfüllen.


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Schau dich um – worin liegt deine Aufgabe verborgen? Wie würdest du leben, was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass nirgendwo dein Glück, worin auch immer du es vermuten magst, noch auf dich wartet?

Würdest du nicht innehalten, würdest du dich nicht bemühen, in diesem einen Moment für dich zufrieden zu sein? Würdest du dein Augenmerk nicht darauf richten, was du der Welt, dem Leben noch Gutes zu tun vermagst?

Auch aus meiner Arbeit mit traumatisierten Menschen weiß ich, dass wir nicht nur an Menschen zugrunde gehen – wir finden auch in Menschen Rettung.

Wenn im Alltag ein Ärgernis reicht, um zwanzig angenehme Erlebnissen zu überlagern, ist es bei lang andauernden Traumata umgekehrt: Eine einzige Begegnung mit einem uns wohl gesonnenen Menschen, der uns mit echter Menschlichkeit gegenüber tritt, kann reichen, um jahrelanges Leiden zu kontrastieren. Das, was gut für uns ist, ist allein durch uns bedingt. Manchmal trägt allein ein Blick, eine Umarmung, ein Lächeln, ein Wort, eine Melodie zu unserer Erlösung bei.

Was ist es, was du der Welt geben kannst? Was ist es, was du ihr schon gegeben hast? Du kannst niemals wissen, welcher deiner Sätze diese eine Person in ihrer Not als Mantra erreicht, du kannst nie wissen, welche deiner Noten, die die singst und spielst, für diesen einen Menschen zum Klang wird, der ihn hält, der ihn befreit.

Hör auf, dein eigenes Glück zu jagen – lass all dein sinnloses egozentrisches Streben los. Schau nach oben. Wer weiß, wie viele Sterne, wie viele bedeutungsvolle Augenblicke dir gerade eben in deine offenen, freien Hände vom Himmel fallen.

 


Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: Gibt´s schon eine APP für Glück?

„Links oder rechts?“ fragt mich ein Freund bei einem abendlichen Treffen in meinem Stammlokal und hält mir sein Handy unter die Nase. Auf einem Foto blickt mir eine recht adrette Frau mit einem angestrengt wirkenden Lächeln entgegen, während sie sich vor irgendeiner Sehenswürdigkeit in Pose wirft.

Ich bin verwirrt. „Also links ist erst mal immer besser als rechts“, entgegne ich, nehme das Handy, das er mir entgegenstreckt und wische das Bild aus Versehen nach oben. „Jetzt hast du ihr ein Super Like gegeben!“ ruft er etwas entsetzt aus. „Oh“, sage ich, „und das ist nicht gut?“

Willkommen in der neuen Dating-Welt, willkommen auf dem Single-Markt, willkommen im Ausverkauf der Katalogware Mensch.

„Wie lange machst du das denn schon?“ will ich aus echter Neugierde heraus wissen. „Och, ewig – mit den Unterbrechungen für Beziehungsversuche seit vielen Jahren. Da haste ja immer Nachschub, da lässt du dich nicht leicht auf was Festes ein. Was bleibt, ist die Suche nach dem Glück.“ antwortet er.

Wie kann es sein, dass in unserer heutigen Zeit, in der Dating und damit Kennenlernen leichter als je zuvor ist, es umso schwerer scheint, eine echte Beziehung einzugehen? Eine Beziehung, die nicht sofort aufgegeben wird, wenn die beiden Neuverliebten feststellen, dass es eine Herausforderung werden könnte (noch lange keine wirklich IST), die unterschiedlichen Essens-, Sport-, Reise- oder Filmvorlieben unter einen Hut zu bringen?

Wenn morgen ein 3D-Drucker unsere Wunschpartner fabrizieren kann – wie lange wären wir dann zufrieden?

„Eine finde ich ja ganz toll, mit der schreibe ich seit Wochen“, setzt mein Freund fort, „aber ich will sie nicht treffen, denn dann werde ich enttäuscht sein.“

Ich verstehe, was er meint – für Menschen, die verliebt in das Gefühl des Verliebtseins sind, kann die Wirklichkeit selten an die Vorstellung heranreichen: Meinem Freund ist klar, dass er, sollte er die „Ausgewählte“ wirklich treffen, Gefahr läuft, seine (tatsächlich realen) Gefühle für sie zu verlieren. Sie wird anders aussehen, als er glaubt (auch, wenn er selbstverständlich Bilder gesehen hat), sie wird anders sprechen (auch, wenn sie sich schon Sprachnachrichten schickten), sie wird anders lachen, als er sie sich gezeichnet hat, oder vielleicht können sie sich schlichtweg nicht riechen.

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Eines meiner Lieblingsgedichte ist von Gustavo Adolfo Bécquer, Rima XI – er beschreibt in der letzten Strophe wunderbar die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: „Ich bin Traum, bin nicht vorhanden, bin ein nichtiges Gespinst aus Nebel und Licht, ich bin ätherisch, bin unberührbar. Ich kann dich nicht lieben.“

„Oh, komm´, komm´ du“, lässt Bécquer seinen Helden ausrufen, der die Liebe, die er wirklich erleben könnte, zuvor ablehnt.

Geht es um das? Um das reine traumverhangene Gedankenspiel, das zu echten Emotionen wird? Und um diese Emotionen zu halten, die dem echten Leben nicht mehr standhalten können, muss eben jenes gemieden werden? „Leben in der Matrix“, nannten wir früher als Studenten die bewusste Wahl der Täuschung. Macht es einen Unterschied, ob deine Gefühle sich auf ein wirkliches Gegenüber oder auf deine Vorstellung beziehen?

„Wenn es nicht um Verliebtsein, sondern um Glück ginge (für mich ein genauso definitionsbedürftiger Begriff wie Liebe)“, frage ich meinen Begleiter, „wäre es für dich dann auch eine Frage, ob du es real erleben oder in der Vorstellung bleiben wolltest?“

Ich meine die Frage ganz ernst und nicht nur rhetorisch – denn für viele verspricht tatsächlich nur ein Traum Glück, wenn er erreicht ist, ist´s um das Glück geschehen...

„Nein“, sagt er, „aber Glück ist ja auch irgendwie nicht so erlebbar wie Liebe, finde ich“ entgegnet er.

„Vielleicht, weil du eben schon bei der Liebe diese Abstriche in der Virtualität machst? Und es für Glück noch keine APP gibt?“ füge ich nur noch, zwinkernd, hinzu.

„Oh“, grinst er plötzlich, „ich habe ein Match – die von eben hat mich auch geliket!“

Ich seufze, lasse ihn mit seinem Handy kommunizieren und flüchte mich in meine Traumwelten der spanischen Poesie.

 

Rima XI

 

Yo soy ardiente, yo soy morena,
yo soy el símbolo de la pasión,
de ansia de goces mi alma está llena.
¿A mí me buscas?
—No es a ti, no.

 

Mi frente es pálida, mis trenzas de oro:
puedo brindarte dichas sin fin,
yo de ternuras guardo un tesoro.
¿A mí me llamas?
—No, no es a ti.

 

Yo soy un sueño, un imposible,
vano fantasma de niebla y luz;
soy incorpórea, soy intangible:
no puedo amarte.
—¡Oh ven, ven tú!

 

Standardübersetzung ist von Christiane Busl

 

Ich bin feurig, mein Haar ist schwarz, voll Glanz, Symbol der Leidenschaft bin ich, Verlangen nach Lust erfüllt mich ganz. Bin ich's, die du suchst?

- Nein, nein, dich nicht!

 

Mein Haar: goldne Flechten, meine Stirne: bleich. Glückseligkeit grenzenlos biete ich dir. An Zärtlichkeit bin ich unendlich reich. Bin ich's, die du rufst?

Nein, nein, nicht dich!

 

Ich bin Traum, bin nichtiger Phantasie Gebilde aus Licht und Nebeldunst. Körperlos bin ich und greifbar nie. Ich kann dich nicht lieben.

- O komm; komm, du!

 

 

 


Die Schwanenprinzessin

Als ich ein Kind war, ging mein Großvater oft mit mir an den Chiemsee: In meinen Augen war er als Leiter der Wasserwacht der größte Held der Welt. Wenn er nachts ausrücken musste, weil sich trotz der Sturmwarnung ein unbedarfter Tourist aufs Wasser wagte und dann den schützenden Hafen nicht mehr erreichte, sah ich ihn in meiner Vorstellung den Havarierten, wie der heilige Christophorus das Jesuskind, aus den Fluten tragen.

Ich liebte es, mir Geschichten auszudenken, die ich ihm dann erzählte, wenn wir zusammen auf der Hollywoodschaukel saßen und ich seinen Pfeifenrauchkringeln nachblickte. Andächtig hörte er zu, um ab und zu andächtig seinen Kopf zu wiegen und sein „mhm“ zu brummeln und mich ziemlich grob am Ohr zu ziehen. Ich hielt den Schmerz aus, den er mir damit verursachte, und blinzelte die Tränen weg, denn ich spürte, dass dies sein allergrößter Liebesbeweis war – und auch die einzige „Zärtlichkeit“, zu der er fähig war. Wie so viele andere dieser Generation war auch mein Opa lange in Kriegsgefangenschaft und hatte jede Zärtlichkeit verlernt.

Ich begann, an meine eigenen Kreationen, die oft von fabelhaften Seewesen oder auch realen Wassertieren handelten, zu glauben und hinterfragte meine eigene phantastische Welt, die mein Kleinmädchenherz erfüllte, nicht mehr: Für mich waren Schwäne verzauberte Prinzen, und die kleinen, braunen Enten Prinzessinnen. In dieser Welt waren wir alle dazu bestimmt, unsere wahre Liebe zu finden, und so unser Schicksal zu erfüllen: Liebe war der Sinn.

Wenn ich eine Ente am Ufer des Chiemsees watscheln sah, kniete ich mich zu ihr, lockte sie zu mir, um ihr sanft mit einem Finger übers Gefieder zu streicheln und erzählte ihr von ihrem Bräutigam, der just in diesem Moment über die Wellen des Sees jagte, um bei ihr zu sein.

Ich weiß nicht mehr, wann ich aufhörte, an die romantische Illusion zu glauben, in der Prinzen Prinzessinnen retten und Liebe alles bedeutet. Irgendwann auf dem Weg des Erwachsenwerdens holte mich die Realität ein, und verzauberte Prinzen wurden wieder zu dem was sie sind: kitschige Figuren aus Märchen für Kinder á la Froschkönig und Liebe wurde zu einem Cocktail aus Hormonen und Neurotransmittern.

Den Glauben allerdings, dass Enten die Frauen von Schwänen sind, bewahrte ich mir bis vor wenigen Jahren. Wie groß war mein Erstaunen und auch die Belustigung meiner Freunde, als durch ein Zufall mein lebenslanger Irrtum ans Licht kam: Schwäne heiraten Schwäninnen und keine Enten, denn die haben Enteriche als Partner. Als mich mit einem derart banalen naturwissenschaftlichen Randdetail des Lebens die raue Wirklichkeit einholte, war es, als ob für mich ein Stück meiner Kindheit stirbt. Gerne wäre ich weiter ignorant durchs Leben gegangen, zumindest, was diese Information angeht...

Heute blicke ich um mich und sehe Menschen mit Fakten, Zahlen und Wissensbausteinen jonglieren. Ich sehe sie an und versuche das Kind hinter der Maske der ratio zu erkennen: das Kind, das mit leuchtenden Augen einer grandiosen Zukunft entgegen stürmt, dessen Herz erfüllt ist von den Kostbarkeiten des Lebens, das nie auf die Idee kommt, seinen unerschütterlichen Glauben an die Macht der Liebe in Frage zu stellen.

 

Ich frage mich, in welcher Welt wir leben könnten, wenn nicht so viele von uns vor dem Verstand in die Knie gegangen wären, wenn wir es uns erlauben würden, an das Gute zu glauben: daran, dass wir uns zur Seite stehen können, uns gegenseitig retten können, wie der Schwan seine Prinzessin, statt uns zu bedrohen und uns gegenseitig um das Kostbarste, was ein jeder besitzt, zu bringen, oft ungewollt, unbeabsichtigt: die Lebendigkeit in seiner Seele.

Und, ja: Manchmal wünscht man sich, etwas nicht zu wissen, um weiter glauben zu können.

 


 Tautropfen auf der Seele

Ist wirklich schon jene Jahreszeit angebrochen, die jeden dazu einlädt innezuhalten, um das bislang Geschehene Revue passieren zu lassen?

Gerade eben noch lagen wir am Strand und suchten im Wasser Kühlung – und nun, wenn wir, die Jacken noch locker um die Hüften geschlungen, abends im Biergarten sitzen, sind wir uns einig, dass jeder verbleibende Sommertag der letzte sein könnte. Wir teilen uns die Nostalgie gerecht, jeder bekommt seinen Teil davon ab. Was fängst du damit an?

Schon färben sich die Blätter bunt, und beim Morgenspaziergang im Wald funkeln Tautropfen auf Spinnweben: Der Altweibersommer ist hier – früher, viel früher als uns lieb ist. Nun sehnt sich selbst der abenteuerlustigste Wanderer verstohlen danach, sesshaft zu werden, für einige Atemzüge nur.

„Halte einen Augenblick nur inne, bleibe stehen, wirf einen Blick zurück“ raunen mir die Wipfel der Nadelbäume zu: „Was der Sommer dir brachte, heimlich, in der Leichtigkeit des Augenblicks unbemerkt, wird nun sichtbar – es ist an der Zeit, dich zu fragen, was du davon behalten willst.“

Mein Blick schweift über aufsteigenden wolkenwattegleichen Dunst – Rilke lockt mit sirenengleichen Versen:

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los. 

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein. 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 

(Rainer Maria Rilke, 21.9.1902, Paris)

Viele wissen, was sie nicht wollen – doch das ist nicht genug: Der Bauchladen der Gefühle ist groß. Das Aussortieren fällt schwer. Und mit die schwerste Aufgabe scheint zu sein, das nicht für sich zu beanspruchen, was du nicht willst. Nimm dir die Zeit: Betrachte die Spinnweben des Sommers, an denen sich Tau verfängt – er macht sie sichtbar, er fordert dich auf, nur das zu behalten, für das du einstehst, für das du kämpfen willst. Lass all das los, was du gesammelt hast, nur, um es zu besitzen. Schau dich um: Wessen Hand willst du halten, wenn der Nebel über die Wiesen zieht? Was willst du in den Taschen tragen, wenn du alles Gepäck abgegeben hast? Welche Silhouette soll der Baum deines Lebens werfen, wenn er alle Blätter abgeschüttelt hat?

Tautropfen liebkosen deine Seele – sachte, sanft erinnern sie dich, dass die Zeit des Überflusses, des unbemerkten Überdrusses sich dem Ende zu neigt. Befreie dich von überflüssigem Ballast, halte bei dir, was dich dein Selbst erkennen lässt. 


Die Jagd nach dem Glück

We are all broken! lese ich als Titelüberschrift von Scientific American – manchmal heitere ich meinen Morgen mit einem Blick in das populärwissenschaftliche Online Journal auf. Der Artikel beschreibt in wenigen Worten, dass es vielen Menschen schwer fällt, über psychische Störungen zu sprechen, um dann, wenig elegant und eher bemüht, Anstecker anzupreisen: Diese Pins zeigen comichaft Tiere mit einer eingebunden Tatze, einem gebrochenen Bein etc. Ich habe nicht ganz verstanden, wo die Parallele zu seelischen Verletzungen, auf die sich der Artikel beziehen will, versteckt sein mag – noch weniger verstehe ich, weshalb ich mir Schmerzen und Krankheit wie eine Brosche ans Revers heften soll.

Ja, wir alle haben den einen oder anderen Kinnhaken einstecken müssen, der Unsinn des Lebens hat uns manchen Knüppel zwischen die Beine geworfen, unsere Herzen sind nicht nicht nur einmal an Sollbruchstellen zersplittert. So ist das Leben: Es hinterlässt Spuren . Niemand hat uns ewiges Glück versprochen, bei niemandem können wir es einfordern.

Irgendwann ist es Zeit loszulassen, irgendwann sind alle Worte gesagt: Ich will mir meine Vergangenheit nicht unters Kopfkissen legen. Heilen findet in der Gegenwart statt.

Doch wie können wir aufhören, Vergangenem hinterher zu trauern?

Was ist das Gegenteil von Trauer? Ist es Glück?

Oft unterliegen wir der Illusion, einen ewig währenden Glückszustand erreichen zu können – fast schon zwanghaft jagen wir das Glück. Wir leben im Zeitalter des proklamierten Glücks. Das letzte Jahrzehnt galt der Glücksforschung: Jeder Neurowissenschaftler, der etwas auf sich hielt, entdeckte sein Faible fürs Glück, und jeder, der lesen konnte, zitierte begeistert aus den Studien zur Glücksforschung: Dauerhaft sind wir nicht fürs Glück gemacht, hieß es, als unser „Glückszentrum“ entdeckt wurde: Leider, leider reagieren unsere Nucleuses Accumbens dann, wenn etwas „besser als erwartet“ ist.

Erfahrungsgemäß ist das nicht oft, und wenn, dann nicht für lange.

Als ich noch im Studium war, wussten wir viel über unsere negativ konnotierten Gefühle, wenig bis nichts über die Freude. Dabei ist diese unter den fünf Primäremotionen die einzige, die wir wirklich fühlen wollen. Die anderen sind uns eher eine Last.

Doch: Überlebensnotwendig scheint Freude nicht zu sein.

Ist es nicht viel wichtiger für das Fortbestehen unseres Organismus, Angst, Ekel und vielleicht auch Wut zu spüren? Auch die Wichtigkeit von Trauer, die noch fehlende Primäremotion, kann ich mir erklären: Sie beeinflusst unser Verhalten insofern, dass sie uns lähmt – und verhindert übereilte Handlungen.


Als ich ein Kind war (ich wuchs in einem kleinen Dorf auf), kam einmal im Jahr ein Volksfest in unseren Ort: Aus heutiger Sicht hatte es kaum Attraktionen zu bieten – doch damals waren Losbude und Kettenkarussell mehr als genug. 
Ob die Zeiten besser waren, weiß ich nicht – doch vieles schien klarer: Alles, ein jeder hatte seinen Platz. (Natürlich vereinfache ich hier, natürlich polemisiere ich.)

Die Geschlechterrollen waren noch wohl definiert der Berufsweg schien stringent, und freitags gab´s kein Fleisch zu essen. Der Junge lud sein Mädchen zum Karussellfahren ein, das Mädchen dankte es ihm, indem es sich, übermütig kreischend, in der Luft in seinen Armen in Sicherheit wiegte. Das Jahr lebte sich friedlich und zufrieden – und alle zwölf Monate kam uns das Glück als Volksfest besuchen.
Dann schlich sich der Wandel in die Welt: Nicht nur der Arbeitsmarkt brach zusammen, auch unser Rollenverständnis änderte sich. Was klar umschrieben war, verlor Kontur.
Jede normale Frau hatte (zusätzlich) nicht nur Karriere zu machen und Fallschirm zu springen, sie hatte es durchsetzungsstark und furchtlos zu tun. Jeder normale Mann hatte (zusätzlich) nicht nur Windeln zu wechseln und gut zu kochen zu können – er hatte es gerne und hingebungsvoll zu tun. Auf zum ewigen Glück, schrieben wir uns alle auf die Fahnen – wenn du nicht glücklich bist, ist es dein eigenes versagen – strenge dich mehr an, dann bekommst du es zu fassen!

Und nun? Nun haben wir das Streben nach Glückseligkeit so verinnerlicht, dass wir vergessen haben, dass Glück auch Freude meint. Und Freude, als Primärgefühl, ist ein Ausnahmezustand. Bei Angst, Wut, Ekel, Trauer ist uns das intuitiv klar – doch Freude, Glück wollen wir dauerhaft behalten.

Weshalb dramatisieren wir Gefühle, weshalb machen wir uns abhängig von dieser einen Person, diesem einen Ding, diesem einen Erfolg, von all dem, was uns vermeintlich glücklich macht?

 

Vielleicht geht es zunächst darum, innerlich zu heilen, unsere Dämonen hinter uns zu lassen. Statt hartnäckig und blind immer weiter zu versuchen, unsere Alben auf der Jagd nach Glück für einige Momente abzuhängen, sehen wir sie an, lachen wir ihnen ins Gesicht: Sie sind alt, sie sind vergangen, sie sind fragile Hirngespinste.

So finden wir Ruhe.


Viele meiner Kollegen werden bestätigen, dass sich spezifische Themen zeitlich häufen – verschiedene Klienten präsentieren zur gleichen Zeit ähnliche Herausforderungen zur Bearbeitung in der Therapie. Dies ist die Zeit der Beziehungsthemen. Und während ich hier die laue Abendwärme und den Pinien-Duft der lykischen Küste tief in mich aufnehme, ist mein Gemüt noch in heller Aufruhr, mein Herz schlägt schnell, und meine Gedanken drehen sich trübe im Kreis: Wird diese oder jene therapeutische Intervention schon zum Erfolg führen oder wird es weiterer Arbeit bedürfen? Liebe lässt uns am heftigsten leiden... Sind die wenigen Momente der Glückseligkeit den schweren Kummer wert? Wessen Leidenschaften lassen sich wie kanalisieren, so dass Leiden überflüssig wird? Wem hätte ich vielleicht mit einem Verweis auf Epiktet noch ein wenig Linderung verschaffen können?

Ich atme tief aus und lausche dem Rauschen der Wellen – großzügig gibt uns die See eine Melodie vor, die wir beliebig mit Bedeutung hinterlegen können: Das Meer kann ein Wort flüstern, einen Schwur hauchen, einen Namen rufen

(„Vine a llamarte a los acantilados y sólo el mar me respondió desde su leche instantánea y voraz de sus espumas...“: Lied Marino de Javier Mutis)
– in diesem Moment höre ich ein Lied, das ich längst vergessen glaubte: Signor Rossi sucht das Glück.

Wir alle wollen, hoffen, glauben zu brauchen... so viel, so oft, so beständig... Kontinuierlich wollen wir etwas, wollen wir jemanden: Dieses eine Wort, diesen einen Blick, diese eine Berührung, disen einen Menschen, diesen einen Augenblick... Niemals kann dieses Streben dauerhaft besänftigt werden, nur kurz hält es im Moment seiner Erfüllung inne, um dann umso lauter, wilder erneut an die Ufer unseres Bewusstseins zu donnern. Und ich – ich sehne mich nach epiktetischer Gelassenheit.

Mein Blick berührt den Ozean, er schaut zurück. Dort, wo der Mond sich im Meer spiegelt, funkelt es wie tausend Diamanten: Yakamoz. Genau dies meint dieses wunderbare türkische Wort: Die Reflektion des Mond- oder Sonnenscheins in einer Wasseroberfläche. Yakamoz lädt zum Träumen ein – Yakamoz ist eine Einladung zur Beschwichtigung des Aufruhrs der Seele.

„Sein, nur sein“ raunen die sanften Wellen, während Yakamoz auf ihnen tanzt.

Ich spüre eine tiefe Sehnsucht: Die Sehnsucht nur danach, einfach nur zu sein. Unbewertet, selbst wertfrei. Nur sein. Voll und ganz im Bewusstsein der Vergänglichkeit, so dass neue Ideen entstehen können, sich endlich trauen können aus alten zu evolvieren, um ihren Platz zu finden in kosmologischer Zeitlosigkeit. Denn Zeit ist nur der Rahmen, in dem wir aufhalten, und wenn auch wir ihn nicht verlassen können: Unsere Ideen tun dies permanent. Jeder Gedanke wird als Idee zeitlos, wird Teil des Erbes der Menschheit.

Doch für diesen Moment gilt: Sei. Sei einfach. Sei. 


Tu´ Gutes dann, wenn´s keiner sieht

Als ich vor einigen Jahren in der Mongolei unterwegs war, bereitete ich mich als vorausschauende Deutsche mit den üblichen Brocken der Fremdsprache auf zwischenmenschliche Begegnungen vor: Ich lernte also Standardworte wie „Bitte“ und „Danke“. Freudig setzte ich diese Vokabeln ein, wann immer es ging. Natürlich wunderte ich mich, weshalb ich meist nur verblüffte Blicke erntete. Am Ende meiner Reise traf ich endlich eine einheimische Studentin in der Hauptstadt, mit der ich mich auf Englisch austauschen konnte – ich fragte sie, ob meine mongolische Aussprache denn so schlecht sei, dass mich niemand verstünde, wenn ich mich bedankte. „Nein“, klärte sie mich auf, „es liegt daran: Wir bedanken uns nicht – denn wenn jemand etwas gibt, tut er das nicht nur wegen des anderen Menschen – er tut es vor allem wegen sich selbst.“

Mir ging ein Licht auf: Der Gebende hat den Akt des Gebens also mindestens so nötig, wie der Empfangende die Gabe nötig hat...

Aber bedeutet das dann nicht, dass eine wirklich gute Tat niemals möglich ist? Wenn alles, was wir an Gutem tun, schlussendlich nur unserem eigenen Seelenheil dient? Dass wir niemals mit guten Taten sühnen können, was wir aus Eigennutz verbrochen haben, dass wir niemals wegen unseres Handelns auf einen Platz im Himmel (gleich, wie der aussehen mag...) hoffen können?
Auf der anderen Seite: Wenn gute Taten unmöglich sind - heißt das dann nicht auch, dass eine böse Tat genauso unmöglich ist? Dass alles, was wir tun, wir uns doch immer nur selbst antun? Und wir immer wieder nur auf unser eigenes Gewissen als letzte als richtende Instanz, zurückgreifen können? Welch´ Verlassenheitsgefühl – und welch´ Freiheit liegt gleichermaßen in diesem Gedanken!

Philosophische Fragestellungen sind nicht realiter zu beantworten – wir alle sind aufgefordert, für uns selbst Stellung dazu zu beziehen. Wir müssen uns entscheiden zu glauben – selbst, wenn wir Glauben ablehnen ist es damit ein Glaube. Und genau das fällt doch vielen von uns so schwer: Wir fordern Beweise ein, wir sind an empirische Überprüfbarkeit gewöhnt – so sehr, dass wir uns manchmal täuschen lassen und den Blick dafür verlieren, dass in unseren geistigen Welt, der Welt der Ideen, es eben keine Verifizierung oder Falsifizierung geben kann.

Können wir unserem Ego, das in guten Taten Anerkennung durch andere sucht, ein Schnippchen schlagen? Was kann ich tun, um „wirklich“, nicht eigennützig, gut zu sein?

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Dem ersten Problem begegne ich mit einer einfachen Strategie: Seit meinem Ritt durch die mongolische Steppe habe ich es mir angewöhnt, wann immer möglich, im Verborgenen ein gutes Werk zu verrichten. Gut zu sein, ohne dass es jemand bezeugt, helfen, ohne ein „Danke“ zu erwarten.

Und doch hoffe ich insgeheim, damit Gutes zu bewirken – ich hoffe, dass mein Glaube an die Möglichkeit des Menschen, gut zu sein, als Idee über dieses Leben hinaus wirkt. Und damit begegne ich dem zweiten Problem: Denn selbst wenn meine Taten eigennützig sind, weil ich das Geben genauso nötig habe wie der Empfangende die Gabe – weil ich Teil der Menschheit bin und nicht außerhalb von ihr stehe, tue ich damit alles, was ich für mich tue, auch für meine Mitmenschen. Pars pro toto. Vielleicht hört die Handlung aus dieser Perspektive auf, „gut“ zu sein, vielleicht weist sie nun eher ausgleichenden, ausbalancierenden Charakter auf – wenn man an eine harmonisierende Kraft glauben kann, die über den einzelnen Moment hinaus wirkt. Ich tue  mich mit Nichtbeweisbarem stets schwer, und doch: Ich halte es mit meinen guten Taten wie Niels Bohr mit seinem Hufeisen.

Der Physiker Wolfgang Pauli besuchte einmal Niels Bohr - ebenfalls Physiker und Nobelpreisträger. Pauli sah, dass Bohr ein Hufeisen über der Tür hängen hatte. „Professor!", sagte er. „Sie? Ein Hufeisen? Glauben Sie denn daran?" Niels Bohr soll geantwortet haben: „Natürlich nicht. Aber wissen Sie, Herr Pauli, es soll einem auch helfen, wenn man nicht daran glaubt."

Und wer weiß das schon: Vielleicht bewirkt unser „Gutsein“ doch, dass die imaginären Seelen im Himmel ein wenig zusammenrücken, um für uns mal Platz zu machen. Doch selbst, wenn nicht: Immerhin tragen wir dazu bei, das Leben auf Erden für uns alle ein wenig angenehmer zu machen.

 


Aikido wäre so einfach – gäbe es die anderen Menschen nicht. Oder: Wie man sich selbst ein Bein stellt

Neulich ist mir ein schwerer Fauxpas unterlaufen: Ich habe mich glatt erdreistet, auf einem Nachrichtenportal auf Facebook einen Rechtschreibfehler im Titel zu korrigieren. Ich reagiere allergisch, wenn ich „was für´s Herz“ lesen muss. Das erinnert mich an all die „Inge´s Frisörsalon“ und „Matze´s Kneipe“ der 1980er Jahre – die falsch gesetzten Apostrophe hatten mithin die ganze Dekade meiner Jugend Zeit, mich zu zermürben. 

Also fasste ich mir mein Herz und wies den Redakteur in einem Kommentar darauf hin, dass auch nach der Rechtschreibreform im Deutschen ein Apostroph ein e, jedoch kein a ersetzt: Dass es folglich „was fürs Herz“ und nicht „was für´s Herz“ heißen müsste.

Warum ich diesen Fehler unbedingt korrigiert sehen wollte?
Mir ist Sprache wichtig – sie schlägt die Brücke vom Ich zum Du. So, wie wir kommunizieren, so sorglos, achtsam, leichtfertig oder fürsorglich – so gehen wir mit anderen Menschen um. Und immer wieder mit uns selbst.
Und, ja, da bin ich spießig: Ich denke, wenn jemand mit Sprache arbeitet, wie es nun mal ein Nachrichtenredakteur tut, sollte er sie zu benutzen wissen.

Artig bedankte sich der Redakteur auch für meinen Hinweis und besserte den Fehler aus.

Aber: Mit den auf meinen Korrekturvorschlag folgenden Hasstiraden der Facebook „User“ hatte ich nicht gerechnet – Beschimpfungen, Anklagen, Beleidigungen prasselten auf mich hernieder. (Ich glaube, dass all jene, die selbst das Apostroph falsch setzen, sich von mir kritisiert fühlten – und prompt mit Gegenangriffen reagierten, deren Vehemenz mich nach wie vor erschreckt. Menschlichkeit, quo vadis?)

Ich war entsetzt, beinahe schockiert: Wo kam denn dieser ganze Hass auf einmal her?

 

Ich habe früher einige Jahre intensiv Aikido praktiziert. Kurz vor dem Erhalt meines Shodan ordnete ich mein Leben Aikido unter – ich übte täglich mehrere Stunden. Ich wollte, unbedingt, diesen Weg der Harmonie und Energie für mich vollkommen entdecken, wollte Aikido von einer Technik, einer Kampfkunst, zur Lebenseinstellung machen - ich war fasziniert von dem Gedanken, Angriffe umzulenken, den Gegner nur mit seiner eigenen Energie zu Fall zu bringen – und vor allen von der Großherzigkeit, die „mein“ Aikido mir versprach: will Aikido doch niemals den Angreifer vernichten, sondern für ihn Einladung zur Veränderung, zur Verbesserung sein.

 

 

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Ich glaube heute: Aikido ist dann der Weg des Ai Ki, wenn es dir gelingt, dich und dein Ego vollkommen aus der Situation zu nehmen – du dein ganzes Sein auf dein Gegenüber konzentrierst. Wenn es dir nur noch um den anderen, kaum mehr um dich selbst geht.

Natürlich gelingt das im Alltag mal besser – und öfter schlechter. Und doch – es gelingt mir immer schneller, den Aufschrei meines Egos wahrzunehmen, bevor er allzu schrill ertönt.

Nichtsdestotrotz: Als ich diese Hasstiraden las, war für einen Moment der Drang, mich zu verteidigen, fast übermächtig. Ich wollte klarstellen, weshalb ich auf diesen Fehler aufmerksam machen MUSSTE, weil Sprache unser Werkzeug zur Verständigung ist, weil ich denke, dass, wenn jemand mit Sprache arbeitet, er ihre Regeln kennen sollte etc.

Dann hielt ich inne.

Wem galten diese meine emotionalen Reaktionen denn im eigentlichen Sinn? Von wem hatte ich den Eindruck, dass er mich nicht sieht, meine Motivation nicht kennt, vorschnell und unfair über mich urteilt? Die geifernde Meute im Internet war doch wenig mehr als ein belangloses Ärgernis.

Du musst nicht jedes Scharmützel fechten, das sich dir am Wegesrand darstellt. Du musst nicht jede Schlacht kämpfen, die dir jemand auferlegen will. Du hast die Wahl: Tritt einen Schritt beiseite, lass die Angriffsenergie ins Leere laufen. Nicht bei jeder Attacke lohnt es sich, dem Angreifer eine (um-)lenkende Hand zu reichen.

Ich löschte kurzerhand meinen Kommentar – und damit auch die zahlreichen Beleidigungen. Was davon übrig blieb, ist die vom Redakteur korrigierte Titelüberschrift „was fürs Herz“ und mein gleichmütiges Gefühl, mein Ego achtsam in seinem Aufbegehren wahrgenommen und besänftigt zu haben – indem ich es fürrsorglich ins Leere laufen ließ.

Ich denke heute, lange Jahre nach meiner aktiven Trainingszeit: Aikido im Leben meint vor allem Aikido leben, wenn du selbst dir Gegner bist.

 

 

Die stellvertretende Wiedergutmachung – und immer landest du bei dir.

Du willst noch schnell beim Discounter dein Abendessen holen – nicht, weil es deiner Philosophie entspricht, sondern weil er so günstig auf deinem Nachhauseweg liegt. Fürs gute Gewissen kannst du ja Bioprodukte kaufen.

Gerade willst du dein Rad abstellen, als du diesen alten Mann siehst: Schwer auf seinen Krückstock gelehnt, in der anderen Hand eine Tüte eben jenes Discounters, müht er sich ab, seinen Fuß über die kleine Schwelle zu haben, die den Parkplatz des Supermarkts vom Gehsteig trennt.

Schwerer Parkinson, vermutest du – oft zeigt sich diese Erkrankung auch in einer solchen Unmöglichkeit, diesen ersten Schritt zu tun. Du schaust einen Moment, ob er es schafft – nein, er kann die Bewegung nicht initiieren. Du gehst hin, „Darf ich Sie unterstützen?“, fragst du, er blinzelt dich aus eingefallenen blauen Augen an, um seinen Mund mit ganz dünnen Lippen sind noch Spuren seines letzten Essens, seine Schädelform ist deutlich zu erkennen, und schon drückt er dir seine Tüte in die Hand, sie ist schwer, viel schwerer, als du denkst, und ihre Plastikhenkel schneiden in die Finger. Er deutet auf den Bürgersteig. „Mhm“, nickst du, da gehen wir hin. Du hast geglaubt, er bräuchte nur Hilfe, um über die Straße zu kommen, aber nein: Als du anbietest, er könne sich bei dir unterhaken, tut er es sofort, und so spaziert ihr, ganz gemächlich und doch angespannt, jeder Schritt ist eine Herausforderung für ihn, die Tramschienen zu überqueren ein unglaubliches Hindernis, die Straße entlang. Er spricht nicht, nur vereinzelt antwortet er auf deine Fragen mit Lauten. Und so bist du still, vertraust dich an, er wird seinen Sinn haben, denkst du dir.

Für 150 m braucht ihr 20 Minuten, und die ganze Zeit über ist er bei dir, dein Großvater, der Held deiner Kindheit, dein Anker, deine Ferienzuflucht, dein Asyl vom dysfunktionalen Familensystem. Ob er wusste, in welche Hölle er dich zurückschickt, dich zurückschicken musste, überlegst du kurz, und du durchlebst den Moment erneut, als er in deinen Armen starb, nicht friedlich einschlafend, sondern sich aufbäumend, bis zum Letzten sich wehrend, wie dich die Ärzte aus dem Zimmer schickten, und du in alleine lassen musstest, ihm nicht helfen konntest, diesen letzten Weg geht jeder doch allein. Und dir wird klar, dass es keine Möglichkeiten mehr gibt, ihm all die Liebe zu vergelten, ihm zu zeigen, wie wichtig er für dich war. Wie viel mehr du hättest tun wollen, wie viel häufiger zu ihn besucht hättest, um wie viel zu wenig zu geleistet hast! Deine Schuld ruht fest auf deinen Schultern, treibt dir einen Eiszapfen mitten durch die Brust ins Herz.

Und du läufst nein du rennst immer weiter deinen schmerzen davon und auch wenn du keinen sinn findest nie finden wirst rennst du bis der schmerz sich zusammenkrümmt in embryonalstellung sich in eine ecke verzieht und dort erschöpft einschläft und auch wenn er da bleibt so gibt er für einen moment ruhe und dort hinten steht eine frau mit einer hundeleine in der hand und du suchst nach dem hund und findest ihn nicht doch da viel weiter hinten kommt ein alter mann ihr nach und dein ermattetes denken denkt ihm gehört die hundeleine um den hals denn er ist der tod doch der tod ist müde er hat keine lust mehr auf diese schnitzeljagd und bleibt einfach stehen und dein herz von diesem eiszapfen durchbohrt ist gefroren könnte auftauen wenn es warm wäre doch du weißt nicht wie es geht weißt nie wieder wie es geht und so rennst du einfach weiter und vielleicht ändert es sich irgendwann

Schuld, Leid und Tod formen sich zur tragischen Trias nach Viktor Frankl: Wir alle haben uns damit auseinanderzusetzen, wir alle sind damit schicksalshaft konfrontiert. Die Freiheit, die uns bleibt, ist, Stellung dazu zu beziehen. Der Tod ist unausweichlich, doch wenn ich in meinem Leben Sinn empfinde, wird er gegenstandslos, denn er ist kein Teil des Lebens. Meinem Leiden kann ich trotzen, ich kann mich ihm entgegenstellen, doch die Schuld, die ich mir aufgeladen habe, wiegt schwer. Hier muss ich Wiedergutmachung leisten, wenn nicht an dem, an dem ich mich verschuldigte, dann an einem Stellvertreter. Und so führst du den alten Mann die Straße entlang, bis er auf eine Bar deutet, die draußen Stühle hat, erschöpft fällt er in einem nieder, „Magst a Kaffeele, Günther?“, fragt die Bedienung, und er nickt und nun kann er sprechen, wenn auch mühsam, so krächzt er die Worte heraus „Wollen Sie auch einen Kaffee?“ und holt sich eine Packung Camel aus der Jackentasche. Und plötzlich bist du so erleichtert, als ob sein Rauchen bedeuten würde „so schlimm kann es nicht sein!“, und du lächelst und schüttelst den Kopf, gehst hinein zur Bedienung und notierst auf einem Blatt Papier deinen Namen und deine Nummer, falls er Hilfe braucht, soll er dich anrufen, und die Bedienung erzählt, dass es da irgendwo, selbst wenn er alleine lebt und sich nicht helfen lassen will, auch eine Nichte gibt, und Günther meist mit dem Taxi nach Hause fährt, sonst hat er auch sein Gehwagerl dabei.
Du steckst ihm den Zettel zu, er blinzelt dich an, und du glaubst, so etwas wie Dankbarkeit in seinen Augen zu erkennen

los ojos azules como el mar mi mar la mar eterna quisiera hundirme en tu mirada necesito perderme en tí no me dejes sola otra vez quédate devórame llévame contigo aunque sea la muerte tu destino

und er greift zu seiner Jackeninnentasche und du befürchtest für eine Sekunde, dass er dir jetzt Geld geben will, also gehst du schnell, ganz schnell weg.

Und vielleicht geht es gar nicht mehr darum, Sinn zu finden - das einzige was zählt, ist die Schmerzen zu betäuben, „what matters most is how well you walk through the fire“, schrieb Bukowski und so wird es wohl sein. Und irgendwann erkennst du vor dir auf dem Boden Tropfen, und vielleicht ist es der Regen, sind es deine Tränen oder dein Schweiß – vielleicht der Tau des Eiszapfens in deinem Herzen.

 


Was uns noch Hoffnung gibt

Du sagst, du kannst nicht mehr, du wartest auf ein Zeichen. 
So setzt du dich vor den Dornbusch und blickst in hypnotisierend an, damit er sich entzünde.

Wie lange du verharren willst, frage ich dich, während ich dir aus schwefelgelben Wattewolken, die ich vom Himmel pflücke, einen wärmenden Überwurf stricke. Ich hasse Handarbeit.

Bis du endlich Antwort bekommst, entgegnest du und blickst weiter in imaginäre Flammen.

Wie fragil die Hoffnung ist, wenn sie von einem Signal, das nicht kommen mag, abhängt...

Umgeben bist du von Menschen, die du kennen solltest, die dich mit Kosenamen rufen – doch sind sie dir fremd, du durchschaust sie nicht. Du weißt, du kannst doch lachen, scherzen, sogar tanzen, dich immer weiter im Kreise drehen – niemand wird merken, wie fremd du bist – und doch sind wir von einem unsichtbaren Zaun getrennt. 
Irgendwo haben andere Menschen eine Absperrung errichtet, durch die niemand mehr kommt. Sie lassen andere draußen, scharen sich zusammen, um etwas zu schützen, was niemand beim Namen nennt.

Wie zermürbend Hoffnung ist, wenn sie auf Mitfühlen zielt.

Einmal zu viel hast du dich im Kreis gedreht, deinen Spitzentanz geübt – so alt bist du nun, dass du dich kaum mehr im Spiegel erkennt. 
Komm´, lass uns, für einen Abend nur, so tun, als seien wir jung geblieben, als kannten wir uns seit Ewigkeiten schon, als gehörte die gemeinsame Zukunft nur uns. Steh´ auf von deinem Posten vor dem Dornbusch und gehe mit mir, ein Lagerfeuer entfachen, ich will dich bei der Hand nehmen, für einige Stunden nur. Danach, ja, danach, da kehren wir in unser Leben zurück, ziehen den Strafzettel unter den Scheibenwischern hervor und ärgern uns. Jedes Gefühl ist besser als diese seelenlose, gottverlassene Einsamkeit der Hoffnung, die sich nie erfüllt und doch nicht weichen will.

 


Die bestmögliche aller Welten, Sinn im Leiden und das Mikrogramm deines guten Wollens

Wenn mich jemand aufsucht, dann meist, weil er leidet. Manchmal ist es ein träges, zähes Leiden, das sich über viele Jahre wie schwarzer Teer, der in alle Ritzen gekrochen ist, festgesetzt hat, manchmal ist das Leid grellrot und tosend wie ein tropischer Wirbelsturm. Es sind Menschen, die ihre Eltern und Kinder zu Grabe tragen mussten, deren Körper und Seele durch verschiedenste Grausamkeiten Schaden nahmen, Menschen, die die Unwiederrufbarkeit von Entscheidungen beklagen, die an Einsamkeit zugrunde gehen – kurz: Es sind Menschen, die Unerhörtes auszuhalten haben.

Wir Therapeuten können das Leiden nicht von ihnen nehmen – wir können nur helfen, es zu tragen zu versuchen.

Die wenigsten von uns hatten sich irgendwann entschlossen, therapeutisch zu arbeiten, weil ihnen das Leben so wohlgesonnen gewesen war – die meisten von uns entschieden sich, weil sie das Leiden kennen. Weil sie wissen, wie es ist, in den Abgrund der Verzweiflung zu blicken, voll Entsetzen und Hilflosigkeit.

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Wir alle erleben Situationen, müssen uns Ereignissen stellen, die wir nicht (mehr) beeinflussen können – Momente, die unser Schicksal in sich tragen. Wir können es nicht mehr ändern, nichts beeinflussen - doch drohen wir zu zerbrechen – wie können wir solch´ Tragik akzeptieren?

Frage dich: Worin liegt deine Aufgabe, wieso widerfährt dies dir? Im Leiden selbst liegt kein Sinn verborgen – und doch musst du ihn finden, ihn dem Leiden geben – drücke deinem Leiden deinen Sinn (das, was Viktor Frankl „logos“ nennt) auf wie einen Stempel auf weißes Papier.
Du weißt nie, was anders hätte kommen können – du weißt nie, was dir, was deinen Liebsten erspart geblieben bist, weil es genau so gekommen ist. Wenn wir in der bestmöglichen aller Welten leben, gab es keine andere Option (doch lerne das, was du selbst bestimmen kannst zu unterscheiden von dem, was dir schicksalshaft auferzwungen ist!). Bemühe dich, durch dein Leiden mehr Gutes zu wollen, Gutes zu tun.

Und irgendwann sitzt du an einem Fluss, wirfst Kiesel in seinen Strom, und denkst daran, dass sein Staub das ist, was bleibt – das, was lange nach dir noch, in welcher äußeren Form auch immer, weiter gegeben ist. Was ist mit der Energie deines Denkens? Was bleibt, ,was verliert sich?
Was ist, wenn das Mikrogramm deines guten Wollens in der richtigen Waagschale landet, dort in der nächsten Welt, die gleich hinter unserer liegt, ab und an scheint sie doch durch? Würdest du dich nicht umso mehr bemühen, ihm noch mehr Gewicht zu verleihen?

Und immer wieder bleibt die Frage: An was glaubst du?

 

 


 

Find what you love and let it kill you (Bukowski)

Neulich erzählte mir ein Freund, dass er, wenn mal wieder ein Headhunter das Gespräch mit „Wie sieht Ihr Traumjob aus?“ eröffnen wollte, schlichtweg keine Ahnung hat, was er darauf antworten sollte. Mich lässt das nicht los: Seitdem kehren meine Gedanken immer wieder zur Frage nach dem, was uns antreibt, zur Frage nach dem (sinn-)erfüllten Sein zurück.

In Ermangelung einer echten Heimat verließ ich auf der Suche nach eben jener sehr bald mein „Zuhause“ und schlug mich als Kellnerin in verschiedenen Lokalen durch, um mir das Abitur und später das Studium zu verdienen. In zorniger Verzweiflung schleuderte ich in jugendlichem Trotz dem Leben mein „Nicht mit mir!“ entgegen – retrospektiv jedoch war wohl das, was ich damals als Wut empfand, Sehnsucht. Sehnsucht nach etwas, wenn schon nicht Besserem, doch wenigstens Anderem.

Sehnsucht zu haben bedeutet jedoch, dass ich an die Existenz dessen, wonach ich mich sehne, glaube. Ich spüre also, dass es etwas gibt, wonach ich streben kann – und dass ich es erreichen kann. In dieser Erkenntnis liegt auch Viktor Frankls Aufforderung, Stellung zu beziehen – Stellung dem Schicksal, auch dem nicht gewollten, gegenüber. Hierin liegt deine Freiheit: Du kannst dich jederzeit (er-)finden.

Heute, so viele Jahre später, habe ich in der Philosophie (und Psychotherapie entspricht für mich angewandter Philosophie) nicht nur seit langem meinen Beruf, sondern meine Berufung gefunden. Doch welche Sehnsucht steckt dahinter?

Carl Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie, ging von der humanistischen Grundhaltung aus, dass das „Ich am Du“ wird – dass wir alle von der Sehnsucht nach einer wahren, einer authentischen Ich-Du-Beziehung bewegt sind. Wir benötigen, um unser wahres „Selbst“ verwirklichen zu können, ein Gegenüber, das uns ohne Maske gegenüber tritt. Ein Gegenüber, bei dem auch wir unsere Maske fallen lassen können.

Wenn Rogers noch annahm, dass es niemanden in diesem Leben gelingen kann, zum vollständig kongruenten (stimmigen) Erleben (das Erleben, das ermöglicht, alles, was sich zeigt, wertfrei anzunehmen) zu gelangen, meine ich, dass in unserem letzten Moment unsere tiefste Sehnsucht (also unser Traum) erfüllt ist – in dem Augenblick, in dem wir finden, was wir suchten, können wir, friedvoll, gelassen, ein letztes Mal ausatmen.

Die echte Begegnung zeigt sich mir am besten in einem Bild – es beschreibt für mich den Moment, in dem wir in gegenseitiger Bedingungslosigkeit echt sein können – der Moment, in dem sich Eros, Philia und Agape begegnen (Blog: Lieben meint, das Beste im Anderen zu sehen).

Aneinander gelehnt blickt ihr schweigend hinaus aufs Wasser, keiner muss sich stärker oder leichter an den anderen lehnen, ihr braucht euch genauso viel und genauso wenig, keiner braucht den anderen mehr. Alles ist gesagt, Worte müssen keine Brücke mehr zwischen euren Wirklichkeiten bauen.

Bildquelle: eigene Aufnahme

Das Leben eines Traums setzt voraus, dass wir erkennen, was wir beeinflussen können: In ACT (der Akzeptanz- und Commitment-Therapie) orientieren wir uns am „Gelassenheitsgebet“:
"Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."

Im Herausfinden des Unterschieds irren wir oft, straucheln und stürzen.

Doch fliegen lernst du, indem du fällst und vergisst, auf dem Boden aufzuschlagen. Mach´ alle Fehler jetzt – Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Und wenn du es noch nicht gefunden hast, dein Gegenüber, das dich wirklich sieht, das dir ermöglicht, loszuziehen, um das zu finden, was du liebst, dann sei dir sicher, dass auch es dich sucht. Ihr werdet euch finden.

Zum Aufgeben sind wir alle zu jung - gleich, ob du 17, 40 oder 83 Jahre bist...


Für die Rekonstruktion der Menschlichkeit

Jeder Einzelne ist jeden Tag gefragt, Stellung zu sich in dieser Welt zu beziehen.

Wir als Philosophen müssen unserer ethische Verantwortung, Stellung zum Menschen in dieser von uns konstruierten Welt zu nehmen, laut und deutlich nachkommen. Wir können uns nicht hinter unseren Büchern verstecken, uns selbst vorgaukelnd, die Welt draußen hätte nichts mit uns zu tun, auch und eben weil wir drinnen an unseren Schreibtischen sitzen und sinnieren, während andere draußen sind und das verteidigen, was wir erdachten: Die Reglementierung unserer Menschlichkeit. Wir tragen zur Gesetzbildung bei, das muss uns deutlich sein.

Gerade weil es keinem mehr gelingt, den Niedergang der Menschlichkeit nur jenseits unserer Grenzen zu sehen – gerade weil jeder Einzelne von uns als Mensch erst das Abstraktum Menschlichkeit konkretisiert, sind wir gefragt, uns selbst zu über-denken, vielleicht uns neu zu er-denken.
 
Wir wollen nicht erleichtert sein, wenn das Gräuel ein einzelner Täter verübte, wir wollen nicht erleichtert sein, wenn die Grausamkeit „nur“ Amok und kein Terror ist.
Wie furchtbar, das Ausmaß der Betroffenheit von der Nationalität des Täters abhängig zu sehen, wie schlimm, denken zu müssen „wenn es ein Deutscher war, wird es nicht diese tragische Wirkung auf die Zunahme des Rassismus haben“.
Wie traurig, erleichtert sein zu müssen, wenn die, die wir lieben, in Sicherheit sind und andere ihre Toten betrauern müssen.Im Aikido lernte ich, dass es nicht die Waffe ist, die tötet, sondern der Mensch, der sie führt.Lasst uns dem Vorwurf der Naivität ins Gesicht lachen, lasst uns Unmögliches erspinnen, um Mögliches real zu machen: Lasst uns Utopien einer friedlichen, waffenlosen und gerechten Welt wie ein Sandschloss bauen, von der Neuverteilung der Ressourcen träumen, von der Bereitschaft, zu teilen, was uns im Übermaß gegeben ist. Lasst uns diskutieren, wie wir schon unseren Kindern Strategien zeigen können, den Menschen in sich nicht zu verlieren.Lasst uns von einem Miteinander sprechen, in dem jeder sich selbst im Anderen gespiegelt sieht.Lasst uns unsere Menschlichkeit rekonstruieren.

 

Vom Suchen und Finden von sich selbst: 42 und mehr

Kürzlich begab ich mich auf Spurensuche eines meiner Vorfahren: Ich wanderte den Caspar-David-Friedrich-Weg entlang, der ein Teilstück des Malerwegs in der Sächsischen Schweiz beschreibt.

Dabei ging es mir weniger um die Begegnung mit der Vergangenheit – denn sie existiert nur als Fiktion, sie ist nicht wirklich greifbar, wir erschaffen sie jedes Mal neu, wenn wir sie uns in den Kopf zurück (zurecht) rufen: Ich wollte der Vergänglichkeit begegnen.

An den detailliert beschilderten Plätzen, an denen CDF viele Stunden verbrachte, um Landschaften und Eindrücke auf Papier zu bannen, hielt auch ich inne: Ich atmete tief ein, stellte mir vor, wie er, so lange vor mir, hier saß oder stand und den Blick gen Himmel richtete. Fragte auch er sich, ob jemals Antworten zu finden sind?

Ich musste schmunzeln: Als junge Studentin war unsere an „per Anhalter durch die Galaxis“ angelehnte Antwort auf die Frage aller Fragen doch stets: 42! Doch: Was war die Frage aller Fragen?

Wer niemals fragt, muss keine Antworten suchen. Vielen Menschen mag es gelingen, dieses Bestreben nach einem Blick hinter die Kulissen, diese Wahrheitsuche, vielleicht gar nicht, vielleicht nur kurz zu spüren – es scheint leicht, sich selbst mit fadenscheinigen Ausflüchten und lauter Ablenkung vom Fragen weg durchs Leben zu bringen. Bleibt so Leid erspart oder bahnt es sich dennoch seinen Weg ins Leben, lähmt als gähnende Langeweile und Apathie hinter all der Vergnügungssucht jeden Drang, sich zu entwickeln?

Und doch: Wer sich den Fragen des Lebens nicht stellt, die Konfrontation mit der offenkundigen Sinnlosigkeit des Seins, die den Sinn, der dennoch dahinter durchscheint, maskiert, wird die existentielle Frustration betäuben müssen. Abhängigkeit, Aggression oder Depression ergeben sich daraus, stellte schon Viktor Frankl fest.

Dort, auf meinem Weg durch die regengetränkten Wälder und Felder, versuchte ich wahrzunehmen, die leicht die Überwindung des eigenen Ichs doch fallen kann: Wo auch immer ich meinen Fuß hinsetzte, ein anderer war vor mir da, ein anderer wird folgen. Menschen hinterlassen große und kleine Taten, tiefe und sanfte Spuren. Und ein jeder lebt.

Bildquelle: eigene Fotoaufnahme

Zurück in Dresden standen zwei junge Männer in der Fußgängerzone: Es war kalt und nass, die Menschen eilten vorbei. „Free hugs“ stand auf einem Schild vor ihnen und einer der beiden lächelte mich an. „Ich nehme eine“, lachte ich, und für einen langen Moment hielten wir, zwei Unbekannte, zwei im Universum der Sinnfrage Gestrandete, uns ganz fest. Für diese Sekunden verwoben wir unsere Schicksalketten ineinander. Wir spürten, was es heißt, Mensch zu sein.

Darum geht es mir in diesem Leben, das ist meine Essenz des Seins: Wir alle sind, und wir sind allein. Und doch sind wir, auf irgendeine Art, uns selbst überwindend, auf einer metaphysischen Ebene als Menschen vereint.

 


 

Vom Sinn des Lebens in einer Kaffeetasse

Als ich frühmorgens an einem Seminarwochenende durch die alkoholschwangere Stuttgarter Innenstadt laufe, stockt mir der Atem: Neben Obdachlosen, die auf Zeitungspapier ihr Nachtquartier die Häuserwände entlang aufgeschlagen haben, haben Flüchtlingsfamilien ihre Schlafsäcke auf den wenigen Stellen, die nicht vom Abfall und Erbrochenen des Partyvolks verunreinigt sind, ausgebreitet.

Aus den Tiefen eines Untergeschosses dröhnt noch hämmernde Clubmusik, ein Betrunkener wankt heraus und übergibt sich vor ein Schaufenster. Jeder Schritt weiter löst jeden Plural auf.

„Hast mal ´ne Kippe?“, „Hast Feuer?“, „Ein Euro, bitte“ - der Gang über die morgendliche Partymeile, deren Besucher von im gestrigen Feiern stocken, gleicht einem Spießroutenlauf.

Irgendwann einmal sind wir gefallen und haben dann vergessen, wiederaufzustehen.

In mir rumort Einsamkeit. Ich fühle mich fremd – nicht in dieser Stadt, vielmehr in diesem Leben.

Das Echo vergangener Gespräche klingt in meinen Ohren, babylonische Sprachfetzen, zu denen ich den Zugang verlor.

Die Welt ist voll unerfüllter Versprechen, gebrochenen Eiden und vergessenen Schwüren – weshalb hast du die Finger denn auf dem Rücken gekreuzt? Niemand hat dich aufgefordert, deine Zukunft herzugeben... Rückt nicht jeder Blick ins Jetzt auch die Vergangenheit zurecht?

Was, wer sind wir, die wir hier nach der Erfüllung trachten?

Wir gaukeln uns vor, dass wir unser Glück per Mausklick zusammenstellen können: Das Hotelzimmer muss Ausblick haben, der Partner Einblick, wir brauchen im Job Weitblick. Kombiniere die Anforderungskriterien an das Zimmer mit der buntflackernden Erlebnisdusche, den Partner mit dem waschbrettbauchharten Mindest-IQ und den Job mit der vielversprechenden Möglichkeit, via Burnout frühzeitig in Rente zu gehen. Beklage dich nicht auf deinem Sterbebett, du hättest nie das Beste versucht – nur wäre es dir verweigert worden. Beklage dich, dass es dir nicht gelang, Verantwortung für dich zu übernehmen.

Wann hören wir auf, uns selbst in die Tasche zu lügen? Wann werden wir sagen: „Jetzt ist´s genug!“?

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Ich will rennen, doch wenn ich nun zu rennen beginne, höre ich nie mehr auf. Deswegen kehre ich ein, in ein kleines Café, in dem der Verkäufer gähnend Backwaren in die Regale räumt. Ich bestelle mir eine Tasse Kaffe und betrachte, wie der Dampf, sich auflösend, nach oben zieht.

Der Nachhall von Erinnerungen an ein Gespräch mit einem Freund zieht vorbei – wir suchten nach Erklärungen für die blinde Unterhaltungslust vieler Menschen, nach Betäubung in Alkohol- und Discoschwaden.

„Aus purer Todesangst heraus betäuben die ihr Leben“, meinte er. "Niemand hat vom Leben etwas Ordentliches gelernt, solange er nicht weiß, dass jeden Tag Gerichtstag ist", zitierte er Ralph Waldo Emerson.

Und doch: Für mich ist Todesangst das Sich-Festklammern an etwas Fiktivem – niemand braucht Angst vor dem Tod zu haben, denn dieser ist kein Teil des Lebens, kein Teil von mir. Keine einzige Zelle meines Körpers hat Angst vor dieser Verwandlung, die mein Ich als Tod interpretiert – mein ichloser Körper lebt weiter, in Tieren, in Pflanzen, in der Erde. Angst ist eine Erfindung meines Geists, der wiederum selbst Illusion ist – mein Selbstbewusstsien, das sich aus der Hirnfunktion ergibt, reflektiert seine Endlichkeit und bibbert angesichts seiner Auflösung.

Das ist, wie wenn ein Schatten sich vor der Dunkelheit fürchten würde.

Mein Ich-Bewusstsein ist nur Reflexion, spiegelt die Idee dahinter – die allumfassende Idee des Seins, deren Teil wir alle sind.

Wenn ich heute aufhöre zu sein, blicke ich morgen als jemand anders in die Welt. Wir sind nicht getrennt, wir sind eins. Wir alle sind die Verwirklichung der Idee des Lebens, die allem zugrunde liegt. Wir brauchen nichts zu fürchten. Wir dürfen leben. Alle zusammen teilen wir uns die selbe Atemluft. Geben wir Acht auf uns. Dieser Augenblick ist alles, was wir alle haben. 

 


 

Das Quench der Einsamkeit: Lemminge auf dem Weg

Es ist spät am Abend, es ist Wochenende, es ist Wies´n-Zeit: Die Saison der zwanghaften Vergnügung ist eröffnet. Ich sitze in einem Café in der Münchner Innenstadt und betrachte durch das große Fensterglas das bunte Treiben auf der Straße. Vor nur wenigen Minuten hieß es auf dem Oktoberfest „nichts geht mehr!“ und nun bewegt, nein: torkelt der träge Besucherstrom an meinem Ausguck vorbei. So viele Menschen, so viele Wünsche, so viele Ziele... und doch nur eine Richtung. Macht es da einen Unterschied, dass die Wege unterschiedlich zu sein scheinen? Einer nach dem anderen ziehen sie vorbei. Wohin, wohin  nur? Was wartet am Ende als das Ende selbst?

Ich schaue zu meiner Begleitung, was ich jetzt brauche, ist ein Moment der mentalen Zweisamkeit, eine kurze Berührung der Seelen.

„Wohin die nur alle gehen?“, ich meine die Frage rhetorisch und metaphorisch, wer könnte mir die Antwort geben? „Die gehen alle zu After-Wies´n-Partys“ höre ich.

Als ich ein Kind war, durfte ich mir manchmal ein buntes Getränkepulver in ein Glas Wasser kippen: Im Nu war aus Wasser Quench geworden. Ich liebte den süßen Geschmack künstlicher Himbeere und Zitrone. In diesem Moment schaue ich in mein Glas vor mir auf dem Tisch, betrachte die gelbliche Färbung des Sanddorn-Secco-Mix und es ist, als ob ich, ungewollt, an einem Quench der Einsamkeit nippe. Kann es, darf es denn kein Miteinander geben? Ist diese Mauer so undurchdringbar, die das Ich vom Du trennt? Oh, Welt, sag´mir doch, einmal nur, welcher Begriffe du dich bedienst, um dich zu zeigen! Was ist dein zureichender Grund?

Wir alle habe eine begrenzte Zeit zur Verfügung, die Zeit zwischen Geburt und Tod – im Nachhinein wird sie zum Leben, im Nachhinein verleihen wir ihr Sinn. Doch während wir SIND, sind wir kaum imstande, uns lebendig zu spüren. Brav gaukeln wir uns vor, dem, was wir tun, Sinn abringen zu können. „Streng´ dich nur ein wenig mehr an und du nimmst sie schon noch wahr, die Einmaligkeit, die Unwiederbringbarkeit des Augenblicks“ scheint das Motto zu sein. Und sofort marschieren wir im Gleichschritt weiter, alle in die eine Richtung, derer sich kaum jemand gewahr ist.

Vielleicht haben wir schließlich zu akzeptieren, dass all jene kurzen Momente, in denen wir das vage Gefühl einer transzendenten Sinnhaftigkeit beinahe körperlich spürten, nur Zauberei waren. Für uns alle gibt es nur eine Richtung, wir alle sind wie Lemminge, einer folgt dem anderen in den Tod. Das blinde Taumeln, nicht das Ziel der Reise, ist, was erschrecken muss.

Halte inne. Wähle deine Sorte Quench, wähle ganz bewusst: Wähle das Miteinander. Denn das ist, woran du glauben kannst, über alle Enttäuschung hinweg, durch alle Einsamkeit hindurch, wenn auch nur als Idee.

 


 

Homo patiens – Ist Leben Leiden?

Die meisten von kennen diese Phasen im Leben, in denen nichts glatt zu laufen scheint: Kleinere und größere Missgeschicke reichen sich die Hand, das Schicksal teilt Kinnhaken aus. Und kaum haben wir uns von einem Schlag erholt und uns aufgerappelt, streckt uns der nächste erneut nieder.

Auch die überzeugtesten Atheisten und die wankelmütigsten Agnostiker beginnen sich nun zu fragen, für welche „Sünden“ sie denn zu büßen haben – alternativ bleibt das Verzweifeln an der ergebnislosen Suche nach einem Grund für so viel Unglück.

Doch das Hadern mit dem eigenen Los verhindert, dass wir diesen berühmten einen Schritt neben uns treten können, um von unserer individuellen Existenz zu abstrahieren und einen Blick aufs große Ganze zu werfen: Du leidest, unbestreitbar. Und doch: DU SELBST leidest und niemand, der dir nahe steht. Das eigene Leid zu schultern ist einfach, wesentlich einfacher, als das Leiden derer, die wir lieben, bezeugen zu müssen.

„Hör´ auf zu fragen, was das Leben dir schuldet – frage dich vielmehr, was du dem Leben schuldest“, würde Viktor Frankl, der Begründer der Existenzanalyse / Logotherapie, uns auffordern.

In seinen Worten finde ich Trost, wenn ich selbst im Hürdenlauf des Lebens ins Stolpern gerate, seine Worte gebe ich meinen Klienten, die mit ihren Dämonen zu kämpfen habe, weiter.

Viktor Frankl beschreibt, wie wir alle in der noetischen Dimension Kraft und Durchhaltevermögen in der „Trotzmacht des Geistes“ finden können, in diesem: „Jetzt erst recht – ich lasse mir nicht alles von mir selbst gefallen, und ich lache meinem Schmerz ins Gesicht!“

Den meisten von uns ist es vergönnt, als „homo faber“, als schaffender Mensch, oder als „homo amans“, als in Erlebniswerten Erfüllung findender Mensch, Sinn zu finden.

Und doch ist es dem Leben, dessen Teil wir sind, egal, was wir von ihm erwarten, und in seiner allumfassend neutralen Gleich-Gültigkeit bleibt manch einem von uns in größter Seelennot manchmal nur noch die Wahl, als „homo patiens“, als leidender Mensch, das Leben dennoch anzunehmen. (Viktor Frankls Werk „Trotzdem ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ legt Zeugnis davon ab.)

Ich glaube, und hier ändere ich für mich Frankls These ab, dass genau diese Fähigkeit uns Menschen auszeichnet: Dass wir uns auch im Elend darauf besinnen können, dass es in unserer Macht liegt, Sinnhaftigkeit selbst zu erzeugen. Ich denke, wir können unserem Tun Sinn quasi aktiv einverleiben, und wir können wählen, daran zu glauben.

Glaube und Sinn sind nichts, was über mich kommen muss, ich kann beides frei für mich er-finden. Wir können über unsere eigene Existenz hinausdenken, wir können unser Dasein transzendieren.

Wir alle sind im Leiden stärker, als wir im alltäglichen Sein vermuten. Und, ja: Ich hoffe, dass die meisten von uns so viel Glück haben, nie herausfinden zu müssen, wie viel sie wirklich aushalten.

Und doch, was immer bleibt, ist: Wir können uns fragen, was wir hinterlassen wollen. Welche Gedanken, welche Gefühle unsere Liebsten in sich tragen sollen, wenn wir sie verlassen haben – und wir können uns entscheiden, danach zu leben. Wir können HEUTE beschließen, unser Leben so zu leben, dass wir nie mehr zurückblickend feststellen müssen: „Ich bedauere das.“

 


 

Homo compatiens et sperans: für Suchende

Kürzlich fragten mich meine Schüler, ob bezüglich Frankls Konzept des sinnhaften Daseins ein Mensch, der als homo patiens der Sinnlosigkeit zu trotzen lernen musste, jemals wieder als homo faber oder homo amans Erfüllung finden kann. Kurz: Sie wollten wissen, ob es einen Weg zurück gibt.

Kann Entwicklung umgekehrt werden, kannst du, dein Kreuz geschultert am Ende deines Leidenswegs, dich umdrehen, zurückkehren in dein „altes“ Leben?

Kann Kierkegaards „religiöser Mensch“ zurückzuspringen (denn diese Entwicklung verläuft nicht linear – sie vollzieht sich in Sprüngen) in seine Existenz als ethischer oder ästhetischer Mensch?

Ich würde gerne mit Viktor Frankl am Rax, seinem Hausberg, einen Klettersteig gehen und ihn zwischendurch befragen: „Hr. Frankl, wenn Sie nun hier klettern, wie steht es um die Sinnhaftigkeit dieses Moments? Ist es nach alledem, was Sie erleben mussten, nicht vorbei mit jedem erfüllenden Gefühl im Schaffen und Erleben? Oder ist´s gerade umgekehrt: Eben WEIL Sie die Tragödie Ihres Lebens bezeugen mussten, sind Sie in der Lage, in diesem Augenblick wirklich zu SEIN?“

Frankl schweigt, ich muss mir die Antwort selber geben. So sehr ich einen Lehrmeister wollte, so still werden meine Großen.

Als Zeuge des Leidens (deines eigenen oder eines fremden) stehst du vor der Wahl: Du kannst die Aufgabe verweigern, dieses Leid zu transzendieren, und dich dann als „Momentejäger“ verdingen – du sammelst Berggipfel und / oder Menschen wie Trophäen.

Du hast die Wahl, niemand nimmt sie dir ab, niemand urteilt über dich als du selbst: Entscheide dich: Du kannst dich ebenso der leeren Sinnlosigkeit des Daseins stellen, in der Erkundung deiner ontologischen Einsamkeit.

Der Mensch, Momente jagend, erfährt, dass jeder Augenblick des Glücks vergänglich ist: Seine innere Einsamkeit treibt ihn in eine Höhle, in der er, nackt und verletzt, echte Begegnung meidet.

Der Höhle steht Konsum gegenüber: der Konsum lauwarmer Zwischenmenschlichkeit.

Der Momentejäger beginnt, fremde Körper wie Dämmmaterial um sich herum zu legen, schiebt kurzweilige Berührungen zwischen sich und sein existentielles Vakuum, taumelt von einem Liebeskummer in den nächsten, oder hört ganz auf zu lieben.

Gibt es Hoffnung? Wie kann er heilen?

Heilung kann nicht aktiv vorangetrieben werden kann – sie vollzieht sich, schleicht sich, zaghaft, unbemerkt, ins Leben ein. Dann hältst du inne, stellst verwundert im Rückblick fest: Der Schmerz hallt als Erinnerung in dir, wie das letzte Echo einer lang verklungenen Elegie.

Der Mensch als homo patiens, einmal tief verwundet, hört auf, Momente zu jagen – und dann erlebt er sie voll und ganz. Dem, der sich bewusst ist, dass es keinen Retter gibt, eröffnet sich eine andere Dimension der Zwischenmenschlichkeit: Im Akzeptieren und Durchschreiten der Einsamkeit wird echte Begegnung, wirkliches Erleben möglich, ein wahrhaftiges „Vom Ich zum Du“. Erwartungsfrei erkennst du im anderen dich selbst, erkennst, zu was wir Menschen in der Lage sind:

Als homo compatiens et sperans verbinden und verbünden wir uns im Wissen um das Leid der Welt, reden es uns mit seiner Endlichkeit gut, erfinden uns Hoffnung auf Verbundenheit. Und trotzen damit dem Vakuum.

In jeder Begegnung kannst du dich neu erfinden: Du kannst die Wahrheit deiner Biographie rekonstruieren, du kannst sie neu erschaffen – es bleibt stets ein Akt der Konstruktion.


Von steter Arbeit am Qi

Die moderne Verhaltenstherapie ist zu einem großen Teil von achtsamkeitsbasierten Ansätzen geprägt: Das meint nicht nur, dass wir dem Klienten Meditationstechniken an die Hand geben, ihn ins Yoga oder Qigong schicken oder ihn mit Defusionstechniken aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie Abstand von belastenden Gedankeninhalten gewinnen lassen – das meint vor allem auch, dass wir in einem ersten Schritt Gefühlen, so wie sie sich zeigen, Raum geben. Gefühle dürfen sein, wir lassen sie stehen – ohne sie sofort ändern zu wollen. Doch dabei gilt immer die alte Weisheit:

„Habe den Mut, das zu verändern, was du kannst
Habe die Gelassenheit, das Unveränderbare zu akzeptieren
Habe die Klugheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ 

Nun kommen zu mir in meine Praxis selten Menschen, die sich in der besten Phase ihres Lebens befinden. Nein – vielmehr klopft jeden Tag das Leiden an meine Tür.

Doch was hat es mit dem Leiden auf sich?

In dieser unserer Existenz ist Schmerz unvermeidbar – denn Leben bringt Bedürfnisse mit sich. Und nicht immer sind die Strategien, die wir wählen, um unsere physischen, psychischen und transzendentalen Bedürfnisse zu befriedigen, dauerhaft vorhanden: Güter schwinden, Menschen verlassen uns, wir trennen uns von ihnen, wir verlieren sie. Meist ist uns in solchen Situationen nicht ad hoc bewusst, dass das Universum uns eine Vielzahl von anderen Strategien zur Verfügung stellt, mittels derer wir unsere Wunden heilen könnten: Wir beginnen zu leiden.

Aus Perspektive von ACT ist Leiden das Ergebnis einer mathematischen Formel:

Leiden = Schmerz + Schmerz über den Schmerz

Leiden ist nicht naturgegeben – wir wählen Leid. Oft, weil wir nicht einsehen, wie wir selbst etwas zur Veränderung beitragen können – noch häufiger jedoch, weil wir nicht glauben wollen, dass wir selbst (und nur wir selbst) für unsere Bedürfnisse zuständig sind. Wir können von niemanden verlangen, dass er sich zur Strategie macht, die auf unsere Bedürfnislage abzielt. Oft genug müssen wir loslassen - Dinge, Menschen - und vor allem Ideen. Denn das, was weh tut, ist vor allem, dass wir uns von einer Vorstellung verabschieden müssen, von der Projektion unser selbst in eine Zukunft mit diesem Ding, dieser Situation oder diesem Menschen... Das mag erklären, weshalb es kein Patentrezept gibt, um Leiden auf seine Basis des Schmerzes zu reduzieren: Denn wenn es gilt, die IDEE, die Projektion von uns in die Zukunft, loszulassen, so ist jedes Mal aufs Neue zu erarbeiten, weshalb uns die Gegenwart OHNE diese Idee so unerträglich erscheint

. Das meint: Wir sind gefordert, stetig an uns zu arbeiten, um uns selbst, Schritt für Schritt, erkennend nahezukommen. Und manchmal können nur noch wir selbst uns spiegeln.  

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Ich habe bis vor Kurzem nie den Unterschied zwischen Tai Chi (was ich selbst einmal in einem Kurs vor vielen Jahren ausprobiert habe) und Qi Gong verstanden – selbstverständlich nutzte ich die Gelegenheit, einen Mann, der im Park Übungen machte, daraufhin anzusprechen. Ich weiß nicht, ob ich noch alle Unterschiedskriterien, die er mir nannte, richtig memoriere, aber alles in allem scheint es wohl so zu sein, dass a) Tai Chi aus Qigong heraus entstand, dass b) Tai Chi als Kampfkunst gilt, während Qigong als Teil der TCM Heilen / Energien ausbalancieren will, dass c) es natürlich unterschiedliche Bewegungen gibt und dass d) Tai Chi und Qigong auf verschiedene Art und Weise mit den Energien arbeiten. Während Taijijuan (Tai-Chi Chuan) nur sinngemäß mit „Kämpfen nach dem höchsten Prinzip“ übersetzt werden kann, bedeutet Qigong in etwa: „stete Arbeit am Qi“ (dem Ki, der Energie, wie es in anderen Kampfkünsten genannt wird).

Hier wurde ich hellhörig: Es geht um die stete Arbeit. Wenn mich mein westlicher Verstand nicht total in die Irre leitet, geht es also, genau wie in der eigenen psychischen Entwicklung, um ein „immer weiter Machen“, um ein "Nie Aufgeben", um ein "Dabei Bleiben" – TROTZ allem, nicht WEGEN allem. Es geht darum, auch in guten Zeiten am Ball zu bleiben, nicht nur in schlechten Zeiten aus der Not heraus etwas anpacken, verändern zu wollen.

Es geht darum, sich und seine Möglichkeiten insoweit kennenzulernen und zu trainieren, dass es immer deutlicher wird, was ich ändern kann und was ich akzeptieren muss.

Und vielleicht, vielleicht geht es auch ein wenig darum, dass ich mir immer wieder vor Augen halte, was noch aus mir werden kann – wenn ich es mir erlaube, wenn ich daran arbeite. 

 


Der Mensch wird am Du zum Ich – weshalb gerade in der Psychotherapie Technik an zweiter Stelle steht

Wir alle sind Menschen auf unserem Lebensweg begegnet, die uns prägten – so oder so. Es sind Begegnungen, die wir als Erinnerungen mitnehmen, die uns begleiten, die uns, retrospektiv oder gegenwärtig, unser Ich spiegeln. Menschen sind es, die uns zerstören, aber auch wachsen und reifen lassen können.

Wenn meine Schüler der Verhaltens- oder Hypnotherapie beginnen, sich in psychotherapeutischen Techniken zu üben, laufen sie oft Gefahr, zunächst das wirklich Wichtige der Therapie aus den Augen zu verlieren: die Begegnung zwischen dem Therapeuten und Klienten. In vollster Konzentration auf die Methodik fahren sie die Beziehung an die Wand. Sie vergessen, dass die Lösung, die jeder Mensch schon in sich trägt („Der Klient bringt nicht nur das Problem, sondern auch die Lösung mit“) nur dann entdeckt werden kann, wenn der Klient sich traut, den Blick nach innen zu wenden. Sich selbst Hinterfragen, sich selbst Erkennen ist riskant. Wie hilfreich ist ein Du, das mich nicht-wertend auf dieser Reise zu meinem Ich begleitet, das mir das Potenzial meines Ichs reflektiert!

Seit mehr als 15 Jahren bin ich therapeutisch tätig, noch länger unterrichte ich: Und immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass das, was wir Menschen brauchen, wirklich brauchen, kein Ratschlag, kein Lösungsvorschlag, kein (moralisches) Urteil (auch kein positives!!!) ist. Diese externen Bewertungen entfernen uns nur noch mehr von uns selbst, entfremden uns von unserem „Seinskern“. So macht es manchmal einen großer Teil der Therapie aus, sich durch all die Rollen, all die (Vor-)Urteile und Gaukeleien, die der Klient sich angewöhnte (um schlussendlich doch nur sich selbst zu betrügen) hindurchzuarbeiten.

Ich glaube: Wonach wir uns sehnen (nicht nur in der Therapie) ist ein Gegenüber, das signalisiert: „Ich sehe dich. Ich sehe durch das, was du vorgibst zu sein, hindurch. Ich halte aus, was du tust und unterlässt, ich urteile nicht, ich richte nicht. Ich lass dich so sein, wie du im Augenblick bist – damit du wirst, was du sein kannst.“

Die echte Begegnung, das „vom Ich zum Du“, wie es Carl Rogers in zahlreichen Variationen immer wieder beschrieb (und er war maßgeblich von Martin Buber geprägt), ist meiner Erfahrung und Überzeugung nach das eigentlich Entscheidende: Die Beziehung zueinander ist der heilende Faktor  der Therapie. Und dieser reicht doch weit über das therapeutische Setting hinaus in  jede Art von Beziehung: natürlich zwischen Therapeut und Klient, aber auch zwischen Dozent und Student, in Partnerschaften, Freundschaften, Begegnungen zweier Menschen aus der Straße. Selbst, wenn dieses Aufeinandertreffen (die Therapie ist nur ein Sonderfall einer zwischenmenschlichen Begegnung, meinte Rogers) nur kurz ist – als Momentaufnahme des Menschseins muss die Wirkung nicht flüchtig bleiben.

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Ich war noch nicht ganz volljährig, als der Kroatienkrieg ausbrach. Ich erinnere mich genau an das Entsetzen, an die Fassungslosigkeit, die mich ergriff, als ich die Nachrichten im Radio hörte: Wie konnte es sein, dass sich im Jahre 1991 Menschen gegenseitig umbrachten? Wie konnten alle tatenlos zusehen?

Ein Banner war schnell gemalt – ich schnappte mir meine Gitarre und meine beste Freundin, schmierte mir Asche ins Gesicht und wollte am Rathausplatz der Stadt, in der ich damals wohnte, eine spontane Demo organisieren. Doch niemand interessierte sich für die beiden Mädchen, die mit schwarzen Gesichtern am Brunnen standen. So zogen wir weiter zum S-Bahnhof. Den aus der Station eilenden Passanten schleuderte ich mein Mantra „Gegen den Krieg!“ entgegen – und erntete nur ängstliche oder verächtliche Blicke. Ich war verstört, in meiner Seele tobte ein Aufruhr, den ich nicht besänftigen konnte. Verschuldigte sich nicht ein jeder, der wegsah, genauso wie die Kriegstreiber an der Menschlichkeit?

Da trat mir eine Frau entgegen – sie muss um die 50 Jahre alt gewesen sein. „Sie dürfen nicht gegen den Krieg sagen!“, meinte sie, „Sagen Sie: Für den Frieden!“

Ich weiß nicht, wie es genau geschah – ich fand mich weinend in ihren Armen wieder. Diese fremde Frau ließ mich an ihrer Schulter all die Tränen, die nur ein noch junges, vom Pathos ergriffenes Mädchen weinen kann, vergießen – sie hielt mich fest, sie stand mir für diese wenigen Augenblicke bei. Dann trennten sich unsere Wege. Das war das erste Mal in meinem Leben, das ich erfuhr, dass Menschen nicht nur verletzen können: Wir können an Begegnungen genesen.

 

Begegnungen lassen uns wachsen, sie helfen uns zu gesunden, uns selbst zu entdecken.

Erstaunt uns dies wirklich?

Menschen sind es, die uns zerstören können – ist es da nicht nur gerecht, dass es auch Menschen sind, an denen wir heilen können?


Eine Parabel: Kirschenessen mit dem Tod

Seit einigen Monaten hat sich der Tod in meinem Leben eingenistet: Wie zu einem Picknick im Grünen breitete er seine Decke und packte er seinen Korb aus und ließ sich nieder. Und nun sitzt er da und schmaust: Einen großen Pott Kirschen hat er mit gebracht.

„Vor dem Herbst sterben die Leute eher als die Fliegen“, hieß es damals, in meiner Kindheit, bei uns auf dem Land.

Er spuckt gerne mit den Kernen um sich, der Tod, und ab und zu trifft mich ein solcher an der Schläfe. Denn ich sitze da, mit ihm auf der rot-grün-karierten Decke, unsere Beine berühren sich fast. So bemüht ich auch in die Ferne blicke, singt der Wind, leise die Baumwipfel streichelnd, sein Lied der vergessenen Ewigkeit.

Ich sammle die ausgespuckten Kerne auf: Ich will verhindern, dass sie Wurzeln schlagen, dass sie wachsen, zu mächtigen, Früchte tragenden Bäumen.


„Ich habe so Angst zu sterben – obwohl ich an Reinkarnation glaube“, gesteht ein Klient.

„Ich trauere seit 15 Jahren um meine Toten“, beklagt sich eine Frau, „und spüre dennoch ihre Seelen um mich herum!“

Ich bin ein Agnostiker, der nach Erleuchtung sucht, sage ich zu meinen Freunden, die mich zu fragen meinen. Ich sag´s auch dann, wenn sie´s nicht wissen wollen. „Gib Bescheid, wenn du sie gefunden hast“, kann nur die Antwort sein.

Der Tod sitzt neben mir, isst Kirschen und spuckt mir die Kerne vor die Füße.

Mein Handy vibriert, ich lese die Nachricht vom letzten Todesfall. Wird der Tod realer, wenn er da geschrieben steht? Ist es einfacher, den Tod nicht auszusprechen?
Der Tod grinst mich an: In einer seiner Zahnlücken steckt ein Kirschkern fest.

Ich erinnere mich, wie der Tod das erste Mal in mein Leben trat: Ich war in etwa fünf Jahre alt, als meine Urgroßmutter, meine „Dudi“, starb. Meine frühen Lebensjahre begleitete sie wie ein gutmütiger Flaschengeist: Meine Schwester und ich neckten sie, indem wir ihr Gras in die Schuhe steckten, und sie rächte sich, indem sie uns die Füße kitzelte. Wie kostbar, wie wunderbar die wenigen Momente waren, in denen ich sie „erwischte“, früh am Morgen, bevor sie sich ihre taillenlangen, grauen, glatten Haare zu einem kunstvollen Dutt zwirbelte!

Und dann, eines Tages, hieß es: „Dudi ist tot.“

Die alte Frau hatte sich abends noch die Haare gewaschen, sich sonntäglich gekleidet und sich auf einen Stuhl zur Ruhe gesetzt. Dort fand mein Großvater, ihr Junge, sie am nächsten Tag.

Auf der Beerdigung war ich wie von Sinnen: Dort, in dieser Kiste, sollte meine Dudi liegen? Was soll die Ehrensalve der Dorfkapelle denn bedeuten? Erschreckt sie nicht die Seelen, die über den Wolken spielend sich tummeln? Ich weinte, ich trauerte, ich begriff diese Erwachsenen-Welt nicht.

Ich habe sie bis heute nicht verstanden.

Vergangene Woche starb ein Mensch, Freund will ich ihn nennen, überraschend, an einem Herzinfarkt.

Wenn wir trauern, trauern wir um uns: Wir trauern um eine verlorene Zukunft, wir trauern um all die verschenkten Optionen, wir trauern um all die Momente mit dieser Person, die nun ungelebt bleiben. Sieh zu, dass du keinen Menschen im Diesseits verlierst! Nutze jeden Moment, dem, der dir wichtig ist, so nahe wie nur möglich zu sein. Du musst niemanden retten, du kannst es nicht, auch dich nicht – doch in der Unendlichkeit des Lebens bist du hier, bist ein Kirschkern, der sich verwurzelt, wächst und sich dem Himmel entgegen reckt.

Ich nehme mein Handy und schreibe einer anderen Person: „Hast du Sonntag Zeit?“

„Ich bin beschäftigt“, kommt zurück, „irgendwann anders vielleicht.“

Don´t call us, we call you. Ich zwinge mich, innerlich mit den Schultern zu zucken, aber: Warum ist mir so kalt?

Ich pflückte ein Zweiglein vom Boden und reiche es dem Tod. Er steckt es zwischen die Zähne und holt den steckengebliebenen Kirschkern hervor. Dankbar nickt er mir zu und bietet mir eine Handvoll seiner Früchte. Ich nehme eine Kirsche, sie ist saftig, verführerisch und rot – sinnliches Sinnbild, voll praller Lebendigkeit.

Der Tod und ich spucken mit Kirschkernen um die Wette.